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Politik & Gesellschaft

Vom Todesstreifen zum Grünen Band

Bis 1989 trennte ein Todesstreifen Europa in Ost und West. Doch was im Schatten der Sperrzäune entstand, lässt heute Biologen und Touristen aufhorchen.

Eine Luftaufnahme des Grünes Bandes bei Coburg, an der Grenze von Bayern und Thüringen (Foto: DW)

Das ehemalige Grenze zwischen Bayern und Thüringen

Grenzen trennen: Diese Binsenweisheit hat Friedemann Schwarz verinnerlicht. Der inzwischen pensionierte Lehrer lebte in Hohegeiß im Harz auch schon zu Zeiten der innerdeutschen Grenze. Sein Haus stand im Westen, nur ein paar Hundert Meter vom Todesstreifen entfernt.

Der Todesstreifen war ein 50 bis 200 Meter breites Band mit ausgeklügelten Grenzanlagen zwischen der Bundesrepublik und dem zweiten deutschen Staat, der DDR. Stacheldrahtzaun, dahinter Kontrollwege und Auto-Sperren, in regelmäßigem Abstand Wachtürme und Schießanlagen. All das versperrte dem Westbürger aus Hohegeiß den Weg in den nur drei Kilometer entfernten östlichen Nachbarort Benneckenstein.

Von menschlichen Katastrophen und tierischen Freuden

Zeitzeuge Friedemann Schwarz bei einer Wanderung auf dem Harzer Grenzweg (Foto: DW)

Zeitzeuge Friedemann Schwarz: Selbst Grenzflüsse wurden gegen Fluchtversuche gesichert

1972 traten Schwarz und seine Frau zum ersten Mal eine Reise zu Verwandten in den Nachbarort an. Der Besuch geriet zur Odyssee mit Bussen und Bahnen, Schikanen und Grenzkontrollen. "Da waren wir nicht drei Kilometer unterwegs, sondern 300", erinnert sich der Zeitzeuge. "Und wir waren von morgens halb sieben bis abends halb acht beschäftigt, ganze 13 Stunden, nur um hinter die Grenze zu kommen."

Was für die Menschen Einschnitte und persönliches Leid bedeutete und für mindestens 872 DDR-Bürger sogar tödlich endete, das war für die Tier- und Pflanzenwelt ein Glücksfall. 17 unterschiedliche Naturräume reihen sich im Todesstreifen wie eine Perlenkette aneinander. So entstand im Schatten des Stacheldrahts ein unberührter Biotop-Verbund, der auch nach dem Fall der Grenzanlagen 1989 in weiten Teilen erhalten blieb, wie Kai Frobel vom BUND für Umwelt und Naturschutz berichtet.

Artenvielfalt, die sich gerne auch mal versteckt

Birkenwald aus der Luft fotografiert (Foto: DW)

Wo die Grenze das Land durchschnitt, haben hellgrüne Birkenwälder sich die Natur zurückerobert

Noch gelten 85 Prozent des Grünen Bandes als intakter Naturraum, schätzt das deutsche Bundesamt für Naturschutz. Dazu gehören Brachflächen, Heide- und Feuchtwiesen, Auwälder, Moore und unberührte Bergwälder. "Das Grüne Band ist in diesem intensiv genutzten Deutschland auch deswegen so wichtig, weil wir sonst nur kleine Inseln von Naturschutzgebieten und Biotopen haben", betont Frobel. Er war im Grenzgebiet Naturschützer der ersten Stunde und wird schon deshalb von vielen liebevoll "Mr. Grünes Band" genannt.

"Nur am Grünen Band haben wir in Deutschland noch fließende Übergänge vom Waldrand, hinunter ins Tal, dann in ein Moor und anschließend in ein naturnahes Fließgewässer, bis es wieder in eine Heide und in den nächsten Wald übergeht", sagt Frobel. Solch zusammenhängende Lebensadern brauche die Natur.

"Und viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten brauchen etwas, was inzwischen sehr selten geworden ist, nämlich ungedüngte, magere und offene Standorte", erklärt Frobel mit Blick auf einen grau-braunen Grasstreifen. Genau diesen Lebensraum bietet das Grüne Band in Hülle und Fülle, weshalb es von Braunkelchen, Laubfröschen, Wanstschrecken, Schwarzstörchen, Wildkatzen, Heidekraut und Arnika geradezu geliebt wird. Insgesamt finden 600 gefährdete Tiere und Pflanzen hier ihr zuhause.

Sanfter Tourismus zwischen Bandnudeln und Seilstegen bauen

Nach der Wende verschwanden viele Relikte der Grenzvergangenheit des Grünen Bandes. Ein Großteil der 850 Wachtürme wurde abgerissen und die 3000 Kilometer Sperranlagen aus der Landschaft entfernt. Es gab kaum jemanden, der in der unmittelbaren Nachwendezeit an die Symbole der Unfreiheit erinnert werden wollte.

Was menschlich nachvollziehbar ist, stellt Historiker und Tourismusplaner nun aber vor ein Problem: Wie soll das Erbe des Todesstreifens an die nächste Generation weitergegeben werden, wenn der nur mehr zu erahnen ist?

Informationstafel entlang des ehemaligen Verlaufs der innerdeutschen Grenze (Foto: DW)

Die Nummer für Geschichten: An historisch interessanten Punkten können Besucher entlang der ehemaligen Grenze Zeitzeugenberichte anhören

Am südlichen Ende des Grünes Bandes, in der Region Thüringer Wald, Schiefergebirge und im Frankenwald, soll dieses Problem durch spezielle Wander- und Radrouten gelöst werden. Nacheinander können Besucher dort Audiopunkte rund um den Grenzstreifen anfahren, um Zeitzeugenberichte zu hören. Dort soll das historische Wissen konserviert werden.

Selbst die regionalen Gastronomen werden eingespannt: Auf den Teller der Besucher sollen nun "Grüne-Band-Nudeln" kommen. Dass man damit aber nur ausgewählte Urlauber erreicht, ist auch Stefan Fredlmeier vom Tourismusverband Frankenwald klar. Deshalb setzt er auch auf die "Karte Naturerlebnis" für Kinder und Jugendliche, die mit Seilbrücken oder einem Floß ehemalige Grenzen überwinden sollen. "Das ist für die Kinder erstmal ein großes Abenteuer", sagt der ehemalige Bundeswehrsoldat, der auch an der Grenze stationiert war. "Und im zweiten Schritt kann man dann Interesse für Geschichte und den sensiblen Naturraum wecken."

Ein Grünes Band durch ganz Mitteleuropa?

Brauner Waldvogel (Foto: DW)

Auch für seltene Schmetterlinge wie den Braunen Waldvogel ist das Grüne Band ein Paradies

Der einzigartige und sensible Naturraum endet nicht an Deutschlands Grenzen. Der so genannte ehemalige Eiserne Vorhang zog sich quer durch Europa, vom Eismeer hinunter bis zum Mittelmeer und dem Schwarzen Meer.

So mancher Exot verdankt diesem europäischen Niemandsland seine Existenz, sei dies der Urzeitkrebs in Österreich, die Zwergseeschwalbe in Ungarn oder der Kaiseradler in Bulgarien. Doch damit aus diesen Einzelrefugien wirklich ein gesamteuropäisches Grünes Band für Naturschutz und Tourismus wird, gilt es noch viele Bande zu knüpfen.

Autor: Richard A. Fuchs
Redakteurin: Irene Quaile / Kay-Alexander Scholz

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