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Wirtschaft

Von der Leitzinssenkung der EZB darf man keine Wunderdinge erwarten

Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag (8. 11.) die Zinsen überraschend deutlich gesenkt. Die Zeit dafür war reif, wenn nicht sogar überreif.

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500 Euro Schein (verso)

Trotzdem können die Frankfurter Währungshüter von sich behaupten, nicht getrieben worden zu sein, sondern völlig souverän ihren Spielraum ausgenutzt zu haben. Einen Spielraum, der durch die überaus mäßigen Inflationsraten in Euroland entstanden ist - und die sind auch ein Produkt der bislang sehr vorsichtig betriebenen expansiven Geldpolitik der EZB.

Druck hatte es von vielen Seiten gegeben. So hatte die US-Notenbank erst vor zwei Tagen zum zehnten Mal in diesem Jahr die Zinsen reduziert - auf glatte zwei Prozent, das niedrigste Niveau seit vierzig Jahren. Dieser Schritt hatte natürlich auch den Druck auf die EZB erhöht, nun ihrerseits den Rezessionssorgen an den Finanzmärkten entgegen zu treten. Druck kam auch von den Devisenmärkten. Hätte die EZB die Zinsen entgegen der Markterwartungen erneut unverändert gelassen, hätte es auch mit ziemlicher Sicherheit einen Kurseinbruch beim Euro gegeben. Das Vertrauen der Märkte in die Notenbank wäre dann endgültig dahin gewesen. Und Druck kam schließlich von vielen Experten. Zum Beispiel vom Direktor des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler. Der hatte klipp und klar gesagt, er sehe in den Euroländern keine Inflationsgefahr, sondern eher eine Rezessionsgefahr.

EZB-Präsident Wim Duisenberg selbst schließlich hatte am Montag mit dem Hinweis auf eine günstige Inflationsentwicklung die Erwartungen der Märkte auf einen Zinsschritt geweckt. Die Inflation werde Anfang 2002 deutlich unter die EZB-Toleranzgrenze von zwei Prozent fallen und auf diesem niedrigeren Niveau verharren, prophezeite er am Anfang der Woche. Tatsächlich hat sich Teuerungsrate in der Euro-Zone seit dem Achtjahreshoch von 3,4 Prozent im Mai bis auf vorläufig 2,4 Prozent im Oktober verringert. Und in Deutschland hat die Inflation nach endgültigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die EZB-Marke von zwei Prozent bereits erreicht. Das ist der niedrigste Stand seit August 2000, und für´s nächste Jahr rechnen die meisten Experten mit einem Absinken der Inflationsrate auf deutlich unter zwei Prozent.

Die EZB hat also ihren geldpolitischen Spielraum genutzt. Aber wofür? Eigentlich nur, um ein Signal zu setzen. Ein Signal, das da lautet: Seht her, wir tun unseren Teil, um in Euroland ein Abgleiten in die Rezession zu verhindern. Wir versorgen die Wirtschaft mit genügend Liquidität, wir schaffen die Voraussetzung für günstige Kredite, soweit das die Preissteigerungsraten zulassen. Mehr kann die EZB nicht machen, und mehr von ihr zu erwarten wäre auch ungerecht. Denn es ist Sache der Banken, diese günstigen Zinsen möglichst unmittelbar und ungeschmälert an die Wirtschaft weiter zu geben. Es ist Sache der Unternehmen und der Haushalte, das beste aus diesem nun günstigeren Umfeld zu machen. Und es ist Sache der Wirtschafts- und Fiskalpolitik, Signale in die gleiche Richtung zu geben.

Den Mut zu mehr Reformen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, vermissen viele Experten schon seit langem. Und die Bereitschaft der Banken, die günstigen Konditionen sofort weiter zu reichen, war noch nie sonderlich ausgeprägt. Guthabenzinsen senken sie natürlich sofort, mit den Kreditzinsen lassen sie sich dagegen viel Zeit. Die Bereitschaft der Unternehmen und Haushalte schließlich, mehr zu konsumieren und zu investieren, wächst auch nicht automatisch nach einer Leitzinssenkung. Zehn mal hat Alan Greenspan in den USA die Zinsen gelockert, und trotzdem haben die Konsumenten und Unternehmer noch nicht ihr altes Vertrauen in die Zukunft zurück gewonnen. Vier mal haben es nun die Europäer den Amerikanern gleich getan - und auch hier darf man keine Wunderdinge über Nacht erwarten.

  • Datum 09.11.2001
  • Autorin/Autor Rolf Wenkel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1LmB
  • Datum 09.11.2001
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