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Gedanken zur Woche

Vom Wert des Bleibens

„Das Bleibende stiften die Liebenden“: Pater Hans Peters SVD spricht im Beitrag der katholischen Kirche über die Kraft aus dem Bleibenden, was durchs Leben begleitet und in den Wechselfällen Halt schenkt.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht“ (Joh 15,5). Worte aus dem heutigen Sonntagsevangelium im fünfzehnten Kapitel bei Johannes. Weinstock, Reben – und wer denkt da nicht weiter und freut sich schon auf den guten Tropfen, auf ein köstliches Glas Wein, am Abend als Belohnung für einen harten Arbeitstag, bei einem Festessen mit lieben Freunden.

Ob Jesus das alles im Kopf hatte, als er das Gleichnis vom Weinstock, den Reben und dem Winzer erzählte? Was sicher ist: er hatte seine Jünger im Kopf, er hatte uns im Kopf, oder besser gesagt: er trug uns im Herzen. Denn das war ihm sein Herzensanliegen, dass seine Jünger bei ihm bleiben sollten, ja in ihm bleiben sollten, macht doch dieses Evangelium Teil seiner Abschiedsreden aus, kurz vor seinem Tod gesprochen, geradezu sein Testament.

Ich nehme dieses Evangelium gerne bei Gold- oder Diamanthochzeiten, die ja heute keine Seltenheit mehr sind: da sitzt es vor mir, dieses Wort Jesu vom Bleiben, und eigentlich brauche ich keine Predigt mehr zu halten, die beiden, die da sitzen und feiern, sie predigen durch ihre fünfzig oder sechzig gemeinsamen Jahre, durch ihr Leben. Geschichten aus ihrem gemeinsamen Leben gehören immer dazu, und auch Geschichten, wie es manchmal kein Zuckerschlecken war. Die Flitterwochen dauern meistens nur Wochen, wenn es hochkommt. Aber dann sitzen sie da vor mir und ich sehe das Bleiben, ich sehe die Frucht, die beiden alten Menschen, ihre Kinder und Kindeskinder, und wie sich alle freuen.

Eine Kontinuität im Leben, um zu wissen, wer wir sind

„Das Bleibende stiften die Liebenden“ – so heißt es in einem Dichterwort. In einer schnelllebigen Zeit, wo eine Innovation die andere jagt, kann so ein Wort uns an das erinnern, was in unserem Leben bleibt, ja, das Leben nur gelingen kann, wenn es wesentlich Dinge gibt, die einfach bleiben. Um zu wissen, wer wir sind, braucht es eine gewisse Kontinuität in unserem Leben, Linien, die sich durchhalten und durchziehen, dass wir uns heute noch in dem erkennen können, was wir gestern waren und in Zukunft sein möchten. Ohne eine solche grundlegende Kontinuität bleiben wir letztlich ratlos zurück, ratlos über uns selbst, über das Leben, über die Welt.

Am Weinstock bleiben, in Jesus bleiben. Sich dieses Wort gesagt sein lassen, will sagen: es gibt einen Grundton in meinem Leben, ein Grundvertrauen, ja Urvertrauen: es ist gut, auf dieser Welt zu sein, es ist gut, dass ich da bin. Zutiefst lebt dieses Grundvertrauen für einen glaubenden Menschen aus der Gewissheit: da ist einer, der bleibt, der mit mir geht, durch Dick und Dünn Spätestens hier wird deutlich, dass menschliches Bleiben immer schon umfangen ist von Gottes Bleiben in dieser Welt, in meinem Leben. Die Feier der Eucharistie, das Abendmahl sind im wahrsten Sinne des Wortes bleibende Zeichen für diese Wirklichkeit. Sich an Jesus, am Weinstock festmachen: sich auf die Wechselfälle des Lebens einlassen zu können, ohne Angst, sich selbst zu verlieren und letztlich nicht mehr zu wissen, wo man dran ist, mit sich selbst, mit dem Leben, mit der Welt.

Ein beständiger Begleiter durch die Wechselfälle des Lebens

Mein ältester Gegenstand in meiner Wohnung: ein Kreuz im Ikonenstil, ein einfacher Druck auf Holz, gekauft vom ersten selbstverdienten Geld, damals beim Kartoffeln lesen, dreizehn bis vierzehn Jahre alt war ich, mittlerweile ist es über 50 Jahre alt, es hat mich durch alle Stationen meines Lebens begleitet, und ich kann mir nicht vorstellen, es einmal irgendwo hängen zu lassen oder liegen zu lassen. Vielleicht weil es mehr auf das oder besser gesagt den hinweist, der bleibt, durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch, Mut macht, auf die Wechselfälle des Lebens sich einzulassen, weil ich weiß, da ist einer, der bleibt und auf den kann ich mich verlassen.

Das sitzt also das Gold- oder Diamantpaar, da hängt das Kreuz an der Wand: da sind Menschen geblieben, da ist etwas geblieben, aber mehr noch, da ist jemand geblieben, durch dick und dünn, in guten und schlechten Tagen, fünfzig Jahre, sechzig Jahre, ein ganzes Leben – und weit darüber hinaus! Und davon leben wir alle.

Pater Hans Peters SVD, Steyler Missionar, Goch

P. Hans Peters SVD

Zum Autor: Pater Hans Peters SVD gehört seit 1967 dem Orden der Steyler Missionare an, in dem er in vielen verschiedenen Funktionen gewirkt hat und bis heute wirkt, unter anderem in der Jugendarbeit, als Novizenmeister und im Rektorat des Missionshauses St. Michael in Steyl (Niederlande). Seit 2008 arbeitet der gefragte Seelsorger und Lebensberater als Wallfahrtsseelsorger in Goch am Niederrhein. Seit 1994 schreibt er regelmäßig für die christliche Familienzeitschrift „Stadt Gottes“.

Redaktionelle Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte, und Alfred Herrmann