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Fokus Osteuropa

Vom Wachstum der Wirtschaft Montenegros profitieren längst nicht alle

Filip Vujanovic ist der große Favorit bei der Präsidentschaftswahl in Montenegro. Sein Sieg würde die Macht der seit zwei Jahrzehnten regierenden Sozialisten festigen - für Montenegros Wirtschaft nicht nur von Vorteil.

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Tourismus-Boomtown Budva hat auch Schattenseiten

"In Moment bauen wir ein Hotel auf vier Etagen. Nächstes Jahr dann ein Neues. Gebaut wird bis Mai. Wenn die Touristen kommen, endet die Bausaison“, erzählt der Saisonarbeiter aus Serbien uns in Budva, der montenegrinischen Tourismus-Hochburg. Wie die anderen 15.000 Bauarbeiter, Kellner oder Zimmermädchen aus den Nachbarländern will er am Aufschwung Montenegros teilhaben.

Unkontrolliertes Wachstum?

Die Wirtschaft des jungen Balkan-Staates an der Adria soll im Jahr 2007 um zehn Prozent gewachsen sein. Doch die montenegrinische Ökonomin Jadranka Rabrenovic traut der Statistik nicht: "In Montenegro wird sehr viel Geld gewaschen. Die Geldwäscher steuern die Entwicklung des Landes, insbesondere die Entwicklung des Tourismus. Montenegros Küste ist nur 270 Kilometer lang. Unsere Strände sind schon voll. Ich befürchte, Montenegro wird den Touristen bald keine Strände und kein Meer mehr anbieten können."

In und um Budva sollten in den nächsten zwei Jahren an die vierzig Hochhäuser mit Appartements entstehen, obwohl die Gemeinde schon letzten Sommer wegen angestiegenen Verbrauchs das Wasser rationieren musste. Bis Ende 2010, behauptet Tourismusminister Predrag Nenezic, würden die Versorgungsprobleme aber gelöst sein. Trotz des Versorgungsengpasses: Den Bau eines halben Dutzend exklusiver Hotels und eines Großyachthafens hält Nenezic für notwendig: "Montenegro ist in der Hauptsaison schon voll ausgelastet. Deswegen wollen wir unser Angebot in der Nebensaison und im Winter verbessern. Wir erwarten in diesem Jahr 1,25 Millionen Besucher und 550 Millionen Euro Einnahmen. Wir sind eines der fünf Länder der Welt mit höchstem Wachstum in der Tourismusbranche, und wir liegen an zweiter Stelle, was die Pro-Kopf-Investitionen im Tourismus betrifft."

Gespürt haben dies aber nur diejenigen der insgesamt 650.000 Montenegriner, die dem Familien- oder Vertrautenkreis der regierenden Politiker angehören, so die regierungskritische Bürgerrechtlerin Vanja Calovic. Sie beklagt außerdem, dass die Hotel-Investoren nicht nachhaltig agierten: "Die Lokalverwaltungen sind anfällig für Korruption. Hinzu kommt, dass sie es innerhalb von zehn Jahren nicht einmal geschafft haben, ihre Städteplanung auszuarbeiten, weil sie keine Experten für so etwas haben. Jeder Staat sollte die Mittel, die Kraft und den Willen haben, gierige Investoren davon abzuhalten, Profit um jeden Preis zu schlagen und Gesetze zu missachten."

Doch in Montenegro wird häufig ohne Genehmigung gebaut. Die Papiere besorgen sich die Bauherren in der Regel, nachdem die Arbeiten schon fortgeschritten sind. Die Durchsetzung der Baupläne übernehmen die Politiker, die nicht selten zu Miteigentümern werden. Sie gehören größtenteils der Regierungskoalition an.

Profite der Politiker

Unabhängige Medien haben berechnet, dass der langjährige Regierungschef Milo Djukanovic, sein Bruder Aco und andere Verwandten ein Vermögen von mehr als einer halben Milliarde Euro besitzen. Das gleiche soll für die Großfamilie des früheren Parlamentspräsidenten Svetozar Marovic gelten. Denn, so der Journalist Slavoljub Scekic: "Wir sind ein kleines Land, und in so einem kleinen Land haben die Regierenden eine unverhältnismäßig große Macht. Das gefällt den Bürgern Montenegros nicht, passt aber den ausländischen Investoren. Unabhängig davon, ob sie aus dem Westen oder den Osten kommen, möchten diese einen Partner haben, der alle Interessen vereint und Geschäfte vollziehen kann.“

Fast vierzig Prozent der Bevölkerung leben aber an oder unter der Armutsgrenze. Die Menschen in den Bergen haben mancherorts noch nicht einmal Strom. Wirtschaftsminister Branimir Gvozdenovic verspricht deshalb mehr Geld für die Entwicklung des Hinterlandes:

"Geplant sind vier mittelgroße Wasserkraftwerke am Fluss Moraca. Wir werden auch kleine Wasserkraftwerke an rund vierzig Gewässern im ganzen Land errichten. Das Investitionsvolumen im Energiesektor sollte rund zwei Milliarden Euro betragen. Die ersten neuen Energiequellen sollten bis 2012 ans Netz gehen."

Noch sind dies alles Versprechungen.

Filip Slavkovic

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