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Wirtschaft

Vom Musterschüler zum Sorgenkind

Irland - das Wirtschaftswunderland und eben noch Vorbild Europas, liegt inzwischen am Boden. Schwer getroffen von der Wirtschaftskrise. Droht nun der Staatsbankrott?

Baden in der kalten irischen See (Quelle: AP)

Irland geht Baden

Jahrhunderte lang stand Irland für Armut und Hunger. Die Iren verließen in Scharen ihr Land, um im Ausland ihr Glück zu versuchen. Dann aber in den 90er Jahren wurde plötzlich alles anders. Das Armenhaus Europas verwandelte sich in eine boomende Nation. Landwirtschaft, Schwerindustrie und Schiffsbau verschwanden und Jobs entstanden in der Finanzwelt, der Computerindustrie, der Software- und Pharmabranche. So stieg Irland beispielsweise zum größten Softwareexporteur der Welt auf.

Haupteinkaufsstraße in Dublin

In guten Zeiten war viel los auf der Haupteinkaufsstraße in Dublin

Die grüne Insel wurde zum bejubelten Musterschüler Europas. Der Weg zum Wirtschaftsboom wurde geebnet von niedrigen Unternehmenssteuern. Hinzu kamen englischsprachige Arbeitskräfte mit niedrigem Lohnniveau. Immer mehr Direktinvestitionen flossen aus dem Ausland und viele Firmen verlagerten ihren Sitz und Produktionsstandorte nach Irland. Gestützt wurde diese Entwicklung von der EU. Mit ihren Subventionen finanzierte sie den Aufbau einer guten Infrastruktur. So wuchs die Wirtschaft jahrzehntelang in zweistelligen Raten. Der Immobiliensektor boomte und die Preise schossen in die Höhe.

Der boomende irische Immobiliensektor sei ein wichtiger Treiber des starken Wirtschaftswachstums der Vorjahre gewesen, erklärt Sebastian Becker von der Research Abteilung der Deutschen Bank. "Die erhöhte Bautätigkeit und der Immobilienpreisboom haben unter anderem die Haushalte zu Mehrausgaben angeregt. Das wiederum hat dazu geführt, dass die Beschäftigung gestiegen ist, weil viele Leute in diesem Sektor tätig sind." Der Boom heizte den Boom weiter an.

Von der Immobilienblase zur Bankenkrise

Aber im Wachstumsrausch sorgte die Regierung nicht vor. Anstatt den Boom abzumildern mit langsam erhöhten Steuern und anstatt Rücklagen zu bilden, wurden die Steuern niedrig gehalten und so das Wachstum noch angefeuert. Und es wurde immer mehr gebaut. Günstige Kredite durch eine lockere Bankenregulierung machten das möglich. Wie in den USA entstand eine riesige Blase am Immobilienmarkt.

Ein Kunde verlässt eine Filiale der Allied Irish Bank in London (Quelle: dpa)

Braucht Staatsgeld: Die Allied Irish Bank

In den besten Zeiten trug die Bauindustrie zu 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Nun aber ist die Blase geplatzt. Die Immobilienpreise werden nach Schätzung von Experten bis Ende 2009 von ihrem Hoch 2007 um 80 Prozent gesunken sein. Die Banken sitzen auf faulen Krediten – es droht die Insolvenz. Unter den Betroffenen sind die irischen Großbanken Allied Irish Bank und die Bank of Ireland, die von der irischen Regierung mit 11 Milliarden Euro unterstützt wurden. Die ehemals drittgrößte Bank, die Anglo Irish Bank wurde im Januar ganz verstaatlicht. Ihr Marktwert war in einem Jahr von 7 Milliarden auf 160 Millionen Euro gefallen.

Mehr Arbeitslose und mehr Schulden

Mann in Pub liest Tageszeitung

Irische Zeitungen berichten von immer neuen Skandalen

Irland reagierte im Oktober mit einem ersten Nothaushalt auf die Krise. Inzwischen ist der zweite auf den Weg gebracht. Mit Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen will die Regierung dem ausufernden Staatsdefizit Einhalt gebieten. So sollen alle Staatsangestellten eine 7 Prozent höhere Rentenabgabe zahlen. Außerdem wurden regionale Strukturhilfen sowie Infrastrukturprojekte gestoppt.

Während die Regierung spart, brechen die Einnahmen beständig weiter weg. In guten Zeiten füllten die Immobiliensteuern die Staatskasse zum großen Teil. Durch die Krise am Bau fließt von dieser Seite nun wesentlich weniger. Auch am Arbeitsmarkt ist die Krise angekommen. Die Arbeitslosigkeit hat sich im Vergleich zum letzten Jahr verdoppelt: Sie stieg im Februar auf über 10 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit rund zwölf Jahren. Dadurch kletterte die Zahl der Sozialhilfeempfänger so schnell wie nie zuvor in den letzten 40 Jahren. Die Regierung mutmaßt, dass die Arbeitslosenquote auch noch 12 Prozent erreichen kann.

Vom Arbeitsmarkt droht der Haushaltsplanung also noch großes Ungemach. Dabei liegt die Neuverschuldung bereits jetzt bei 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Vergleicht man Irland mit den anderen 16 Euro-Ländern, dann nimmt Irland im Verhältnis zur heimischen Wirtschaftsleistung die meisten neuen Schulden auf. Da aber die Steuereinnahmen zu Beginn des Jahres um ein Viertel eingebrochen sind, ist es fraglich, ob bei der Neuverschuldung das letzte Wort gesprochen ist.

An office worker enters the Anglo Irish Bank headquarters in Dublin, Ireland, Wednesday Feb. 25, 2009. Irish police and corporate fraud investigators have raided the headquarters of Anglo Irish Bank Corp. in Dublin in search of records to document suspicious cash transfers.

Irische Banken werden wohl noch mehr staatliche Hilfe brauchen

Allerdings, hält Sebastian Becker von der Deutschen Bank dagegen, habe Irland in der Vergangenheit vom starken Wirtschaftswachstum in Form hoher Steuereinnahmen profitiert. "Und das hat dazu geführt, dass die gesamte Staatsverschuldung in Irland im Vergleich zu anderen Ländern vor Ausbruch der Wirtschaftskrise recht niedrig war. Das ist natürlich jetzt der große Pluspunkt Irlands." Irland gehe einigermaßen gut gerüstet in die Krise, nicht wie andere Länder, zum Beispiel Italien oder Griechenland, die schon vor dem Wirtschaftseinbruch eine enorm hohe Verschuldung hatten.

Kein Staatsbankrott, aber Abwertung droht

Ein Staatsbankrott droht Irland – anders als es in Island war – noch nicht. Die Ratingagentur Moody's hat Irland immer noch mit der Bestnote Aaa bewertet - droht allerdings mit einer Abwertung. Als Reaktion auf die Moody's-Warnung stiegen die Kosten, um sich gegen den Ausfall irischer Verbindlichkeiten zu versichern. Am Markt für Credit Default Swaps, also dem Markt, wo Ausfallrisiken von Krediten gehandelt werden, wird die Wahrscheinlichkeit für einen Ausfall irischer Staatsanleihen inzwischen mit rund 20 Prozent angenommen - vor der Krise war dies ein Niveau, das in der Regel nur bei Dritte-Welt-Ländern zu beobachten war.

Demonstration von Angestellten von SR Technics

Die Iren kämpfen um ihre Arbeitsplätze

Eine steigende Arbeitslosigkeit und immer neue Skandale aus der Bankbranche heizen die Stimmung im Land an. Die Iren sind wütend, gehen fast täglich auf die Straße. Demonstrieren und Streiken. Eine Verbesserung der Wirtschaftslage ist nicht in Sicht, meint der irische Notenbankchef John Hurley. Bei einer Parlamentsanhörung im März prognostizierte er, die Wirtschaftsleistung werde 2009 um mindestens sechs Prozent schrumpfen.

Autorin: Insa Wrede

Redaktion: Henrik Böhme

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