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Politik

Von der Diplomatie des Schenkens

In Russland gehören Gastgeschenke zum guten Ton, auch auf höchster Ebene. Im Laufe der Geschichte wanderten unzählige Präsente aus Moskau in die Hände deutscher Politiker. Was Merkel wohl zur Wiederwahl winkt?

Grafik Fernschreiber Moskau

"Einmal Lenin für alle bitte!" Das dachte sich wohl die KPdSU, als sie im April 1947 die erste offizielle SED-Delegation empfing. Die Delegierten erhielten damals Kopien einer bekannten Lenin-Plastik von Nikolai Andrejeev. Diese Geste sollte sicherlich nicht nur die Freundschaft erhalten, und die Lenins waren auch mehr als ein bloßes Erinnerungsgeschenk: Sie sollten den Deutschen Wegweiser für den zukünftigen Kurs der sowjetischen Besatzungszone sein und sicherstellen, dass sie nicht vom rechten Pfad abweichen.

Und da doppelt gemoppelt bekanntlich besser hält, sparte die Sowjetunion mit solchen Repräsentationsstücken keineswegs. Fleißig und bei jeder Gelegenheit verteilte sie Geschenke an ihre sozialistischen Bruderstaaten und erhielt gleichsam Wagenladungen an Präsenten retour.

Nur eine Pralinenschachtel

Weniger reich beschenkt wurden die Kanzler der Bundesrepublik. Immerhin bekam Adenauer auf seiner Moskau-Reise 1955 eine von Bulganin und Chruschtschow signierte Pralinenschachtel zugesteckt. Das Konfekt sollte ihm vielleicht die zähen Verhandlungen zur Freigabe der deutschen Kriegsgefangenen versüßen. Ob das Naschwerk letztlich zum Erfolg der Gespräche beigetragen hat, ist nicht geklärt. Überliefert ist, dass es wohl länger gehalten hat als der Kater des Kanzlers nach den abendlichen Festbanketten.

Ein wenig Werbung in eigener Sache machte die UdSSR hingegen 1975 mit ihrem Geschenk an Erich Honecker. Das kleine Robotermodell, das dem DDR-Staatschef überreicht wurde, lobte klar den Schenker. Der Fortschritt und die Konkurrenzfähigkeit der sowjetischen Elektronik gegenüber dem Westen, davon sollte der kleine Roboter Zeugnis ablegen.

Beutekunst-Geschenke

Mit dem Ende des Kalten Krieges galt es nur noch ein Deutschland zu beschenken und auch zwischen den Staatsoberhäuptern wurde es wärmer. So erhielt Bundeskanzler Kohl von Saunafreund Jelzin einen Teil der Beutekunst wieder, die Russland der Bundesrepublik offiziell verweigerte. 1997 schenkte ihm der russische Präsident wertvolle Dokumente aus dem Nachlass des Weimarer Politikers Walther Rathenau, die zuvor in Moskau unter Verschluss gewesen waren.

So fand das, was in der großen Politik nicht funktionierte, auf der persönlichen Ebene statt. Mit Erfolg, denn obwohl Deutschland große Teile der so genannten Beutekunst nicht zurückbekam, hielt die Männerfreundschaft zwischen Jelzin und Kohl.

Pelze für Schröder

Von Deutschland über Russland zurück nach Deutschland reiste auch ein anderes Geschenk: Ein in Deutschland gedruckter Bildband über den Kreml gehörte zum Stab der Standardgeschenke für hohe Gäste in Moskau und fand so auch den Weg in die Hände Gerhard Schröders. Gelesen haben dürfte er das prächtige Buch allerdings kaum, da es in kyrillischer Schrift abgefasst war. Von größerem praktischem Nutzen waren da vielleicht doch eher ein russischer Samowar und die Pelze für Frau und Tochter, die Putin dem Kanzler mitgeben ließ. Dieser revanchierte sich bei Gelegenheit mit Edelobstbrand aus Dresden.

Auch Angela Merkel, die erste deutsche Kanzlerin, wurde bereits von Russlands Spitze bedacht. Der russische Präsident Dmitri Medwedew überreichte ihr im März 2008 eine Bernsteinschale, die sich gefüllt mit Apfelkuchen und Sahne sicherlich gut zu Schröders Samowar machen würde. Und wer weiß, vielleicht darf sich Merkel anlässlich ihrer Wiederwahl schon bald auf ein neues Präsent aus Moskau freuen. Medwedew, der ehemalige Aufsichtsratschef von Gazprom, könnte doch eine Gaspipeline in Sibirien nach der Kanzlerin benennen lassen: Die Angela-Merkel-Pipeline.

Autorin: Lale Eckardt
Redaktion: Kay-Alexander Scholz