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Kultur

Von Bäumen, Bräuten und Bräuchen

Im Frühjahr geht es in manchen Regionen Deutschlands närrisch zu wie an Karneval: Da werden junge Mädchen versteigert, Bäume gefällt und manchmal auch mit Klopapier behängt. Und das alles seit über 300 Jahren.

Maibaum vor blauem Himmel

Nadine Straub ist unruhig und wippt von einem Fuß auf den anderen. Heute Abend ist Maifest in ihrem Heimatdorf Traar und damit der Tag, auf den sie schon seit Wochen hinfieberte. "Das ist einer der schönsten Abende bei uns im Rheinland", sagt sie. Auf den Marktplätzen werden mit blau-weißen Bändern umwickelte Maibäume aufgestellt, drum herum gibt es meist ein kleines Dorffest: Würstchen, Getränke, Musik. Es wird getanzt und gesungen, die Älteren kommen manchmal sogar noch mit Schürze und Tracht, viele Jüngere haben geflochtene Kränze auf den Köpfen.

Der Grund aber, warum sich eine 15-Jährige für das traditionelle Fest begeistern kann, ist ein anderer. "Ich hoffe, dass ich einen Maibaum bekomme", sagt sie und errötet etwas. Ein Maibaum ist meistens eher ein Maizweig, ein abgesägter Birkenast, der mit buntem Krepp-Papier und Bändern geschmückt an den Häusern junger Mädchen angebracht wird. Die Bäume kommen von jungen Männern, die in der Nacht zum 1. Mai ihrer Freundin oder Angebeteten das Bäumchen in den Garten stellen oder am Haus befestigen.

Die versteigerte Maikönigin

Junger Mann mit einem großen rot-weißen Herzen als Baumschmuck - Aufschrift: Julia

Herz zu verschenken

Einer von ihnen ist auch Volker-Ralf Lange vom Maiclub Mülldorf. "Der Brauch ist schon seit dem Mittelalter in vielen katholisch geprägten Dörfern Tradition", erzählt er. "Ursprünglich wurde der Frühlingsbeginn als eine Art Partnervermittlung in Dörfern genutzt. Junge Männer hatten mit dem Baum eine Möglichkeit, ihrer Liebsten den Hof zu machen."

Allerdings lief das damals noch über eine Versteigerung. Die unverheirateten Männer ersteigerten ihre Angebetete erst einmal. Wer das höchste Gebot für ein Mädchen abgab, wurde Maikönig – und bekam das ersteigerte Mädchen als Maikönigin "geliehen". "So sollte der Heiratmarkt im Dorf geregelt werden", erklärt Volker-Ralf Lange, "man versuchte, Ehen innerhalb der Dorfgemeinschaft zu schließen".

Halt und Werte, Klatsch und Tratsch

Darum geht es heute nicht mehr. Trotzdem ist es Volker-Ralf Lange wichtig, diese Bräuche weiterzuführen. Deshalb engagiert er sich auch in dem Maiclub, der – ähnlich wie Maigesellschaften oder Junggesellenvereine – die Maifeierlichkeiten auch dieses Jahr veranstaltet. "Wir möchten die Traditionen aufrechterhalten, denn wenn die Bräuche sterben, stirbt auch das Dorf. Diese Traditionen schaffen Gemeinschaft und Identität, sie geben auch der Jugend Halt und vermitteln Werte".

Solche Versteigerungen gibt es auch heute noch – allerdings wird seltener geheiratet. Dennoch regen die abgestellten Bäumchen am nächsten Morgen immer gerne zu Klatsch und Tratsch, zu Verwunderung und kleinen Flirtereien an.

Ein Maibaum als Kompliment

Junge Männer fällen Maibäume

Kahlschlag-Kommando 1. Mai

Von wem ist der Baum? Wer hat ihn gebracht? Kenne ich ihn? Das sind Fragen, die auch Nadine letztes Jahr beschäftigten, als sie ein Bäumchen im Vorgarten ihres Elternhauses vorfand. Die wichtigste Frage aber blieb unbeantwortet – für WEN war der Baum? "Meine kleine Schwester und ich haben um uns darum gestritten, für wen der Baum denn nun ist", erzählt sie. Um Verwechslungen in Häusern mit mehreren Mädchen zu verhindern, befestigen viele Jungs auch Schilder oder Herzen mit dem Namen der Beschenkten am Maibaum. Wenn dann aber nicht der eigene Name draufsteht, ist das Gejammer groß. "Man guckt sich schon um, wer einen bekommen hat und wer nicht. Das ist schon irgendwie ein Indikator für die Beliebtheit und die Attraktivität unter uns Mädchen".

Gefährliches Vorhaben
 

Maibaum an einer Hauswand

Revier markiert!

Für die Jungs hat das Baumsetzen einen ganz anderen Reiz. Als Gemeinschaft mieten sie sich einen Traktor oder einen Anhänger und klappern nachts die Häuser ihrer Liebsten ab. Einige Wagemutige möchten die Mädchen noch einmal besonders beeindrucken und befestigen den Baum an der Dachrinne, vor ihrem Fenster oder sogar auf dem Dach. "Das hat schon zu einigen Unfällen geführt – die neueren Häuser haben sehr glatte Mauern und sind für solche Aktionen nicht ausgerüstet", erzählt Volker-Ralf Lange.

Außerdem nutzen immer mehr Menschen die Feierlichkeiten um sich zu betrinken. "Das kommt seit einigen Jahren auch immer öfter an Karneval oder anderen Volksfesten vor. Allerdings achten wir darauf, dass das bei uns nicht zunimmt und verzichten bei einigen Feiern komplett auf 'harten Alkohol'".

Wovon der Maiclub nichts wissen will: Statt eines "Baums der Liebe" wird ein anderer Baum immer populärer – der Schandbaum. Statt mit buntem Krepp und Herzen wird er mit Klopapier geschmückt und vor unbeliebten Häusern aufgestellt. So konnte schon mancher Junge seinem Frust über eine unerwiderte Liebe Luft machen.