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Geschichte

Vom Staatsprojekt zum Publikumsmagneten

Unsere neue Serie stellt herausragende Museen in Deutschland vor. Den Auftakt macht das Bonner "Haus der Geschichte". Es erzählt, wie es zur deutschen Teilung und zur deutschen Einheit kam.

Name: Zwei deutsche Staaten werden getrennt.JPG Bildbeschreibung: Zwei deutsche Staaten werden getrennt, Szenen aus Berlin im August 1961 CMS-Schlagwort: Haus der Geschichte, Bonn Aufnahmedatum: April 2012 Aufnahmeort: Haus der Geschichte, Bonn Rechte: DW / Birgit Goertz zugeliefert von Birgit Goertz

Haus der Geschichte Zwei deutsche Staaten werden getrennt

Ein US-Jeep, ein überdimensionales Foto von US-Truppen, die ihre Flagge auf den Trümmern des Nürnberger Parteitagsgeländes hissen, davor liegt ein Reichsadler am Boden – ein Original, keine Nachbildung.

Wer das Haus der Geschichte betritt, ist gleich mittendrin – in der Geschichte. Und sofort weiß man, warum das Gerede von der "Stunde Null", die angeblich am 8. Mai 1945 geschlagen hätte, Unsinn ist. Es gibt in der Historie keine Neuanfänge, es gibt Kontinuitäten und Brüche, aber nicht tabula rasa und alles neu. Entsprechend widmet sich die Ausstellung gleich zu Beginn den Themen, mit denen die Alliierten die Deutschen nach Kriegsende konfrontierten: Dokumentationen über die Greueltaten der Nazis, den Holocaust, die Nürnberger Prozesse. Die Botschaft: Für Sieger und Besiegte, Opfer und Täter gibt es keine Zukunft ohne den Blick zurück.

Die Mutter aller Jeeps: der Willys MB (Foto: DW)

Die Mutter aller Jeeps: der Willys MB

Nicht umsonst, aber kostenlos

Das Haus der Geschichte zählt zu den meist besuchten Ausstellungen Deutschlands. Die Initiative zur Gründung des Hauses der Geschichte geht auf den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl zurück. Geplant war es als Sammlung zur Geschichte der Bundesrepublik und der deutschen Teilung. Dass aus dem staatstragenden Prestigeprojekt ein Publikumsmagent wurde, ahnte damals niemand. Mitte April 2012 wurde der zehnmillionste Gast begrüsst. Im Schnitt kamen seit der Eröffnung 1994 600.000 Besucher im Jahr, um die Dauerausstellung zur deutschen Geschichte seit 1945 zu sehen. Hoffentlich nicht umsonst, auf jeden Fall aber kostenlos. Das Haus finanziert sich komplett aus dem Bundesetat.

Auch nach der deutschen Einigung und der Entscheidung für Berlin als gesamtdeutsche Hauptstadt blieb es bei Bonn als Standort, als eine Art Anerkennung für die Stadt. Schließlich entstand am Rhein der erste deutsche demokratische Staat, der sich als Teil der westlichen Wertegemeinschaft und des zusammenwachsenden Europa versteht.

Zwischen Rock'n Roll und deutschem Schlager: die Jukebox (Foto: DW)

Zwischen Rock'n Roll und deutschem Schlager: die Jukebox

Heute hat das Haus der Geschichte Dependancen in Leipzig und in Berlin. In Bonn stehen für die Dauerausstellung rund 4.000 Quadratmeter zur Verfügung. Rund 7.000 Ausstellungsstücke und rund 150 Multimediastationen erzählen die Nachkriegsgeschichte in chronologischer Form.

"Erlebbar und authentisch"

Der Leitspruch der Ausstellung heißt "Geschichte erleben" und ist ein Anspruch, den das Museum an sich selbst stellt. Die Ausstellung zeigt nicht einzelne Objekte, die an mit einem begleitenden Wandtext erläutert und eingeordnet werden, sondern Objektensembles: Originale werden mit Nachbauten szenisch aufbereitet und mit Text, Ton und Film eingeordnet.

Steht für das Lebensgefühl in den 50ern: die Vespa (Foto: DW)

Steht für das Lebensgefühl in den 50ern: die Vespa

Passend zu den wichtigen politisch-historischen Wegmarken erzählen Zeitzeugen die subjektiv erlebte Geschichte. "Diese Zeitzeugen haben auch oft sich widersprechende ansichten, die erklären die Geschichte viel besser, als wenn man einen Strang vorgibt. Diese Multiperspektivität, die wir durch die biografischen Stationen herstellen können, hilft den Menschen die Geschichte erlebbar und authentisch zu machen", erläutert Dr. Harald Biermann vom Haus der Geschichte.

Eine Gruppe französischer Schüler steht vor einer Medienstation, an der ein Film über die Vernichtungslager läuft. Die Schüler tun, was für ihre Generation typisch ist: Sie machen Fotos mit ihren Handys.

Während Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in den vier Besatzungszonen sich neu konstituieren, und sehr schnell klar wird, was Stalin mit "seiner", der sowjetischen Besatzungszone, vorhat, ist den Menschen in Ost und West eines gemein: Zwar haben sie das Kriegsende erlebt, doch nun müssen sie den Frieden überleben.

Wer kann, flieht aus dem Alltag. Heile Welt für ein paar Stunden bei einer Liebesschnulze. "Wir haben beide nur aufgeschrien: Guck mal, das Kino!" Inge Berger und ihre Nichte Angelika von Schönfeld sind total aus dem Häuschen. Die jüngere interessiert sich vor allem für die Zeit, die sie selbst erlebt hat: die 1950er und 1960er Jahre: "Das Lichtspielhaus, das war meine Jugend. Da war ich 16 oder 17 Jahre alt. Damals durfte man alle drei, vier Monate mal ins Kino, wenn man sich eine Mark zusammen gekratzt hatte. Liebesschnulzen waren für mich das allerschönste."

Vor dem Probesitzen sei gewarnt

Angelika von Schönfeld war schon oft in der Ausstellung. Sie schleppe früher oder später jeden her, sagt sie. Diesmal nun eben ihre Tante, Jahrgang 1922. Wie bitte? Welcher Jahrgang? "1922 in Berlin geboren", bestätigt rüstige Dame. Ihr seien übrigens Schauer über den Rücken gelaufen, so lebendig sei die Erinnerung beim Rundgang durch die Ausstellung geworden. Doch so manches sei auch für sie neu. Zum Beispiel die Original-Sitzreihen des Plenarsaales des Bundestages aus den 1950er Jahren. "Ich habe Probe gesessen, bin aber fast nicht mehr hochgekommen, so tief und so unbequem. Dass die armen Leute das früher im Bundestag bei Kanzler Adenauer aushalten mussten, das war sicher nicht einfach", sagt sie lauthals lachend. Der Adenauer sei ein feiner Mensch gewesen und ein großartiger Politiker, ehrlich und geradeaus.

Ein Stück Mauer (Foto: DW)

Ein Stück Mauer

Mit Adenauer können sie weniger bis gar nichts anfangen. Sophie und Marianna sind gerade 14 Jahre alt. Sie sind gemeinsam mit ihren französischen Austauschschülern hergekommen. Ihnen gefällt die Ausstellung ganz gut, weil sie die Geschichten hinter den Objekten erzählt. Doch sie interessiert mehr die Sonderausstellung "Mit 17 – jung sein in Deutschland", die die Lebenswelt und Lebenswünsche von Jugendlichen von den 1940er Jahre bis in die heutige Zeit schildert. "Ich fühle mich vor allem dort angesprochen, da gibt es Generation Facebook. Das ist ja sozusagen unsere Generation", sagt Sophie.

Die Geschichte geht weiter

Eine andere Gruppe von Schülerinnen und Schüler ist deutlich älter, die sich gerade bei einer Museumführung erklären lässt, wie es von der Entspannungspolitik der 70er Jahre zur Auflösung der sowjetischen Hegemonie und schließlich zum Mauerfall kam. Das Thema Einheit ist nicht bombastisch inszeniert mit Pomp und Gloria, sondern eher nüchtern. Denn damit ist die Geschichte nicht zu Ende, auch nicht der Rundgang: Klima, Globalisierung, Migration – es gibt noch eine Menge Herausforderungen.

Das Haus der Geschichte nimmt sie an: in mehrerlei Hinsicht. Die Ausstellung endet nicht in der Vergangenheit, sondern schlägt eine Brücke in die Jetzt-Zeit und sie ist modern. Sie bietet viele Informationen multimedial und basiert auf der neuesten historischen Forschung. Von Oktober 2010 bis Mai 2011 wurde sie komplett überarbeitet. "Wir haben den Umbau genutzt, um leichte Schwächen der Vorgängerausstellung zu überarbeiten: Wir haben die Darstellung der DDR und des Kalten Krieges stärker akzentuiert", sagt Historiker Biermann.

"Jeder, der sich mit Geschichte beschäftigt, weiß, dass man Abstand braucht. Was die Ereignisse der 20 Jahre angeht, haben wir jetzt die nötige Distanz." Biermann nennt es "Schneisen durch die Geschichte schlagen". Man könnte auch sagen, Kontinuitäten und Brüche aufzeigen. Wie man es auch nennen mag: Es geht immer darum, was die Vergangenheit mit dem Heute zu tun hat.

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