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Fokus Südosteuropa

Vom türkischen Gastarbeiter zum Arbeitgeber

In Deutschland gibt es heute fast 80.000 Unternehmen von türkischstämmigen Geschäftsleuten. Der von ihnen erwirtschaftete jährliche Umsatz beträgt rund 35 Millionen Euro.

Ein Mitarbeiter eines Döner-Imbisses schneidet gegrillte Fleischstücke von einem Drehspieß (Foto: AP)

Türken betreiben längst nicht mehr nur Döner-Imbisse

Die Türken, die nach Deutschland als Gastarbeiter gekommen sind, haben in den 1970er Jahren angefangen Lebensmittelläden zu betreiben. Sie haben auf dem Markt oder als Gemüsehändler gearbeitet. Holger Floeting vom Deutsche Institut für Urbanistik betont, ihre Zielgruppe seien damals lediglich Türken gewesen: "Das waren anfangs natürlich ihre Geschäfte, die den Bedarf anderer Zuwanderer auch gedeckt haben." Die türkischstämmigen Einzelhändler hätten Waren angeboten, die üblicherweise im deutschen Einzelhandel nicht zu finden seien, sagt er.

Die Arbeitslosigkeit führte zur Selbständigkeit

Bahattin Kaya, deutsch-türkischer Unternehmer, sitzt mit gefalteten Händen hinter einem Schreibtisch (Foto: DW)

Laut Kaya hatten es türkische Unternehmer schwer

Anfang der 1970er Jahre lebten in Deutschland etwa 600.000 türkischstämmige Menschen. Die Zahl der selbständigen Türken lag etwa bei 3000. In den 1980er Jahren dagegen erreichte diese Zahl rund 22.000. In den folgenden Jahren stieg die Arbeitslosenquote insbesondere unter den angelernten und ungelernten Arbeitnehmern. Besonders betroffen waren viele ausländische Mitbürger, somit auch die Türken. Einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit sahen viele Türken in der Selbständigkeit. Bahattin Kaya, Vorstandsmitglied der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TD-IHK), sagt, die Türken, die sich damals selbständig machten, hätten viele Schwierigkeiten überwinden müssen. Das damalige Ausländergesetz war das größte Hindernis. Denn laut Gesetz durften die Türken nicht als Gewerbetreibende zugelassen werden. "Daher haben viele türkischstämmige Menschen Gewerbe betrieben, die unter einem deutschen Name angemeldet waren", sagt er.

Deutsche Kunden

Heutzutage dürfen Migranten, die für Deutschland eine Niederlassungserlaubnis haben, auch als Selbständige arbeiten - ohne einen deutschen Partner. Selbst auf der Homepage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie stehen die Informationen für diejenigen, die ein eigenes Unternehmen gründen wollen, auf Türkisch. Außerdem bieten auch die türkisch-deutschen Arbeitgeberverbände in verschiedenen Städten Beratungsdienste an. Nach den jüngsten Statistiken erreicht die Zahl der selbständigen Türkischstämmigen in Deutschland rund 80.000 und diese beschäftigen cirka 400.000 Arbeitnehmer. Floeting, der sich auf türkische Unternehmen in Deutschland spezialisiert hat, betont, die Zielgruppe dieser Unternehmen seien jetzt auch deutsche Verbraucher. Das Bild, das man üblicherweise von türkischen Selbständigen hat, habe sich inzwischen geändert. Dies sei jedoch nicht auf den ersten Blick zu erkennen. "Das, was an Dienstleistungen angeboten werde, von Ärzten, Rechtsanwälten, Werbeagenturen, das sieht man bloß, wenn man etwas deutlicher auf die Klingelschilder guckt. Das sieht man nicht auf der Straße. Die großen Unternehmen mit türkischstämmigen Chefs nimmt man zum Teil überhaupt nicht wahr", sagt Floeting bedauernd.

Erfolg im Dienstleistungssektor

Papiermännchen Hand in Hand (Foto: Bilderbox)

Integration durch Arbeit

TD-IHK-Präsident Rainhardt Freiherr von Leoprechting betont, dass Türkischstämmige insbesondere im Dienstleistungssektor erfolgreich seien: "Wenn man bei einem türkischen Händler abends um 21 Uhr klingelt, weil man etwas vergessen hat, dann erlebt man kein langes Gesicht, sondern da freut sich jemand, dass man seine Ware nachfragt", sagt er. Die Menschen aus der Türkei seien dienstleistungsbezogen. "Sie sind Händler, es gefällt ihnen", so von Leoprechting.

Unter Unternehmern mit Migrationshintergrund stellen die Türkischstämmigen die Mehrheit dar. Schätzungen zufolge wird diese Zahl in den nächsten Jahren weiter steigen. Holger Floeting vom Deutschen Institut für Urbanistik sagt, kleine und mittelständische Unternehmen, die von Türken betrieben würden, erfüllten mehr als nur Aspekte der Wirtschaftlichkeit: "Sie engagieren sich für die Gemeinden, in denen ihre Unternehmen aktiv sind. Sie nehmen eine große Integrationsfunktion wahr." Denn Integration funktioniere ganz wesentlich über den Arbeitsmarkt. "Indem sie Arbeitsplätze schaffen, Menschen einstellen, schaffen sie diese Möglichkeit der Integration", betont er.

Autorin: Jülide Danisman
Redaktion: Mirjana Dikic