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Filme

Von der Banalität des Bösen

Ein Film über eine Philosophin - geht das? Margarethe von Trotta ist das Risiko eingegangen. "Hannah Arendt" heißt ihr Werk über die deutsch-jüdische Denkerin. Es ist keine klassische Filmbiografie geworden.

Die These von der "Banalität des Bösen" hat sie berühmt gemacht. Eine deutsch-jüdische Philosophin, die 1933 aufgrund des wachsenden Judenhasses ihr Heimatland verließ. Als Reporterin reiste Hannah Arendt 1961 zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem. Adolf Eichmann hatte als SS-Obersturmbannführer die Vertreibung, Deportation und Vernichtung der europäischen Juden organisiert. Der noch junge Staat Israel hatte Eichmann in einer spektakulären Aktion aus Argentinien entführt. Hannah Arendt erwartete im Prozess, wie die meisten Beobachter auch, auf ein menschliches Monster zu treffen, durch das sich das Böse manifestiert.

Ein Schreibtischtäter

Aber sie entdeckte einen Bürokraten, einen Schreibtischtäter, dessen Banalität sie überraschte. Ihre Reportagen aus dem Gerichtssaal wirkten sachlich, kühl und verstörend. Kritiker warfen ihr vor, sie mache die Opfer indirekt mitverantwortlich, weil sie sich zu passiv oder gar kooperativ verhalten hätten. In der Entdämonisierung Eichmanns durch Hannah Arendt sahen viele Beobachter eine Verharmlosung des Angeklagten. Dabei argumentierte sie wie eine Philosophin, wie die Denkerin, die sie Zeit ihres Lebens war. Ihre Sichtweise war höchst umstritten. Sogar alte Freunde und Weggefährten wandten sich von ihr ab.

Szene aus Hannah Arendt mit (Foto: Heimatfilm/NFP)

Filmszene mit Barbara Sukova in der Titelrolle und Michael Degen als Kurt Blumenfeld

Genau diese Kontroverse steht nun im Mittelpunkt der Verfilmung dieser Jahre. Margarethe von Trotta hat dabei einen besonnenen, ausgewogenen Film gedreht. Die Schauspielerin Barbara Sukowa agiert in der Titelrolle hochkonzentriert. Die Nachkriegsära und die Stimmung unter deutschen und jüdischen Emigranten in New York wird gekonnt eingefangen.

Warum schockierte Hannah Arendt mit ihren Thesen vor 50 Jahren dermaßen die Öffentlichkeit und vor allem auch Intellektuelle? Margarethe von Trotta sieht den Grund dafür in der damals weit verbreiteten Art vieler jüdischer Prozessbeobachter, Schmerz und Trauer offen zu zeigen. Das tat die deutsch-amerikanische Philosophin eben nicht: "Sie hat ihren Schmerz nicht ausgestellt. Das hat man nicht verstanden. Für sie wäre das schamlos gewesen," sagt von Trotta.

Privatleben und Arbeit

Die 1906 geborene Hannah Arendt wuchs in einem säkularen jüdischen Elternhaus auf. Als junge Frau studierte sie Philosophie und lernte so auch Martin Heidegger kennen. Vor allem junge Studenten strömten in die Vorlesungen dieses bedeutenden deutschen Philosophen. Und so zeigt der Film, der hauptsächlich in den 1960er Jahren spielt, in kurzen Rückblenden vor allem den großen Denker Martin Heidegger. Das war Margarethe von Trotta wichtig: "Er hat ihr tatsächlich das Denken beigebracht. Sie sagt selber: Das Denken kann einen retten vor den falschen Entscheidungen und vor den Katastrophen. Heidegger musste in dem Film vorkommen. Nicht als Lover, aber als jemand, der ihr das Denken beibrachte."

Hannah Arendt. (Foto: ddp images/AP Photo)

Hannah Arendt 1969

Nur angedeutet wird in dieser Verfilmung, dass es zwischen Heidegger und Hannah Arendt auch eine kurze, leidenschaftliche Liebesbeziehung gab. Generell hat es Margarethe von Trotta vermieden, die einzelnen Lebensstationen von Hannah Arendt abzuhandeln, wie es vor allem die Amerikaner mit ihren biographischen Filmen, den sogenannten "Biopics", gerne tun. Sie griff sich lieber eine ganz essentielle Epoche aus dem Leben von Hannah Arendt heraus.

Der Film setzt auf Authentizität

Stimmig wird der sehenswerte Film auch durch zwei bewusste Regieentscheidungen von Trottas: So spricht Barbara Sukowa im Film oft Englisch - mit einem starken deutschen Akzent wie Hannah Arendt. Das pikante dabei: Sukowa lebt seit über 20 Jahren in New York und musste sich diesen deutschen Akzent erst antrainieren. Von dieser bewussten Entscheidung zur Zweisprachigkeit profitiert das filmische Portrait. Die zweite wichtige Entscheidung von Trottas: Sie verzichtete darauf, Eichmanns Rolle mit einem Schauspieler zu besetzen. Man sieht nur dokumentarische Originalsequenzen von Eichmann. Margarethe von Trotta griff dabei auf Aufnahmen zurück, die schon der französisch-israelische Filmemacher Eyal Sivan in seinem Film "Ein Spezialist" von 1999 verwendet hatte.

Szene aus Hannah Arendt mit Barbara Sukowa (Foto: Heimatfilm/NFP)

Hannah Arendt schrieb über den Eichmann-Prozess in Jerusalem

Die Filmemacherin kannte diesen Film lange bevor sie plante, einen eigenen Film über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess zu drehen: "Für mich war die Gegenüberstellung mit Eichmann so wichtig. Deshalb habe ich keinen Schauspieler genommen, sondern den echten Eichmann eingefügt. Eichmann - der Gedankenlose. Er bedient sich nicht der Gabe, denken zu können." Margarethe von Trotta war es auch deshalb wichtig auf einen Schauspieler in der Rolle des SS-Mannes zu verzichten, weil man dann als Betrachter wohl eher auf die schauspielerische Leistung geachtet und nicht mehr das bemerkt hätte, was damals auch Hannah Arendt gesehen hat: einen erschreckend banalen Täter, der sich immer wieder als reiner Befehlsempfänger zu stilisieren versuchte.

Behutsame Annäherung an eine Denkerin

Bei der Vorbereitung zu ihrem Film "Rosenstraße" aus dem Jahr 2003 hatte sich Margarethe von Trotta erstmals ausführlicher mit Hannah Arendt beschäftigt. Der Film erzählt von einem einzelnen Fall von Zivilcourage, bei denen es den Ehefrauen von inhaftierten jüdischen Männern gelang, durch anhaltenden Protest die Nazis zum Nachgeben zu zwingen. Bei der Recherche stieß Margarethe von Trotta damals auf Texte von Hannah Arendt.

Margarethe von Trotta 2012 in Köln (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Margarethe von Trotta

Die Regisseurin war ursprünglich nicht gleich überzeugt, Lebensstationen der Denkerin Hannah Arendt zu verfilmen. Bei anderen berühmten Frauenfiguren, die die Regisseurin auf die Leinwand brachte, war das anders: Bei Rosa Luxemburg oder auch Hildegard von Bingen sei das Interesse sofort vorhanden gewesen, erzählt von Trotta. Als ihr ein befreundeter Produzent einen Film über Hannah Arendt anbot, sei sie zunächst zurückgeschreckt: "Wie kann man eine Philosophin beschreiben?" Erst ganz langsam sei es zu einer weiteren Beschäftigung mit dieser ungewöhnlichen Frau, die so oft aneckte und provozierte, gekommen: "Wenn einem einmal so ein Gedanke ins Hirn gemeißelt wird, kommt man nicht so leicht davon los."

Zwischen Heimat und Exil

Hannah Arendt hat den Großteil ihres Lebens nicht in Deutschland verbracht, auch wenn sie ihre Heimat nicht freiwillig verließ. Hier sieht die Filmemacherin Margarethe von Trotta durchaus Parallelen. Sie selbst lebte lange in Rom, nun seit vielen Jahren in Paris: "Ich war selber jahrelang staatenlos und bin in Berlin geboren, hatte jahrelang nur den Fremdenpass." Erst nach ihrer ersten Ehe erhielt Margarethe von Trotta auch deutsche Papiere. Mit Hannah Arendt verbinde sie "dort leben zu können, wo immer man hingeweht wird, weil man am eigenen Land nicht so hängt." Die Regisseurin erkennt aber auch einen Widerspruch: "Ich fühle mich nicht zugehörig, aber ich will verstehen."

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