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Asien

"Von den Ideen der Revolution wegbewegt"

Die Oktoberrevolution in Russland vor 100 Jahren hatte Geschichte geschrieben, auch in China. Im DW-Interview erklärt Klaus Mühlhahn, wie sich die Auffassung der Revolution im modernen China gewandelt hat.

Deutsche Welle: Professor Mühlhahn, welchen grundlegenden Einfluss hatte die Oktoberrevolution auf China 1917?

Klaus Mühlhahn: Da muss man zwischen dem unmittelbaren Einfluss 1917-1919 und dem langfristigen Einfluss unterscheiden. Der unmittelbare Einfluss war relativ gering. Es gab einen chinesischen Intellektuellen und Journalisten namens Li Dazhao, der einen Artikel über die Oktoberrevolution geschrieben hatte: "Ein Sieg des Bolschewismus in Russland". Damit war die Idee bekannt geworden. Aber das hatte nur eine kleine Gruppe von Menschen erreicht.  Es gab kaum Intellektuelle und Gebildete, die damit etwas anfangen konnten.

Prof. Dr. Klaus Mühlhahn ( FU Berlin/Bernd Wannenmacher)

Prof. Dr. Klaus Mühlhahn ist Vizepräsident der FU Berlin

Langfristig ist die Oktoberrevolution natürlich von einer immensen Bedeutung für China, weil sie die Geschichte Chinas in einer grundlegenden Weise beeinflusst hat. Daraus ist ein ganzes Modell erwachsen. Die chinesische Revolution hatte sich daraus gespeist, auch aus dem unmittelbaren Vorbild der Oktoberrevolution und der Orientierung an Lenin.

Welchen konkreten Einfluss hatte die Oktoberrevolution denn auf die Kommunistische Partei Chinas, die 1921 gegründet wurde?

Die Oktoberrevolution ist sehr eng mit Lenin und dem Begriff des Leninismus verbunden. Der Leninismus war für China weit maßgeblicher in der Art und Weise als etwa die Schriften von Marx oder aber auch der Stalinismus.

Weder mit dem Stalinismus noch mit den ursprünglichen Marx-Engels-Theorien konnte China viel anfangen. Aber die leninistische Variante, die betont hatte, dass man ein Land revolutionieren kann, auch wenn es überwiegend agrarisch geprägt ist, und dass man den Schwerpunkt auf die strikte Führung der Partei legt, sowie die leninistische Vision des konkreten Revolutionmachens waren für China ausschlaggebend und haben die Kommunistische Partei zum Sieg geführt.

Wladimir Iljitsch Lenin - Grundsatzrede in Petrograd 1917 (picture-alliance/dpa/Tass 437179/P. Wolkow)

Lenin bei der Grundsatzrede in Petrograd 1917

Blieb diese Vorbildfunktion der Oktoberrevolution bis in die Kulturrevolution (1966-1976) unter Chinas Staatsgründer Mao Zedong bestehen?

Ja. Der revolutionäre Weg, das Aufstemmen der Massen gegen die Unterdrücker und Herrschenden sowie die Mobilisierung der Massen haben Mao für immer inspiriert. Insofern war die Oktoberrevolution vielleicht eine der wenigen Sachen, die große Übereinstimmung in der chinesischen Kommunistischen Partei fand. Anders als Stalin blieben Lenin und die Oktoberrevolution an sich durchgehend positiv bewertet in der Partei.

Ist die Oktoberrevolution heute in China noch zeitgemäß?

Ich glaube, die Kommunistische Partei Chinas hat sich von der Revolution wegbewegt. Die Partei sieht sich nicht mehr als revolutionäre Partei, sondern als eine regierende Partei oder herrschende Partei, als eine Partei an der Macht. Von den Ideen der Revolution, die Mao noch so begeistert hatte, hat sich die Partei verabschiedet.

Bildergalerie Oktoberrevolution Denkmäler Krim (Reuters/P. Rebrov)

Lenin-Denkmal in Russland

Allerdings stellt sich die Partei, anders als Russland jetzt, in die Tradition des Marxismus-Leninismus. Lenin gilt nach wie vor als einen der wichtigsten Ideengeber des Kommunismus, zusammen genannt mit Marx, Lenin, Mao und jetzt in einer Reihe mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping. Es ist ganz klar, dass das kommunistische Erbe noch da ist. Die Revolution als solche ist nicht mehr das, was die Partei vorhat und worauf sie sich beruft, aber die leninistische Interpretation schon.

Und dann gibt es noch einen Grund, warum die Oktoberrevolution zusehends in der Partei verblasst. Die Partei in China sieht sich mehr als nationalistische Partei, definiert sich mehr im Bezug zur Geschichte des Landes und sieht sich heutzutage in Traditionen weit vor der russischen Revolution. Dadurch ist die Vorstellung, dass ein fremdes Ereignis in Russland so einen Einfluss auf China hat, heute eher etwas, was als fremd erscheint.

Dr. Klaus Mühlhahn ist Vizepräsident der Freien Universität Berlin und Professor für chinesische Geschichte und Kultur. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die moderne Geschichte Chinas und Asiens.

Das Interview führte Julius Schenkel.

 

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