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Kultur

Von übermütig zu überflüssig

Einst waren sie erfolgreich und schwammen im Geld. Doch jetzt sind die Mitarbeiter der New Economy unsanft in der Realität aufgeschlagen. Viele setzen auf ihre eigene Firma – vergebens.

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Endstation Arbeitsamt:
Der Tanz ist vorbei für die New Economy

Irgendwann hatte es dann doch geklappt. Als Anja Röbenkamp vor fünf Jahren ihr Germanistikstudium beendete, träumte sie zunächst von einer Karriere beim Radio, fand aber keine Stelle. Also ging sie zum Arbeitsamt und ließ sich beraten. In der New Economy kamen damals viele Arbeitsuchende unter – deshalb schlug der Mitarbeiter vom Arbeitsamt Röbenkamp kurzerhand eine Fortbildung vor. Zehn Monate lang besuchte sie in Berlin Seminare, am Schluss durfte sie den Titel Multimedia-Redakteurin tragen. Über Praktika verschaffte sie sich Berufserfahrung und bekam schließlich eine Festanstellung in einem Berliner Start-Up-Unternehmen.

Böses Erwachen nach der Nachtschicht

Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Agentur von fünf auf fünfzehn Mitarbeiter, die alle Hände voll zu tun hatten. "Gut war die Energie, der Teamzusammenhalt, die unglaubliche Begeisterung", schwärmt Anja Röbenkamp. Mit Schwung und Nachtschichten habe man "ganz viel an Unprofessionalität wettgemacht".

Aber schon bald konnten auch die Überstunden nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Euphorie in der Szene nachließ: "Die Außenstände kamen nicht rein, die Schulden wurden immer größer", erinnert sich Röbenkamp. "Irgendwann musste man einen Cut machen." Das hieß: Die Agentur meldete Insolvenz an - und Röbenkamp stand wieder auf der Straße.

Selbstständig aus Verzweiflung

Vergeblich suchte sie nach einer neuen Stelle. Gemeinsam mit einer Programmiererin und einem Grafiker beschloss sie schließlich im vergangenen Jahr, eine eigene Agentur zu gründen. "Das war dem Mut der Verzweiflung geschuldet", gesteht die Multimedia-Fachfrau. Zu dritt, so hofften sie, könnten sie genug Aufträge an Land ziehen.

Anfangs klappte die Sache mit der Selbstständigkeit auch. Freunde und Bekannte ließen sich von ihnen eine Homepage erstellen und empfahlen sie wiederum an andere weiter. Dennoch habe die kleine Firma zu keinem Zeitpunkt schwarze Zahlen geschrieben, klagt Röbenkamp. Denn die Kunden würden zweimal überlegen, bevor sie Geld ausgäben. "Ich hatte vor kurzem eine Anfrage von einem potenziellen Auftraggeber, und es sah aus, als sei alles in den Tüten", erzählt sie. "Ein paar Tage später rief er an und sagte, seine Frau sei arbeitslos geworden; sie müssen jetzt das Geld zusammenhalten, das Ganze werde aufgeschoben." Verständlich, nur: "Von 'irgendwann machen wir mal was‘ kann ich meine Rechnungen nicht zahlen", sagt die glücklose Agentur-Gründerin.

Rivalen der Arbeitssuche

Seit zwei Monaten steht Röbenkamp ohne Auftrag da. Ihrer kleinen Agentur droht das Aus. Und wieder einmal sucht sie eine Festanstellung, aber das ist nicht einfach. "Es gibt sehr viele Leute, die von namhaften Agenturen kommen, die fünf Jahre Arbeitserfahrung haben mit großen Kunden, die an ganz anderen Projekten mitgearbeitet haben." Der Konkurrenzkampf sei "unglaublich".

Falls alle Versuche ins Leere laufen, wird Röbenkamp wohl wieder zum Arbeitsamt gehen und finanzielle Unterstützung beantragen müssen. Den Weg dorthin würde sie lieber vermeiden. Doch dass sich die Situation in nächster Zeit wesentlich bessern wird – das mag sie selbst nicht glauben.

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