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Asien

Von der "Gelben Gefahr" zur großen Chance

Vor sechzig Jahren wurde die Volksrepublik China gegründet. Damit endete ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg. Und das Land drängte zurück auf die Weltbühne. Seitdem sucht Deutschland nach dem richtigen Verhältnis zu China.

Flaggen Deutschlands und Chinas (Foto: picture alliance)

Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (Foto:dpa)

Bundeskanzler Kiesinger warnte vor dem Reich der Mitte

Als Mao Zedong 1949 auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China ausrief, da war der Westen schockiert. 600 Millionen Menschen gehörten nun zum anderen Lager im Kalten Krieg. Das Wort von der "gelben Gefahr", das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt worden war, machte im Westen wieder die Runde. Nur, dass aus der Gelben Gefahr jetzt eine rote Gefahr geworden war. "Ich sage nur: China, China, China", beschwor Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger noch Ende der sechziger Jahre die Bedrohung des Westens durch das Reich der Mitte.

"Graswurzelkommunismus"

Dabei hatte man im Westen damals bereits aufmerksam registriert, wie der sozialistische Block aus der Sowjetunion und China zerbrochen war. Anfang der sechziger Jahre kam es zum Bruch zwischen Moskau und Peking. China wurde plötzlich Teil strategischer Planspiele. Damals noch vor allem mit Blick auf Moskau. "Es kann sein, dass in gar nicht zu ferner Zeit Russland eine Entscheidung treffen muss: Soll ich mich mit Rotchina verständigen oder mit Europa und den Vereinigten Staaten", spekulierte Konrad Adenauer bereits zu Beginn der sechziger Jahre.

Mao Tse-Tung (Foto: AP)

Anfang der sechziger Jahre brach Mao endgültig mit der Sowjetunion

Doch nicht nur für die offizielle Politik, auch für viele Linke wurde China durch das Zerwürfnis mit der Sowjetunion interessant. Europas Jugend, insbesondere die Studentenbewegung von 1968, entwickelte eine Faszination für China und den Maoismus. In China terrorisierten damals Jugendliche als "rote Garden" das Land. Und als in ganz Europa die Studenten revoltierten, da sahen viele in der chinesischen Kulturrevolution ihr Vorbild. Der Soziologe Herbert Marcuse war einer der Vordenker der Studentenbewegung. Er sprach von einem "Graswurzelkommunismus", der weniger auf der zentralistischen Wirtschaftsplanung als auf Massenkampagnen beruht. Dieser "Kommunismus der dritten Welt" werde dem Kapitalismus weit gefährlicher als die sowjetische Ausprägung des Marxismus.

"800 Millionen Menschen"

Bundeskanzler Helmut Schmidt bei Mao (Foto: dpa)

Helmut Schmidt besuchte als erster Bundeskanzler Mao in Peking

Mao-Bibeln standen damals in vielen Studenten-Wohngemeinschaften; Andrew Warhol machte den chinesischen Revolutionsführer zur Pop-Ikone. Dennoch: was wirklich in China vor sich ging, bekam jenseits chinesischer Propaganda kaum jemand mit. Das Land war für westliche Besucher verschlossen. Erst in den siebziger Jahren begann sich das zu ändern. 1972 erkannte die Bundesrepublik Deutschland die Volksrepublik China diplomatisch an. Bundeskanzler Helmut Schmidt besuchte 1975 als erster bundesdeutscher Regierungschef Peking. Unterlegt mit Bildern seines Empfangs in Peking mit allen militärischen Ehren, berichtete Schmidt nach seiner Rückkehr im Fernsehen von seiner Begegnung mit dem bereits todkranken Mao Zedong. China sei ein "faszinierendes Land mit mehr als 800 Millionen Menschen, das viel in seiner industriellen Entwicklung nachzuholen hat", dozierte er im Fernsehen.

Zu dieser Zeit begann die Stimmung zu kippen. Was ist, wenn 800 Millionen Menschen nicht den Imperialismus vernichten wollen, sondern neue Fernseher kaufen? In den achtziger Jahren entwickelte sich China dank der Öffnungspolitik Deng Xiaopings rasant. Deutsche Unternehmen begannen Kontakte in das Reich der Mitte zu knüpfen. 1985 eröffnete VW als erster westlicher Autokonzern ein Werk in Shanghai. Erste Anzeichen einer politischen Liberalisierung machten China zum Hoffnungsträger. Faszination übte China längst nicht nur auf die Wirtschaftseliten aus, erinnert sich der Sinologe Tilman Spengler. "Es war eine Zeit, in der es angenehm wenig Protz gab. Das hat viele Westler angesprochen, dass die Leute statt Auto Fahrrad fuhren. Dass sie das nicht aus Lust gemacht haben, sondern aus Not, stand auf einem anderen Blatt. Aber es gab damals den Gedanken, dass ein Land im Aufbau nicht die gleichen Fehler machen muss, die in anderen Ländern schon gemacht wurden."

Enttäuschung und Ratlosigkeit

Panzer auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 5. Juni 1989 (Foto: AP)

Panzer auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 5. Juni 1989

Und als dann schließlich auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Studenten demonstrierten, schaute die ganze Welt nach Peking. Doch die Euphorie dauerte nicht lange. Peking walzte die Proteste unter Panzerketten nieder. Die Welt war schockiert. Viele westliche Länder, auch Deutschland, froren ihre Beziehungen zur Volksrepublik weitgehend ein. Wer sich damals mit China beschäftigte, reagierte ratlos. "Dot fuhr man nicht mehr hin. Basta", erinnert er sich. Stattdessen beschäftigten sich Sinologen auf einmal vermehrt mit historischen Themen. "Da musste man niemandem die Hand schütteln, der damit zu tun hat."

Doch die Schockstarre dauerte nicht lange. Denn die wirtschaftliche Entwicklung Chinas hatte längst ihre eigene Anziehungskraft entwickelt. 1995 reiste Bundeskanzler Helmut Kohl mit großem wirtschaftlichem Gefolge nach China und kam mit Milliardenaufträgen zurück. "Ich bin fest davon überzeugt, dass die wirtschaftlichen Reformen zu mehr politischer Freiheit und zu einer größeren Achtung der Menschenrechte führen werden", rechtfertigte er sich.

Auch sein Nachfolger Gerhard Schröder hielt an dieser Version fest. Erst unter Angela Merkel wurden die Menschenrechte wieder ein wichtigerer Teil der deutschen China-Politik - ohne dass dabei allerdings die wirtschaftlichen Interessen zu kurz kämen. Zwanzig Jahre nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz schwankt Deutschland noch immer: zwischen moralischer Empörung wegen fortgesetzter Verletzungen der Menschenrechte einerseits und Faszination für den wirtschaftlichen Aufstieg des Milliardenvolkes andererseits.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Thomas Latschan