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Kultur

Von Babelsberg nach Bollywood

Die Filmindustrie in Mumbai wird 100. Schon in ihren Anfängen gab es eine enge deutsch-indische Zusammenarbeit. Junge Filmschaffende aus beiden Ländern sorgen jetzt wieder für einen regen Austausch.

Einsatz - Axel Hennies reißt seine Arme nach oben, schaut auf den Schlagzeuger zu seiner Linken, dann nach vorne auf die Saxofonspieler, schließlich nach rechts auf die Trompeter. Auf Hennies Signal legen die Musiker von "Tuten und Blasen" los, dramatisch laut, dann wieder leiser.

Hinter ihnen flimmert der Stummfilm "Schicksalswürfel" über die Leinwand. Schon einmal hat die Hamburger Band, die seit mehr als 20 Jahren auch Stummfilme musikalisch zum Leben erweckt, den Film begleitet. Das war 2009 vor heimischem Publikum. Nun sitzen alle in einem Probenraum in der indischen Filmmetropole Mumbai. Anlässlich des 100. Geburtstags der Bollywood-Traumfabrik begleiten sie den Film erneut beim Mumbai Filmfestival - dieses Mal auch vor indischen Zuschauern.

Bandprobe von 'Tuten-und-Blasen (Foto: Scherschun/Knüppel)

Proben in Mumbai: Die Hamburger Band "Tuten und Blasen"

"Schicksalswürfel" sei ein Juwel, sagt Sopransaxofonistin Georgia Hoppe. "Der Film war eine der ersten deutsch-indischen Koproduktionen. Dass er wirklich hier in Indien gedreht wurde, ist schon etwas ganz Besonderes."

Deutsche im Indienfieber

In Indien ist der Film unter dem englischen Titel "Throw of dice" bekannt. Es war bereits der dritte große deutsch-indische Stummfilm, den Filmpionier Franz Osten zusammen mit dem Inder Himanshu Rai Ende der 1920er drehte. Er verzauberte das deutsche Publikum und war ein Kinohit. Osten setzte den Film komplett im damals äußerst exotischen Indien um. Das habe den Film einzigartig gemacht, sagt der Berliner Filmproduzent Stephan Ottenbruch. Mehr als 10.000 Statisten, 1000 Pferde und 50 Elefanten nutzte Osten, um die Geschichte über den spielsüchtigen König Ranjit in Szene zu setzen, der sein Reich und seine künftige Braut Sunita beim gezinkten Würfelspiel an seinen eifersüchtigen Vetter verliert.

"Himanshu Rai hat Franz Osten die Türen zu Indien geöffnet und diese Kooperation erst möglich gemacht", sagt Ottenbruch, der die Zusammenarbeit mit indischen Filmschaffenden seit 2007 wiederbelebt hat. Damals wollte der deutsche Produzent - wie Osten einst - einen Kinofilm drehen, der in beiden Ländern funktionieren könnte. Doch die Kontakte fehlten. Lange Zeit lag die deutsch-indische Zusammenarbeit auf Eis. 2010 traf Ottenbruch dann den Chef des Mumbai Filmfestivals Srinivasan Narayan. Kurz darauf saßen junge deutsche und indische Drehbuchautoren in einem Workshop zusammen.

Shah Rukh Khan (Foto: AP)

Ihn kennt man in Deutschland: Bollywood-Star Shah Rukh Khan war schon mehrfach in Berlin

Deutsch-indischer Mix

"Die Dramaturgie ist dieselbe, nur die Themen sind natürlich andere. Während in Deutschland rein indische Filme auch erfolgreich sein können, muss für das indische Publikum aber fast immer auch ein Bezug zu Indien im Film stecken", sagt Ottenbruch. Oft stehen daher Inder im Exil, die zurückkehren, Inder, die auswandern oder Deutsche, die zumindest nach Indien reisen, im Mittelpunkt - das seien die Mindestzutaten für den Erfolg auf dem indischen Markt.

In Deutschland kenne man hingegen fast nur die bunten Masala-Filme aus Bollywood, mit reichlich Tanz und Musik. "Aber das indische Kino hat sich geändert", sagt Ottenbruch. "Es gibt ein immer stärker werdendes Independent-Kino." Das sei aber in Deutschland weitgehend unbekannt.

"Dabei ist der indische Markt für deutsche Produzenten und Regisseure äußerst interessant", sagt Ottenbruch. Die Studios seien oft umfangreicher ausgestattet und die kommerzielle Vermarktung von Filmen funktioniere deutlich besser. "Es ist in Indien genug Geld vorhanden, um in Filme zu investieren", sagt Produzent Ottenbruch. Auf dem Weg ins internationale Geschäft könnten deutsche Produktionen, die immer mehr um ihr Überleben kämpfen müssten, gute Partnerschaften schließen. Bei der Ausbildung von Schauspielern, Regisseuren oder auch Drehbuchautoren könnte der indische Filmmarkt wiederum einiges von den Deutschen lernen.

Stephan Ottenbruch (Foto: Scherschun/Knüppel)

Der Regisseur Stephan Ottenbruch will Inder und Deutsche begeistern

Filmkuss besiegelt deutsch-indische Zusammenarbeit

Ottenbruchs Ziel ist klar: Filme wie "Schicksalswürfel" drehen, die die Deutschen fesseln und zugleich "die indische Seele berühren". Selbst die drei Kussszenen zwischen Ranjit und Sunita empörten die Inder nicht - obwohl derlei Zärtlichkeiten im Kino zu dieser Zeit verpönt waren in Indien. Bis heute verzaubern diese Szenen das Publikum, den Rest erledigten beim diesjährigen Mumbai Filmfestival die Musiker von "Tuten und Blasen".

Während Elefanten über die Leinwand trampeln, Tiger und Schlangen durch den Dschungel streifen, trommeln die Musiker und kündigen mit Fanfaren das Kommen des Königs Ranjit an. Die flackernden Schwarzweiß-Bilder erwachen zum Leben, lassen die Zuschauer im 1000 Plätze großen Saal des "National Centre for the Performing Arts" mitfiebern und johlen.

Als König Ranjit am Ende des Films seine Braut Sunita küssen darf, bricht lauter Applaus aus, Standing Ovations. Der einstige Bollywood-Hit der ersten Stunde hat auch rund 80 Jahre später kaum an Sogkraft eingebüßt.

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