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Alltagsdeutsch – Podcast

Vom Schreiben und Bewahren

Schrift und Schreiben – uralte Zeugnisse unserer Kulturen. In Archiven werden sie gesammelt, geordnet und bewahrt. Allerdings ist die Frage, was als erhaltenswert eingestuft werden soll, nicht so leicht zu beantworten.

Sprecher:
Wer ins nordrhein-westfälische Staatsarchiv Münster reist, wird eine Menge erfahren und feststellen, wie sehr die Schreibkultur auch in unserer Alltagssprache verankert ist.

Sprecherin:
Machen wir also hier einen Rundgang. Unser Begleiter ist Herr Oberstaatsarchivar Dr. Helmut Müller. Im Staatsarchiv Münster kann man die Entwicklung der Schreibkultur anhand der Schreibgeräte verfolgen: Pinsel, Griffel, Federkiele, Bleistifte, Füllhalter, Kuli und schließlich Schreibmaschine und Computer.

Dr. Helmut Müller:
"Die alte Schreibkultur steht auf zwei Füßen. Das eine ist das rein Äußerliche: Wie teile ich etwas mit, also mit meiner Hand. Also, der Schrift- und Schreibcharakter ist schon was sehr Wesentliches. Und ich kann mich gut erinnern, dass auch auf der Schule doch sehr darauf geachtet wurde, dass die Handschrift nicht nur lesbar war, sondern auch im Grunde ein bisschen Ausdruck des jeweiligen Individuums. Und das Zweite ist dann natürlich auch wieder der innere Wert dessen, was ich mitteile."

Sprecher:
Eine Schreibkultur, also etwas Abstraktes, steht auf so etwas Konkretem wie zwei Füßen; das ist natürlich nur als Sprachbild möglich. So fest wie ein Mensch auf zwei Füßen steht, wird die Schreibkultur eben getragen von Form und Inhalt. Rechter Fuß Inhalt, linker Fuß Form – oder umgekehrt. Auf einem Bein steht es sich schlecht, das heißt, das eine ist ohne das andere nicht möglich.

Sprecherin:
Schreibkultur: Helmut Müller erinnert sich, dass man in seiner Schulzeit auf sie großen Wert gelegt hat. In der Ausstellung hängt eine alte Schiefertafel an der Wand mit einem großen Kreide-i darauf. Erinnerungen an alte Schreibkultur-Lernzeiten.

Dr. Helmut Müller:
"Rauf, runter, rauf, Pünktchen obendrauf. So habe ich das "i" gelernt auf der Schiefertafel. Also das Kratzen höre ich heute noch, das konnte man nicht sehr gut haben."

Sprecherin:
Und wenn Oberstaatsarchivar Müller nicht lernen wollte, wurde er mit dem volkstümlichen Satz genervt, den heute noch so mancher Schüler vernehmen muss, wenn er keine Lust auf Schule hat.

Dr. Helmut Müller:
"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Das wurde uns damals auch ja nicht nur im Schulunterricht, sondern auch zu Hause eingebläut."

Sprecher:
Wenn hier vom Einbläuen gesprochen wird, dann hat das nichts mit der Farbe Blau zu tun, auch wenn in alten Zeiten das Einbläuen durchaus den ein oder anderen blauen Fleck hinterlassen konnte. Denn eingebläut hat man den Kindern bestimmte Verbote oft mit Prügel, so wie man früher die nasse Wäsche mit einem Bleuel geschlagen hat, einem hölzernen Schlegel. Bläut man den Schülern heute Dinge ein, dann hat das weniger mit Schlagkraft zu tun als mit der Intensität des Vermittelns, zum Beispiel durch dauerndes Wiederholen. Was aber bedeutet nun der Spruch von "Hans und dem Hänschen"?

O-Ton:
"Den kenn’ ich von meinen Eltern – die haben halt früher immer gesagt, dass man rechtzeitig sich bemühen muss, bestimmte Sachen zu erlernen, denn wenn man das nicht macht, dann würde man es im Alter nicht mehr lernen, weil dann teilweise die Gehirnzellen zurückgehen und man nicht mehr so aufnahmefähig wäre."

Sprecherin:
Als die Schreibkultur noch keine Tastendrückkultur war, schrieb man mit dem Kiel schöner weißer Vogelfedern. Und auch das musste man schon als Hänschen lernen. Mit einem Federmesser wurde der Kiel angespitzt, damit man gestochen scharf und ohne Tintenkleckse schreiben konnte. Daher kommt auch der Ausdruck, jemand schreibt mit spitzer Feder – was heute heißt, jemand schreibt verletzend und polemisch. Im Jahre 1636 hatte halb Münster etwas auf dem Kerbholz, wie man im Archiv erfahren kann. Auch das gehört zum Schreiben und Bewahren. Die Kerbhölzer sind Schuldenverzeichnisse, stammen aus dem 17. Jahrhundert und kommen vom Kloster Brenkhausen.

Dr. Helmut Müller:
"Hier wird etwas Eigenartiges angesprochen, etwas auf dem Kerbholz haben. Ich frage dann hier Besucher, was sie darunter verstehen, und dann bekomme ich immer die Antwort, und auch die Jüngsten wissen das: Der hat was ausgefressen."

O-Ton:
"Ein Lausbub beispielsweise hat was ausgefressen oder frisst häufiger was aus. Der halt immer lausbübische Späße auf Lager hat und ständig irgendwo auch bekannt ist vielleicht wie ein bunter Hund für solche Späße."

Sprecher:
Ausfressen
ist nur ein anderer Ausdruck für Unsinn machen oder etwas anstellen. Seinen Ursprung hat er bei Haustieren wie Hund und Katze, die verbotenerweise etwas leer gefressen haben. Die Passantin erwähnt dabei gleich den klassischen Ausfresser schlechthin, den Lausbub. Mit "Laus" sind tatsächlich Läuse gemeint, und Lausbub ist demnach ein Junge, der Läuse hat. Früher war das eine recht abfällige Art, über Kinder von niederem Stand zu urteilen, heute ist der Ausdruck absolut salonfähig und nicht böse gemeint. Lausbub ist einfach nur ein frecher Junge. Und bekannt wie ein bunter Hund ist ein alltäglicher Sprachvergleich: "Bunt" – so nennen Züchter tatsächlich jene Hunde, die mehrfarbig sind. Und die fallen einem natürlich eher auf.

Sprecherin:
In Münster wurde ein sehr berühmter preußischer Staatsmann, der damals wohl auch bekannt war wie ein bunter Hund, in einem Schuldenbuch verewigt.

Dr. Helmut Müller:
"Kein Geringerer als der Freiherr vom Stein auf Kappenberg hat seinerzeit bei einem Wirt Schulden, die er gemacht hat, anschreiben lassen. Aber der Hintergrund ist der, dass der Freiherr vom Stein Schützenkönig wurde und dann die gesamten Schützen freihalten musste. Und bares Geld hatte er wohl nicht in der Tasche, und dann ist er zum Wirt seines Vertrauens gegangen und hat die freigehalten, die Schützen und dann später also bezahlt. Und so steht er also in einem Anschreibebuch mit so und so viel Schulden verzeichnet."

Sprecher:
Sie werden sich nun fragen, was es heißt, Menschen freizuhalten. Keine Ahnung? Nun, Sie bewahren sie nicht gleich vor dem Gefängnis, Sie bewahren sie davor, bezahlen zu müssen. Wenn Sie in einer Kneipe beim geselligen Beisammensein sind, wird man in Deutschland vielleicht erwarten, dass Sie mal eine Runde ausgeben oder eben jemanden freihalten. Dann müssen Sie alle Getränke bezahlen, die diese Runde trinkt. Und das kann teuer werden, wie man beim Freiherrn vom Stein sieht, er musste anschreiben lassen.

Dr. Helmut Müller:
"Wir sprechen ja heute auch davon, dass man irgendwo gut angeschrieben ist. Die ursprüngliche Bedeutung ist eben auch, dass man die Schulden hat anschreiben lassen. Und wenn die getilgt waren, dann war man gut angeschrieben."

Sprecher:
Was aber heißt das heutzutage? Unsere Passantin erklärt's:

O-Ton:
"Dass halt jemand ein hohes Ansehen genießt, dass jemand halt gut dasteht, dass Menschen ‘ne gute Meinung von dieser Person haben."

Sprecherin:
Die Menschen früherer Jahrhunderte schrieben Verträge und geistige Schriften, die bewahrenswert erschienen, auf Pergament. Das war recht dauerhaft, denn Pergament ist nichts anderes als bearbeitete Tierhaut. Papier ist zwar ein billiger, dafür aber wenig widerstandsfähiger Stoff. In so manchen deutschen Bibliotheken und Archiven zerbröselt das geschriebene Wort den Archivaren unter den Händen weg. Heute versucht man, mit Entsäuerungsmaschinen das sehr säurehaltige und damit anfällige Papier zu konservieren.

Dr. Helmut Müller:
"Nicht nur der Zahn der Zeit hat genagt an den Dokumenten, an den Beschreibstoffen, sondern auch der Mensch selber."

Sprecherin:
Der Mensch behandelt Dokumente, Bücher und Papiere oft achtlos und lagert sie falsch. Und er muss sich fragen lassen, wie er eigentlich mit der Ressource Papier umgeht, die ja bekanntlich aus dem Holz der Bäume gewonnen wird.

Sprecher:
Der Zahn der Zeit
ist ein sehr bekanntes Sprachbild für die Zeit als Kraft, die den Verfall bewirkt. Man mag sich dabei kleine Nagetiere und Ungeziefer vorstellen, wie sie an Knochen nagen, aber Vorsicht mit dem Ausdruck!

O-Ton:
"Beleidigend wäre, wenn ich zu ‘ner 60-jährigen Frau sagen würde, an ihr nagt der Zahn der Zeit."

Sprecherin:
Ein Archiv hat nur begrenzten Platz, und so gehört es zu den Aufgaben der Archivare zu entscheiden, was eigentlich erhaltenswert ist und dem kollektiven, dem gemeinsamen Gedächtnis einer Gesellschaft zugeführt werden soll.

Dr. Helmut Müller:
"Was wird bewahrt, ja? Das ist gar nicht so ganz schnell auf einen Nenner zu bringen. Es wird zunächst das bewahrt, was als einmalig gelten kann. Die Justiz erzeugt sehr, sehr viel Material, und die Archive werden nur Einzelfälle herausfiltern. Wir wählen Fälle aus, die typisch sind für die Zeit. Hier werden ja im Vorhinein nach Auswahlkriterien bei den Dienststellen die Dokumente herausgezogen und sofort also sozusagen Spreu vom Weizen getrennt."

Sprecher:
Der Archivar kann das gar nicht so schnell auf einen Nenner bringen. Tja, vielleicht werden Sie jetzt denken, der Archivar hat ein mathematisches Problem. "Nenner" ist die Zahl unter dem Bruchstrich, die den Bruch benennt, nämlich als ein Achtel, ein Viertel – Sie wissen's selbst. Will man Brüche addieren – wir erinnern uns – muss man den gleichen Nenner unten stehen haben. Im übertragenen Sinne heißt der obige Satz also, er kann nicht so schnell seine Auswahlkriterien in Übereinstimmung bringen. Er kann das nicht so einfach sagen, die Dinge sind zu kompliziert. Und die Redensart Spreu vom Weizen trennen erklärt unsere Fachfrau:

O-Ton:
"Die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen."

Sprecher:
Alles klar? Beide Ausdrücke, Spreu vom Weizen trennen und das Töpfchen-Kröpfchen-Paar, meinen dasselbe. Man trennt das Wertvolle vom Wertlosen und das Wichtige vom Unwichtigen. Die Erklärung, die uns unsere Passantin liefert, ist dabei von den Gebrüdern Grimm inspiriert und stammt aus dem Märchen vom Aschenputtel. Tauben halfen Aschenputtel beim Verlesen von Linsen, sie taten die guten ins Töpfchen und behielten die schlechten in ihrem Kröpfchen.

Sprecherin:
Das früheste Dokument im Staatsarchiv von Münster ist eine Urkunde von 813, aus der letzten Zeit Karls des Großen. Es ist eine Besitzübertragung für das bedeutende Kloster Corvey. Über dem Ausstellungsraum prangt in Schwarz-Weiß übrigens ein Faust-Zitat:

Dr. Helmut Müller:
"‘Die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln’. Das ist natürlich etwas provokant. Manche unserer Besucher, die hier ins Haus kommen, sagen: 'Wir können da gar nichts mit anfangen, was wir da lesen’, wenn sie es überhaupt lesen können, 'was ist damit eigentlich gemeint?' Und dafür sind die Archivare da, dass sie diese Dokumente, die uns gemeinhin heute unverständlich sind, aufschlüsseln."

Sprecher:
Ein Buch mit sieben Siegeln
, das ist ein recht schönes und treffendes Bild dafür, dass man etwas nicht versteht, einem der Sinn verschlossen bleibt – versiegelt eben.

Sprecherin:
Zum Ende unseres Rundgangs, nach all den Dokumenten und Exponaten, fällt einem ein buntes Bild ins Auge. Tatsächlich, da ist eine Seite aus einem alten und bekannten Kinderbuch zu sehen: Der Struwwelpeter, vom Kinderarzt Dr. Heinrich Hoffmann. Man sieht einen großen Nikolaus, der vier kleine Buben in ein riesiges Tintenfass hält.

Zitat:
"Er tunkt sie in die Tinte tief,
Wie auch der Kaspar 'Feuer' rief.
Bis übern Kopf ins Tintenfass
tunkt sie der große Nikolas."

Sprecher:
So geht's den Jungs. Die haben einen Knaben mit schwarzer Hautfarbe geärgert und sitzen jetzt ganz schön in der Tinte. Und wegen dieses Sprachbilds hat Helmut Müller die Seite des Kinderbuches auch aufgehängt. Unser Muttersprachler weiß eine Erklärung:

Dr. Helmut Müller:
"Das ist eine ganz vertrackte Situation, in der man keinen Ausweg sieht auf Anhieb. Und in diese Tinte hat man sich vielleicht selber reingeritten, die Situation ist ganz verfahren. Ich hab’ vielleicht mich in Schulden gestürzt, ohne vorher groß zu überlegen, und sitze dann nachher in der Situation und denke, jetzt muss ich mal zu mir kommen, will da wieder raus, und dann sag’ ich: 'Oh, jetzt sitze ich in der Tinte’."

Sprecherin:
Zum guten Schluss möchte unser Oberstaatsarchivar Helmut Müller noch eine Lanze brechen für das Material, auf dem wir uns schreibend verewigen, dem Papier. Und zu diesem Zweck hat er in der Ausstellung eine kleine Installation angebracht.

Dr. Helmut Müller:
"Es sind Papierbehältnisse, Papierkörbe, Pappkartons mit weggeworfenen Papierresten und all dem, was wir nicht mehr brauchen. Papier ist geduldig. Ist Papier wirklich geduldig, müsste man fragen? Ich denke, Papier ist so etwas wie eine gequälte Materie. Es kann sich nicht zur Wehr setzen."


Fragen zum Text:

Woraus wurde Pergament hergestellt?
1. aus Holz
2. aus Schilf
3. aus Tierhaut

Was ist kein sprachliches Bild, das eine Unterscheidung zwischen Wertvollem und Unwichtigerem bezeichnet?
1. die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen
2. Was Hans nicht lernt, lernt Hänschen nimmermehr
3. die Spreu vom Weizen trennen

Jemand, der (häufig) etwas anstellt, der …
1. hat etwas auf dem Kerbholz
2. bringt etwas auf einen Nenner
3. muss anschreiben lassen


Arbeitsauftrag:
Informieren Sie sich über die Entstehung und Entwicklung von Schriftlichkeit und halten Sie einen kurzen Vortrag dazu.

Autorin: Sigrun Stroncik
Redaktion: Ingo Pickel

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