Vom Strukturwandel in Görlitz | Wirtschaft | DW | 19.01.2018
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Standort in Gefahr

Vom Strukturwandel in Görlitz

Görlitz - 55.000 Einwohner, gelegen ganz im südöstlichsten Zipfel des Freistaats Sachsen, direkt an der Grenze zu Polen. Filmkulisse, Rentnerparadies - und Industriestandort. Letzteres aber steht gerade auf dem Spiel.

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Hat Görlitz eine Zukunft?

Wer Glück hat, trifft Brad Pitt in Görlitz, der malerischen Stadt in Ostsachsen, die großen, internationalen Filmproduktionen immer öfter als Kulisse dient. In diesen Tagen dürften Besucher aber eher auf wütende Einheimische treffen, die sauer sind auf große Konzerne, die mit einem Federstrich mal eben ganze Standorte schließen. 

Konkret: Siemens und Bombardier wollen in Görlitz tausende Arbeitsplätze abbauen. Für die Stadt und die Region ein schwerer Schlag: dem Einzelhandel droht ein erheblicher Kaufkraftverlust, die Arbeitslosenquote, im Dezember bei 8,7 Prozent, droht dramatisch zu steigen.

Mit Hilfe der IG Metall wehren sich die von Entlassung bedrohten Mitarbeiter durchaus medienwirksam. Und auch weil der neue sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) gebürtiger Görlitzer ist, haben die Proteste bundesweit Aufmerksamkeit gewonnen.

Mittelständler als Rettungsanker?

Angeblich, so die Görlitzer Wirtschaftsförderin Angelika Friederike Behr, haben sich auf Grund der überregionalen Berichterstattung auch zahlreiche Investoren gemeldet, "so viele wie noch nie". Sie würden in Görlitz gut ausgebildete Facharbeiter finden, relativ geringe Lebenshaltungskosten und einen Höchstfördersatz von 40 Prozent. Soviel zahlt die Sächsische Aufbaubank für Investitionen in der strukturschwachen Region im Dreiländereck. Namen will Behr aber nicht nennen. Es seien Unternehmen aus der Elektromobilitäts-, aus der Logistik- und aus der Medizinbranche. Keine großen Firmen, eher Mittelständler, die jeweils bis zu 100 Arbeitsplätze in Aussicht stellen. Einige könnten schon Ende 2018 da sein.

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren, nach dem großen Aderlass, als nach der Wiedervereinigung über 100.000 Menschen aus der Region gen Westen gezogen waren, eine lebendige Unternehmenslandschaft entwickelt.  Zum Beispiel Cideon, eine innovative Firma, die in Görlitz gegründet wurde und Software für den Weltmarkt produziert. "Wir machen Lösungen für Ingenieure", sagt Rolf Lisse, Leiter der Entwicklung. "Wir sorgen dafür, dass die Dinge, die die Ingenieure erstellen, richtig produziert und bestellt werden. Und wir rekrutieren unsere Mitarbeiter hier in Sachsen für Software made in Germany." Das Unternehmen beschäftigt in Görlitz rund 100 Mitarbeiter. Natürlich wäre man froh, in Zukunft auch Fachleute aus dem Siemens-Werk anstellen zu können. Man wolle weiter wachsen.

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Siemens: Trauriges Weihnachten in Görlitz

Vielleicht doch noch Hoffnung für Siemens in Görlitz?

Ähnlich äußert sich auch Mario Ludwig. Er leitet den Görlitzer Standort des Schweizer Unternehmens Skan, das Reinsträume und sogenannte Isolatoren für die Pharmaindustrie produziert. Er habe bereits Mitarbeiter, die von Bombardier gekommen seien. Aber natürlich müsse jemand, der von einem großen Konzern in ein mittelständisches Unternehmen wechselt, mit Abstrichen rechnen.

Noch scheint bei den angekündigten Entlassungen von Siemens und Bombardier ohnehin nicht das letzte Wort gesprochen zu sein. Die Gewerkschaft verhandelt mit den Konzernvorständen. Bei Bombardier  soll es bis Ende 2019 keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Und bei Siemens hat Vorstandschef Joe Kaeser angedeutet, dass das es noch Hoffnung für die Görlitzer Mitarbeiter gibt.

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