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Nahost

Von der Heiligen Stadt in die Ewige Stadt

Jörg Bremer ist umgezogen: von Jerusalem nach Rom. 18 Jahre lang berichtete der Korrespondent für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus dem Nahen Osten. In seinem neuen Buch blickt er zurück auf seine Zeit in Jerusalem.

Stadtansicht von Jerusalem (Foto:ap)

18 Jahre lang war Jerusalem Jörg Bremers Heimat

Eine Israelin und ihre Kinder suchen Schutz vor einem palästinensischen Raketenangriff (Foto:ap)

Ob Israelis, die in Angst vor einem Raketenbeschuss Deckung suchen...

18 Jahre lang war Jörg Bremer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Jerusalem. 18 Jahre, in denen er die große Euphorie des Friedensprozesses erlebte, den Mord an Ministerpräsident Jitzhak Rabin und den Ausbruch der Zweiten Intifada. Jerusalem war, wie er heute im Blick zurück sagt, ein Traumposten, einer der schönsten Posten, die man sich denken kann.

Unter dem Kürzel "Jöb" veröffentlichte Bremer in dieser Zeit Tausende von Artikeln, Interviews und Kommentaren, Berichte aus einem Konfliktgebiet, das in diesen zwei Jahrzehnten nur wenige glückliche Zeiten kannte. Kurz vor Beginn des Friedensprozesses war er gekommen, kurz nach dem Ende der israelischen Gaza-Offensive im Januar 2009 verließ er Israel - und war froh darüber.

Sprachlos vor Entsetzen

Eine palästinensische Familie trauert um einen getöteten Verwandten (Foto:ap)

...oder palästinensische Familien, die um getötete Verwandte trauern...

"Ich muss sagen, dass ich nach 18 Jahren glücklich war, draußen zu sein, weil mein Ansatz, leidenschaftlich und mit dem Blick für jeden einzelnen auf beiden Seiten beobachten und erzählen zu können, kaum mehr durchsetzbar war", sagt Bremer im Interview mit der Deutschen Welle. Am Ende sei ihm einfach die Sprache weggeblieben über soviel Grauen. Das Entsetzen über die permanente Gewalt habe sich buchstäblich in seinen Poren festgesetzt.

Darum sei er dankbar gewesen, als seine Korrespondententätigkeit in Israel/Palästina zu einem Ende kam. Doch bevor die Zeit vorbei war, in seinen letzten Monaten in Jerusalem, begann Bremer, seine Erinnerungen aufzuschreiben. "Die Familie war schon weg und ich hatte viel Zeit", erzählt er. Nun ist das Buch im Berliner Nicolai-Verlag erschienen - unter dem Titel "Unheiliger Krieg im Heiligen Land". Es ist ein persönlicher und politischer Blick zurück auf die vielleicht ereignisreichste Zeit seines Lebens, die der FAZ-Journalist mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der "deutschen Kolonie" in Jerusalem verbrachte, einem ehemals von deutschen Templern errichteten Stadtviertel.

Der Tempelberg in Jerusalem (Foto: Berthold Werner)

... die ständige Gewalt im Nahen Osten hat Jörg Bremer doch sehr zugesetzt. Und trotzdem denkt er an seinen Arbeitsplatz in Jerusalem heute mit Wehmut zurück.

"Es ist eine Mischung aus persönlichen und politischen Erinnerungen", fasst Bremer sein Buch zusammen. Er berichtet darin über sein Leben in Jerusalem, die Schulzeit seiner Kinder, die Aktivitäten der Familie, aber auch über seine Begegnungen und Gespräche mit führenden israelischen und palästinensischen Politikern. Mit manchen von ihnen, wie dem Ministerpräsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde Salam Fayad und dem ermordeten israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin, habe ihn eine persönliche Freundschaft verbunden.

Für den bekennenden Protestanten Bremer, der in Jerusalem aktives Mitglied einer Kirchengemeinde war, ist Israel/Palästina immer auch "Heiliges Land", Wiege der Christenheit und des Judentums. Die Religion sei für ihn von Anfang an ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Nahen Ostens und seiner Konflikte gewesen und bis zum Schluss geblieben. Darum schmerze es ihn besonders, dass die Religion die Völker der Region so entzweie.

Religion als Schlüssel

Cover Unheiliger Krieg im Heiligen Land

Seine Erfahrungen aus 18 Jahren in Jerusalem hat Bremer in diesem Buch zusammengefasst

Als gläubiger Christ fühlt sich Bremer den bedrängten palästinensischen Christen verbunden. Fest steht für ihn aber auch, dass Israel eine sichere Heimstätte für die Juden sein muss, an deren Existenzberechtigung nicht gerüttelt werden darf. "Für mich ist der Bestand eines sicheren Israels nach der Shoah die Grundvoraussetzung für alles weitere", sagt er. An dieser Überzeugung habe er nie einen Zweifel gelassen und darum treffe es ihn, wenn ihm Antisemitismus vorgeworfen werde.

Denn auch das gab es in den 18 Jahren von Bremers Korrespondententätigkeit in Jerusalem: Scharfe Angriffe und regelrechte Kampagnen gegen den FAZ-Journalisten. Doch Bremer hatte, wie er selbst sagt, "eine starke Redaktion" an seiner Seite, die auch in schwierigen Zeiten zu ihrem Korrespondenten stand.

Trotz dieser Erfahrungen: Leidenschaft für die Menschen auf beiden Seiten des Konflikts, das ist Bremers Motto geblieben. Diese Leidenschaft aber macht das Leben eines Berichterstatters auch schwer, denn irgendwann möchte er nicht mehr nur berichten, sondern auch helfen.

"Es kann nicht die Aufgabe eines Journalisten sein, tätig zu werden", sagt Bremer und fügt im gleichen Atemzug hinzu: "Aber natürlich, man kann viel machen." So habe er immer wieder geholfen, Not zu lindern. Er habe Hörgeräte und Batterien in den Gazastreifen gebracht und Insulin und Diabetes-Teststreifen nach Bethlehem. Noch heute seien er und seine Frau engagiert in verschiedenen Hilfsprojekten in den palästinensischen Gebieten. "Aber weiter kann es ja nicht gehen", sagt Bremer nachdenklich und fast resigniert.

Rillen im Gemüt

Weihnachten in der Bethlehemer Geburtskirche (Foto:ap)

Weihnachten in der Bethlehemer Geburtskirche

Mit seinem Buch versucht Bremer nun, einen Schlussstrich zu ziehen unter seine lange Zeit als Nahostkorrespondent. Doch so ganz gelingt ihm das nicht. Noch immer schaut er morgens zuerst in die Online-Ausgaben der israelischen Zeitungen. Israel wird ihn wohl nie loslassen. "Letztendlich hat dieser Zeitraum meines Lebens so tiefe Rillen in mein Gemüt gekratzt, dass ich aus diesen Rillen nie richtig rauskommen werde."

Inzwischen lebt Jörg Bremer in Rom und berichtet von dort für die FAZ. Manchmal komme er sich dort vor wie die Apostel Petrus und Paulus, die doch auch von der Peripherie, von Jerusalem nach Rom gekommen seien. Die prächtigen barocken Bauten der Ewigen Stadt fände er furchtbar langweilig und mit dem Petersdom könne er als Protestant sowieso nicht viel anfangen. Gleichzeitig strahle aber gerade dieser Petersdom eine Gewissheit aus, die beruhigend wirke. Trotzdem: die Sehnsucht nach dem Heiligen Land, die bestehe für ihn fort, auch und gerade in der Ewigen Stadt Rom: "Gerade an Weihnachten und Ostern denke ich immer daran. Und an Weihnachten muss ich nach Bethlehem."

Autorin: Bettina Marx
Redaktion: Thomas Latschan