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Bildung

Von der Gulaschkanone zur Mensa

Eine Stimme für die Studierenden: Seit 1921 sorgen Studentenwerke dafür, dass die Studierenden Geld bekommen, günstig essen und wohnen können. Auch bei den aktuellen Studentenprotesten unterstützen sie die Demonstranten.

Buchstabensuppe (Foto: dpa)

Ein leerer Bauch studiert nicht gern ...

Mit den Gulaschkanonen des kaiserlichen Heeres ging es los. Zumindest in Dresden. Dort schnappten sich die Studenten nach dem Ersten Weltkrieg die ausrangierten Behälter, um warme Mittagsmahlzeiten für ihre hungrigen Kommilitonen herzustellen. Denn vielen Studenten ging es damals schlecht: Sie hatten kein Geld fürs Essen, Wohnen oder für Bücher. Um sich gegenseitig besser unterstützen zu können, gründeten sie 1919 die "Deutsche Studentenschaft". Damit war der Grundstein für die Deutschen Studentenwerke gelegt.

"Die Studierenden wollten keine Almosen, sondern die Hilfe zur Selbsthilfe", erzählt Professor Rudolf Pörtner, Geschäftsführer des Studentenwerks Dresden, das in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag feiert. "Die Studenten hatten den Anspruch, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu organisieren." Also arbeiteten sie in den Semesterferien als sogenannte "Werkstudenten" in der Landwirtschaft, in Betrieben oder Fabriken, um mit dem Geld das Essen und Wohnen zu bezahlen. Beides gab es in den von reichen Bürgern finanzierten "Studentenhäusern" billiger.

Studierende in einem Hörsaal der Universität Köln (Foto: dpa)

Bildung für alle: Wer sein Studium nicht aus eigener Tasche bezahlen kann, erhält finanzielle Hilfe.

Vom Darlehensfonds zum BAföG

Außerdem seien mit den Geschäften in der Region Abmachungen getroffen worden, erzählt Pörtner. Studenten zahlten nur die Hälfte – egal, ob sie beim Bäcker Brötchen kauften oder sich beim Friseur die Haare schneiden ließen. Darüber hinaus sorgten die Studentenwerke dafür, dass Darlehensfonds eingeführt wurden. So mussten die Studenten in der Zeit vor ihrem Examen nicht mehr arbeiten und konnten sich ganz auf die Prüfungen konzentrieren. Viele Jahre später entwickelte sich aus diesen Fonds die staatliche Ausbildungsförderung des BAföG. Seit 1971 erhalten alle Studenten und Schüler eine finanzielle Unterstützung, deren Eltern nichts oder nur wenig für die Ausbildung zahlen können.

Unter den Nationalsozialisten änderte sich das Prinzip der Studentenwerke, die eine "Stimme für alle Studierenden" sein wollten. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 wurden die Werke "gleichgeschaltet". Statt der vielen regionalen und eigenständigen Vereine gab es nun ein "Reichsstudentenwerk". Es stellte nur noch Mitarbeiter mit Parteibuch ein und unterstützte nur noch diejenigen Studenten, die eine "nationalsozialistische Gesinnung" zeigten.

Nicht nur Mensa und Wohnheim

Studierende mit Kindern an der FH Merseburg (Foto: dpa)

Studierende mit Kindern werden von den Studentenwerken besonders unterstützt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten sich die Studentenwerke in der Bundesrepublik neu. "Seitdem gibt ein Nebeneinander von direkter Förderung wie dem BAföG und indirekter Förderung wie dem verbilligten Essen in der Mensa oder dem günstigen Wohnen in unseren Wohnheimen", sagt Rudolf Pörtner. Zahlreiche andere Aufgaben kamen hinzu. So bieten die Studentenwerke heute eine Vermittlung für Ferienjobs, psychologische Betreuung und Rechtsberatung an. Es gibt eigene Kindergärten für Studierende mit Familie oder auch kulturelle Initiativen wie Chöre und Orchester.

In Ostdeutschland wurden die Studentenwerke erst nach dem Fall der Mauer 1991 wieder gegründet. Vorher hatten die Universitäten zwar auch Mensen, Wohnheime, Kinderbetreuung und Beratungsangebote, aber sie lagen nicht in der Hand einer Organisation. "Der Vorteil der Studentenwerke ist ja gerade, dass sie für alle Hochschulen an einem Ort zuständig sind und damit überall das gleiche Angebot gewährleistet ist", sagt der Geschäftsführer in Dresden.

Ein international besonderes Modell

58 Studentenwerke gibt es heute in Deutschland mit fast 16.000 Beschäftigten. Sie bieten rund 180.000 Wohnheimplätze an und betreiben an den Hochschulen rund 740 Mensen, Cafeterien und Bistros. Ein international fast einmaliges Modell. Nur in Italien und Frankreich erfahren die Studierenden laut Pörtner eine ähnlich organisierte soziale Unterstützung.

Gerade heute könnten viele junge Leute ohne die Hilfsangebote der Werke nicht mehr studieren, glaubt der Geschäftsführer des Dachverbands der Deutschen Studentenwerke, Achim Meyer auf der Heyde. "Bologna, Studierendenhoch, soziale Öffnung der Hochschulen, Fachkräftemangel: Das deutsche Hochschulsystem steht vor großen Herausforderungen", betont der Generalsekretär. "Die Studierenden brauchen starke Studentenwerke, um diese Herausforderungen bewältigen zu können." Außerdem können sie jede Stimme brauchen, die sie bei ihren Forderungen nach besseren Studienbedingungen, mehr Mitbestimmung, Lehrplanentrümpelung im Zuge der Bologna-Reform und bei der Abschaffung der Studiengebühr unterstützt. Für diese Forderungen setzt sich auch der Dachverband der Studentenwerke ein.

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Gaby Reucher