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Wirtschaft

Vom Papiertiger zum Innovationsführer

China verdankt sein rasantes wirtschaftliches Wachstum von rund zehn Prozent pro Jahr im letzten Jahrzehnt vor allem seiner Rolle als "Werkbank der Welt" – in Zukunft sollen Innovationen im Vordergrund stehen.

Flugzeug der Commercial Aircraft Corporation of China (Foto: dpa)

Flugzeug der Commercial Aircraft Corporation of China

Gastautor Stefan Wagner vom ESMT (Foto: ESMT)

Gastautor Stefan Wagner von der ESMT

Die politische Führung Chinas will das Land vom Produktionsstandort zum globalen Innovationsführer umwandeln. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die Ausgaben für Forschung- und Entwicklungsaktivitäten in China seit 2000 mit einem jährlichen Zuwachs von 23 Prozent deutlich stärker gesteigert als die Wirtschaftskraft gewachsen ist.

Investitionen in Forschung und Entwicklung steigen

Mittlerweile investiert China bereits 2 Prozent seines Bruttosozialprodukts in Forschung- und Entwicklung und ist damit nur noch geringfügig unter dem Mittelwert der OECD-Staaten. Länder wie Frankreich oder Großbritannien investieren einen geringeren Anteil ihres Bruttosozialproduktes in Forschung- und Entwicklung. Deutschland liegt mit 2,7 Prozent (2009) jedoch noch deutlich vor China.

Zusätzlich zur globalen Erhöhung der Forschungs- und Entwicklungsausgaben implementiert China systematisch Anreizstrukturen für Mitarbeiter an Universitäten und Unternehmen, die den Innovationsoutput in Form wissenschaftlicher Publikationen und insbesondere patentierter Erfindungen erhöhen sollen: Die Aufstiegschancen von Wissenschaftlern und Professoren etwa sind konsequenter als im deutschen Hochschulsystem an Publikations- und Patentierungserfolge geknüpft.

Subventionen und Steuererleichterungen

Unternehmen erhalten Subventionen und Steuererleichterungen in Abhängigkeit der Zahl angemeldeter Patente. Häufig wird dies in den betrieblichen Anreizsystemen berücksichtigt und für eingereichte Patentschriften werden hohe Boni gewährt. Laut Economist (14. Oktober 2010) bezahlt Huawei, ein Produzent von Telekommunikationsausrüstung, patentbezogene Boni zwischen 10.000 und 100.000 yuan (rund 1.000,- bis 10.000,- EUR).

Diese Maßnahmen wirken sich positiv auf wissenschaftlichen und erfinderischen Output aus: Jüngst erschienene Studien belegen eindrucksvoll, dass China bei Kernindikatoren für Forschungs- und Innovationsaktivitäten zu einer führenden Nation aufgestiegen ist.

Mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen

Zum einen hat China bei der Zahl der in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publizierten Veröffentlichungen, einem Kernindikator wissenschaftlichen Outputs, mittlerweile Länder wie Deutschland, Großbritannien oder Japan deutlich überholt. In der internationalen Rangliste der britischen Royal Society hat es nach den USA bereits den zweiten Rang besetzt. Tendenz weiter steigend.

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch bei der Betrachtung der Zahl der Patentanmeldungen, einem Kernindikator des Innovationsoutputs. Nur in den USA und in Japan werden derzeit mehr Patente angemeldet als in China. Eine jüngst veröffentlichte Reuters-Studie geht davon aus, dass in ein bis zwei Jahren in China mehr Patente angemeldet werden als irgendwo sonst auf der Welt.

Quantität nicht gleich Qualität

Bei der Interpretation dieser Zahlen ist trotz allem Zurückhaltung angebracht. Während die quantitative Steigerung beim wissenschaftlichen und erfinderischen Output Chinas unbestritten ist, zeigt sich bei genauer Betrachtung, dass die traditionellen Innovationsführer derzeit (noch) Qualitätsführer sind.

Zum einen haben wissenschaftliche Veröffentlichungen chinesischer Autoren deutlich geringeren Impact im jeweiligen Forschungsfeld, gemessen an der Zahl der Zitationen, die eine Publikation erhält, als Veröffentlichungen von Autoren aus anderen Ländern. In der Liste der kumulierten Zitationen des gesamten wissenschaftlichen Outputs belegt China lediglich Rang elf.

Zum anderen ist der starke Anstieg von Patentanmeldungen in China vor allem durch chinesische Anmelder getrieben, die auf die gesetzten Anreize mit erhöhter Patentierungsneigung reagieren. Eine vergleichsweise hohe Zahl chinesischer Patentanmeldungen ist daher von minderer Qualität – lediglich 40 Prozent der Anmeldungen führen nach Prüfung zu einem gewährten Patent.

Zieht man die Zahl chinesischer Patentanmeldungen im Ausland als Vergleichswert heran, die von der chinesischen Regierung nicht mit Anreizen unterstützt werden, zeigt sich, dass hier noch ein deutlicher Abstand zu den führenden Industrienationen besteht.

Mehrzahl der internationalen Patente aus den USA

Amerikanische Anmelder meldeten in 2008 beim World Intellectual Property Office WIPO über 50.000 internationale Patente an. Die Zahl chinesischer Anmeldungen lag im gleichen Jahr lediglich bei rund 6.000. Allerdings ist China das einzige Land, dessen Anmeldungen am WIPO starkes Wachstum aufweisen, wohingegen die Anmeldungen anderer Nationen stagnieren beziehungsweise leicht rückläufig sind.

Die rein quantitative Betrachtung der erwähnten Indikatoren mag ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit zeichnen. Allerdings machen die vorliegenden Zahlen mehr als deutlich, dass China massive Anstrengungen unternimmt, ein führender Wissenschafts- und Innovationsstandort zu werden. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis aktuell bestehende Qualitätsdefizite aufgeholt worden sind.

Bisher bestehende innovationsbasierte Wettbewerbsvorteile westlicher Nationen werden in Zukunft nivelliert werden. Wenn Politik und Wirtschaft hier nicht umdenken und es versäumen, die Reform der Bildungssysteme und Forschungs- und Entwicklungsstrukturen zu betreiben, drohen die etablierten Industrienationen von China im Bereich Wissenschaft und Innovation mittelfristig überholt zu werden.

Autor: Stefan Wagner ist Professor an der ESMT. Seine Forschungsinteresse ist die Schnittstelle zwischen Firmenstrategie, technologischer Innovation, Industrieökonomik und Jura.

Wer gewinnt den Wettlauf um die besten Köpfe? Wer hat die besten Lösungen für die Elektromobilität? Wie können die Industrieländer ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern? Wie steht es um die Chancengleichheit im Internet? Diese und andere Fragen diskutiert das 4. ESMT Annual Forum am 6. und 7. Juli 2011 in Berlin.

Redaktion: Klaus Ulrich

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