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Fokus Osteuropa

Vom Saulus zum Paulus - Die Rolle der Medien auf dem Balkan

In den Nachfolgekriegen in Ex-Jugoslawien Anfang der 90er Jahre spielten die Medien eine aufwieglerische Rolle. Nun herrscht Frieden. Auch diesmal spielen die Medien dabei eine wichtige Rolle.

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Medien im Fokus der Öffentlichkeit in Krieg und Frieden

Als in den neunziger Jahren Nationalisten in den damaligen jugoslawischen Teilrepubliken an die Macht kamen, ließen sich zahlreiche Journalisten bereitwillig vor den Kriegskarren spannen. „Mit viel Eifer schlugen sie auf die Kriegstrommel“, sagt Dragoslav Dedovic, Journalist aus Bosnien-Herzegowina und mehrere Jahre lang Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung für Südosteuropa mit Sitz in Belgrad: „Ihre Rolle bestand darin, die nationalistischen Ziele der politischen Eliten zu erklären und unters Volk zu bringen. Die Machthaber haben verstanden, dass sie für das bevorstehende Gemetzel Medien brauchten, vor allem die elektronischen Medien. Zuallererst das Fernsehen. So konnten sie sehr erfolgreich und konzentriert die Massen für den Krieg mobilisieren. Das war die wichtigste Rolle der Medien dort.“ Damit folgten die Journalisten einem alten Reflex, den sie Jahrzehnte lang im sozialistischen Jugoslawien geübt haben: dem Gehorsam. In den überwiegend staatlichen Medien hatten sie es nicht gelernt, kritisch zu berichten. Stattdessen übten sie sich in Autoritätshörigkeit und praktizierten eine vorauseilende Selbstzensur.

Schwieriger Umgang mit Kriegserbe

Auch nach dem Krieg änderte sich das nicht wesentlich, obwohl alsbald eine Vielzahl privater Medien den Markt überflutete. Alte Strukturen wurden in die neue Zeit hinübergerettet, sagt Zarko Puhovski, Politologe und Menschenrechtsaktivist aus Zagreb: „Entgegen dem journalistischen Selbstverständnis waren die ‚Main-Stream-Medien’ weder vor dem Krieg noch danach in den ersten Reihen, als es um die wahrheitsgetreue Berichterstattung ging. Sie haben getroffene politische Entscheidungen den Menschen einfach nur weiter vermittelt. Als die Politik den Krieg wollte, wollten sie es auch. Und wenn die Politik jetzt eine gewisse Zusammenarbeit mit den Gegnern von einst möchte, möchten sie es auch."

Das Problem dabei: Die gleichen Medien und in der Regel auch die gleichen Menschen, die noch vor wenigen Jahren Kriegstreiber waren, sollten jetzt als Friedensengel die Vergangenheit überwinden. Es verwundere nicht, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind, betont Dedovic: „Es gibt keine ernst zu nehmende Berichterstattung darüber, wie dieser Krieg tatsächlich war, wer für ihn verantwortlich ist, wer die Schuldigen sind. Die Beantwortung all dieser Fragen, genauso wie der nach Gerechtigkeit, hat man dem Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag überlassen. So muss man sich zu Hause damit nicht mehr beschäftigen."

Boulevardisierung statt investigativer Journalismus

Nach dem Krieg, in dem es keine eindeutigen Sieger gab, stellte sich die Frage: Wie geht es jetzt weiter? In vielen Fällen waren die Opfer und die Täter Nachbarn, man musste lernen, mit der schweren Vergangenheit zu leben. Normalisierung oder Versöhnung hieß die Alternative. Man entschied sich für Normalisierung, denn sie ist einfacher und schmerzloser. Sie bedeutet, nicht miteinander zu leben, sondern nebeneinander, und sie setzt nicht die Aufarbeitung unangenehmer Wahrheiten voraus.

Die zunehmende Boulevardisierung der Medien begünstigte diesen Prozess. An die Stelle einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit trat die Unterhaltung: „Die Normalisierung wird journalistisch auf dem niedrigsten Niveau betrieben, beispielsweise über Unterhaltungsprogramme im Fernsehen, durch Unterhaltungs- oder Volksmusik. Es wird sogar über die Opfer auf allen Seiten gesprochen, aber in Form rührender Geschichten von Einzelschicksalen. Das ist nicht viel, aber viel mehr als noch vor wenigen Jahren", sagt Dedovic.

Es gab zwar schon während des Krieges Medien, die die Wahrheit nicht scheuten und investigativen Journalismus betrieben, und es gibt sie auch heute. Es handelt sich aber dabei hauptsächlich um alternative und oft eher kleine Medien. Ihr Einfluss ist sehr begrenzt, stellt Dedovic fest: „Ich kenne einige kleinere TV-Produktionshäuser, wie beispielsweise das ‚TV-Netzwerk’ in Belgrad, die sich mit der Vergangenheitsbewältigung beschäftigen. Aber das bezahlen entweder ausländische Stiftungen oder einheimische Nichtregierungsorganisationen. Es handelt sich um ein kritisches Bewusstsein, das aber immer noch marginal ist."

Autor: Zoran Arbutina

Redaktion: Bernd Johann

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