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Kultur

Vom Schmuddelbezirk zum Szeneviertel

Weil in Berlin-Kreuzberg die Mieten steigen, fürchten die Bewohner, von Besserverdienenden verdrängt zu werden. Zu den letzten günstigen Quartieren gehören Wohnungen mit Ofenheizung. Unterwegs mit einem Kohlenträger.

Der Brennstoff lagert neben dem ehemaligen Güterbahnhof in Berlin-Neukölln (Foto: DW/ Selina Byfield)

Bald Vergangenheit?

Ein Morgen im Oktober in Berlin-Kreuzberg. Kohlenträger Dirk Kögler sitzt in seinem weinroten Oldtimer-Lastwagen und wartet ungeduldig auf seine Kollegen. Schließlich sind die Auftragsbücher um diese Jahreszeit voll und die Liefertouren lang. Denn nachts ist es schon schneidend kalt und alle, die noch mit Kohlen heizen, lassen jetzt ihre Keller füllen mit Koks und Briketts – manche auch mit Brennholz.

Dirk Kögler sitzt in seinem weinroten Oldtimer-Lastwagen (Foto: DW/ Selina Byfield)

Kögler ist froh, dass der Brennstoffhandel zumindest in der Hochsaison noch brummt. Denn mit jeder Sanierung, bei der die alten Kachelöfen abgerissen und Gasheizungen eingebaut werden, verliert er potentielle Kunden. "Früher sind wir ja nur Kreuzberg gefahren. Seit Mitte der 80er Jahre fahren wir ganz Westberlin, und seit der Wende natürlich auch ins Umland", erzählt er.

Kreuzberger Familientradition

Richard Kögler und Dirk Kögler vor der Kohlenhandlung (Foto: DW/ Selina Byfield)

Vater und Sohn

Mit "wir“ meint er sich selbst und die drei angestellten Kohlenträger seines Vaters Richard Kögler. Mit 63 Jahren liefert der Chef nämlich nicht mehr selbst aus, sondern führt mit seiner Frau Monika das kleine Ladenlokal in der Kreuzberger Körtstrasse. Hier nimmt er Bestellungen an und verkauft Kohlebündel zum Mitnehmen.

Der Familienbetrieb ist aus dem Stadtteil nicht wegzudenken. Vom Urgroßvater gegründet, wurde er von einer Generation zur nächsten vererbt. Dirk Kögler ist in Kreuzberg aufgewachsen und will hier alt werden – auch wenn er den Wandel in seiner Nachbarschaft mit Skepsis verfolgt.

Schicker, teurer, neue Mieter

Dirk Kögler mit zwei Mitarbeitern an der Ladefläche seines LKWs eine Zigarettenpause (Foto: DW/ Selina Byfield)

Kurze Pause

Zum Beispiel im Kiez rund um die Bergmannstrasse: "Als ich klein war, gab es da vor allem Geschäfte für die normalen Leute wie Herrenausstatter und Tante-Emma-Läden. Anfang der Achtziger Jahre waren dann fast nur noch Trödelhändler da. Jetzt sind alle Häuser saniert und es ist eine gehobenere Gegend geworden." Und die Anwohner? "Früher sind sie mit der Aktentasche rumgelaufen, heute laufen sie mit dem Golfschläger rum."

Was Dirk Kögler beobachtet, bezeichnen Soziologen als Gentrifizierung: Weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können, ziehen kleine Angestellte und Arbeiter weg, stattdessen kommen Akademiker und andere Besserverdiener. Investoren fördern die Entwicklung, indem sie alte Häuser schick sanieren und in Eigentumswohnungen umwandeln. Noch liegen die Mieten im bunten Kreuzberg mit seinen vielen Kneipen und Cafés zwar unter dem Berliner Mittelwert. In den vergangenen Jahren sind sie in einigen Gegenden aber überdurchschnittlich stark gestiegen.

Ein Katze geht über den Kohlenlagerplatz am ehemaligen Güterbahnhof Berlin-Neukölln (Foto: DW/ Selina Byfield) (Foto: DW/ Selina Byfield)

Mit der Allgemeinsituation zufrieden?

Ofenheizung statt Gastherme

Doch es gibt sie noch, die unschlagbar günstigen Wohnungen und Dirk Kögler weiß, wo man sie findet. Zum Beispiel im Haus von Mieterin Frieda Knapp, Stammkundin der Kohlenhandlung. Den Durchgang zum Hof haben Mieter mit Plakaten beklebt und mit linken Parolen besprüht. Renoviert wurde hier schon länger nicht und geheizt wird mit Kohle. "Durch die Ofenheizung ist die Miete natürlich niedrig und das schafft mir finanzielle Freiräume", sagt Knapp. Bevor sie in Kreuzberg strandete, war die Malerin schon oft umgezogen. Jedes Mal, weil die Miete nach der Sanierung gestiegen sei, erzählt sie. Nun habe sie den Zeitpunkt verpasst, sich eine andere Bleibe zu suchen. "Ich hab mich seit zehn Jahren nicht drum gekümmert, was andere Wohnungen kosten, aber jedes Mal, wenn ich was höre, kriege ich einen richtigen Schreck. Ich glaub, jetzt hab ich das verpennt und bin dazu verdammt, hier zu bleiben."

So lange es sie also noch gibt, die Wohnungen mit Ofenheizung, sichern sie auch weniger gut Betuchten die Chance auf ein günstiges Quartier mit Altbaucharme – und der Kohlenhandlung Kögler ihre Existenz.

Autorin: Selina Byfield

Redaktion: Conny Paul