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Tom Tykwers neuer Film "Soul Boy"

3. Dezember 2010

Chaos als Inspirationsquelle: Der Regisseur Tom Tykwer hat den Spielfilm "Soul Boy" mit Jugendlichen aus einem Slum in Kenia gedreht. In Berlin stellte er den Film auf dem Kongress "Vision Kino 10" vor.

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Tom Tykwer Photo Credit: Paul Zimmerman/AdMedia
Filmemacher Tom Tykwer mit Regisseurin Hawa Essuman und Drehbuchautor Billy KahoraBild: Internationale Filmfestspiele Berlin

Tom Tykwer hat mit Filmen wie "Lola rennt" oder dem "Kaiser und der Kriegerin" Klassiker der deutschen Filmgeschichte geschaffen. Für seinen Film "Soul Boy" hat er in Afrika im Jahr 2008 einen Workshop durchgeführt. Das Projekt ist Teil von One Fine Day e.V., einer Schwesterorganisation der britischen Nichtstaatlichen Organisation (NGO) Anno's Africa. Seine Ehefrau Marie Steinmann leitet die Initiative. Junge Menschen, die aus kenianischen Slums kommen, und kaum Zukunftsperspektiven haben, erhielten die Möglichkeit, an dem Film mitzuarbeiten.

DW-WORLD: Sie haben mit großen Budgets gearbeitet, Sie haben in Europa gedreht, Sie haben mit Hollywood-Stars gearbeitet, dann sind sie nach Afrika gegangen. Das muss doch ein ganz neues Gefühl gewesen sein, dort zu drehen?

Tom Tykwer: Es ist immer wieder ein Wunder, dass sich beim Filmemachen ein interner Kreis bildet, in dem sich ein Rudel Leute wahnsinnig konzentriert auf einzelne kleine Partikel, die ein großes Ganzes ergeben sollen. Wenn das gelingt ist der Konzentrationsraum einer, in dem sich dann auch sehr unterschiedliche Kulturen begegnen können. Also Leute, die aus völlig verschiedenen Backgrounds in so eine Situation geraten, werden - zumindest auf dieser künstlerischen, sozialen Ebene - einander ähnlich. Das ist faszinierend!

Ursprünglich sind Sie nach Afrika wegen des Projekts "One Fine Day" gegangen, das Ihre Frau Marie Steinmann initiiert hat. Wie sind Sie damals auf den Gedanken gekommen, etwas mit jungen Leuten machen zu wollen, die das Kino lieben oder das Filmemachen lernen wollen?

Der zündende Moment war die Reise, die ich mit meiner Frau Marie Steinmann unternommen habe. Sie hat dort schon in einer scheinbar improvisierten, aber unvorstellbar effektiven Weise gearbeitet. Sie ist mit hunderten Kindern in Kontakt gekommen, die oft zum ersten Mal überhaupt ihre kreativen Fähigkeiten kennengelernt haben. Durch das gemeinsame Arbeiten wurden sie aufgefordert, diese neue Seite zu untersuchen und zu entwickeln. Bei vielen gab es einen richtigen Aha-Erlebnis. Wenn man die Chance hat, dies live zu erleben, das hat mich sehr bewegt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass so eine Förderung bei uns viel früher einsetzt und in einer pädagogischen Tradition steht. Das hat mich natürlich für die Initiative eingenommen, die mit einem sehr niedrigen Budget arbeitet und komplett privat finanziert wird. Sie kann sich nur durch Spenden am Leben erhalten, was den Vorteil mit sich bringt, dass sie dadurch eine große Unabhängigkeit behält und keinen großen Bürokratieapparat mit sich herumschleppt. Die Energie, die davon ausging, hat mich einfach angesteckt!

Szene aus Soul Boy
Soul Boy - Tykwers erster Film, den er in Kenia mit Jugendlichen aus einem Slum gedreht hatBild: X Verleih AG

Was bekommt der Filmemacher Tom Tykwer zurück? Die Arbeit dort spiegelt doch etwas wider – was lernen Sie, wenn sie in solch anderen Zusammenhängen arbeiten?

Was man auf jeden Fall lernt, ist in völlig anderen Kontexten, unter völlig anderen Bedingungen und in komplett neuen, sozialen und interaktiven Abläufen zu arbeiten. Kommunikation verändert sich. Es geht darum, mit erst mal sehr widrig erscheinenden Umständen auf eine flexiblere und entspannte Weise umzugehen. Für Leute, mit denen ich in Afrika zu tun hatte, ist das völlig natürlich. Für sie ist es normal, dass vieles erst einmal nicht geht, diese Erfahrung bildet gewissermaßen das Fundament ihres Alltags. Egal, wo man hingeht, irgendetwas funktioniert nicht. Diese Situation kennen die Menschen und sie gehen damit sehr offen um. Sie besitzen eine sehr größere Form von Improvisationsfreiheit und auch eine entspannte Haltung zu festgefahrenen Vorstellungen. Die ist natürlich auch deshalb da, weil man gar keine Wahl hat.

Wie sind mit dieser Situation beim Arbeiten umgegangen?

Für künstlerische Vorgänge ist diese Unberechenbarkeit manchmal ein Problem, aber oft eben auch eine große Chance. In meiner Praxis wirkt sich das so aus, dass man plötzlich woanders hinguckt. Wenn man sich vorgenommen hat, in eine bestimmte Richtung zu drehen, aber es gibt plötzlich ein Feuer oder einen Protestumzug, dann dreht man sich um und dreht in die andere Richtung. Unter normalen Umständen würde das nicht passieren, da würde ich einen Drehtag absagen. Hier dreht man einfach, egal was kommt und oft mit Resultaten, die besser, freier und inspirierender sind.

Danach haben Sie wieder in Deutschland gearbeitet, haben den Film "Drei" gedreht, der in diesem Monat ins Kino kommt. Hat sich da schon etwas verändert nach der Erfahrung in Afrika. Arbeiten Sie jetzt anders? Gehen Sie jetzt anders mit den Leuten um?

Das weiß ich nicht. Das müssen andere beurteilen. Ich gehe davon aus, dass das doch relativ fundamentale Erfahrungswerte sind, die auch auf mein kommunikatives Nervensystem übergehen. Jeder Film, den ich in Deutschland oder auch außerhalb von Kenia drehe, ist für mich immer ein völlig neues Abenteuer, weil jeder Film immer ganz anders ausfällt, von ganz anderen Anforderungen geprägt ist, auch im Umgang miteinander.

Ich nehme an, dass ich auch in Kenia sehr gut zurechtgekommen bin, weil ich auf einen sehr starken familiären und zugewandten Gestus Wert lege in der Zusammenarbeit und den Teamwork-Gedanken beim Filmemachen extrem ernst nehme. Insofern konnte ich an vorherige Erfahrungen anknüpfen. Aber dieser Freiraum, sich mit anderen Alternativen nicht nur abzufinden, sondern diese vielleicht auch positiv und kreativ umzugestalten, das ist etwas, was ich mir auf jeden Fall in meine zukünftige Arbeit mitnehmen möchte.

Das Gespräch führte Jochen Kürten

Redaktion: Sabine Oelze