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Wissen & Umwelt

Vom Mehrwert alter Schuhe

Was tun mit alten Schuhen? In den Altkleider-Container, ohne zu wissen, wo die Treter landen? "Shuuz" ruft zum Schuhesammeln auf. Kranke Kinder und Menschen in Entwicklungsländern profitieren von der Aktion.

Werner Kruse wirkt ruhig und ausgeglichen. Um ihn herum rennen und schreien Kinder. Federbälle fliegen durch die Luft. Doch es gab Zeiten, da war Kruse nur genervt. Das Vorstandsmitglied des Badminton Clubs Beuel ist nämlich zuständig für die Ordnung in der Sporthalle, die von Vereinsmitgliedern und Schulklassen genutzt wird. Eine undankbare Aufgabe: "Von acht bis 23 Uhr wird hier täglich Sport getrieben. Und ich habe ständig Schuhe eingesammelt, die Kinder, aber auch Erwachsene vergessen hatten." Dabei waren Stiefel, Pumps, Badelatschen. Keiner wollte die Fundsachen haben, niemand fühlte sich verantwortlich. "Mir hat es mächtig gestunken, dass ich die alle paar Monate im Müll entsorgen musste", so Kruse.

Werner Kruse (Foto: DW)

Schuhsammler aus Leidenschaft: Werner Kruse

Alte Schuhe für kleine Herzpatienten

Bei der Suche nach einer Alternative stieß der agile Rentner auf ein Plakat: "Alte Schuhe - neues Leben" stand darauf und darunter: "Schuhe spenden und Herzkindern helfen". Kruse fand heraus, dass getragene Schuhe durchaus Geld bringen und entwickelte eine wahre Sammelleidenschaft für die Aktion: In nur vier Wochen hatte der Sportfunktionär 400 Paar Schuhe zusammengetragen. "Gerade gut erhaltene Kinderschuhe sind dabei, weil die Kleinen schnell herauswachsen und neue Schuhe brauchen", hat Kruse festgestellt. "In ganz Deutschland werden pro Jahr 600 Millionen Paar Schuhe aussortiert und entsorgt", sagt Christian Sujata, Sprecher des Shuuz-Projekts. "Sie stellen eine Belastung für die Umwelt dar und sind doch noch wertvolles Handelsgut."

Die Spendenbereitschaft ist überwältigend, findet nicht nur Werner Kruse. Schon wieder ist der große Karton, den er in der Hallennische aufgestellt hat, mit dem Wohlstandsmüll gefüllt. Und auch in der Garage der Bonner Geschäftsstelle der Fördergemeinschaft Deutsche Kinderherzzentren stapeln sich Kartons mit alten Schuhen.

Orlind Froebe (Foto: DW)

Freut sich über jeden Schuh: Orlind Froebe

Orlind Froebe ist dabei, verschmutzte und beschädigte Exemplare auszusortieren. Die anderen bündelt sie paarweise. Bei der Fördergemeinschaft für herzkranke Kinder gehen 20 Kartons pro Woche ein - auch die von Werner Kruse. Manche wiegen fünf Kilogramm, andere sind bis 25 Kilogramm schwer. Das bringt zwischen 35 bis 80 Euro pro Woche. Orlind Froebe druckt die von Shuuz im Internet vorgefertigten und frankierten Paketaufkleber aus, beschriftet jeden Karton mit der Spendennummer 467 und schickt ihn an Shuuz. Mehr als 1000 Organisationen und Privatleute sammeln für die Shuuz-Agentur Schuhe. Im Prinzip kann jeder einen Account anlegen und sich das Geld für die bereit gestellten Schuhe auszahlen lassen oder spenden. Anhand der individuellen Nummer wissen die Sortierer bei Shuuz, welchem Absender sie das Geld gutschreiben müssen.

Werner Kruse Badminton Club Beuel Sammelaktion

Hinweis auf die Sammelstelle in der Sporthalle (Foto: DW)

Gebrauchte Schuhe als Handelsware

Shuuz ist eine Fundraising-Organisation, von der Schulen, Vereine, Organisationen profitieren. Christian Sujata betont, dass das Recylingprojekt transparent sei und nicht, wie bei anderen Sammelaktionen der Anschein vermittelt werde, die Schuhe würden verschenkt. "Die meisten Winterschuhe werden in die Mongolei, nach Kasachstan und weitere Länder Asiens verschickt, Sommerschuhe werden in Afrika zu günstigen Preisen verkauft. Sie werden in Länder exportiert, in denen wegen problematischer Produktionsbedingungen wie häufigem Stromausfall, fehlenden Ersatzteilen oder Wassermangel schlichtweg keine Schuhindustrie existiert. Denn zur Herstellung eines Paares Lederschuhen werden zirka 8000 Liter Wasser benötigt. Gänzlich umweltschonend geht es dennoch nicht: Beim Versand von Deutschland in den Sudan werden pro Kilogramm Schuhe 450 Gramm Kohlendioxid freigesetzt. Wird ein Kilogramm des Second-Hand-Schuhwerks in Deutschland durch Verbrennung entsorgt, gelangen 370 Gramm klimaschädliches CO2 in die Umwelt. Aber bei der Herstellung eines einzigen Schuhpaares werden 33 bis 66 Kilogramm CO2 freigesetzt.

In Ländern wie Guinea sind Menschen auf günstige Gebraucht- oder Neuware aus China angewiesen. Da die Transportkosten hoch sind, aber auch, um den Empfängern im Sinne der Entwicklungshilfe nicht das Gefühl zu vermitteln, Bittsteller zu sein, werden die Schuhe aus Deutschland nicht verschenkt.

"Kleinvieh macht auch Mist"

Im Gegenzug für die Gebrauchtschuhe hat der Bonner Verein für die Herzkinder bisher 5000 Euro bekommen. Objektiv nicht viel, angesichts des Bedarfs für die Versorgung von 6500 Kindern, die jährlich in Deutschland mit einer Fehlbildung des Herzens oder der herznahen Gefäße geboren werden. Und dennoch findet Orlind Froebe: "Die Summe ist beachtlich, denn pro Kilogramm Schuhe gibt es zwischen zehn Cent und einem Euro, die den Schuhsammlern auf dem Bankkonto gutgeschrieben werden." Oft spendeten Menschen, die wenig Geld zum Leben haben, aber sagten, 'ich habe noch gut erhaltene Schuhe, die kann ich abgeben', so Froebe. Die für Fundraising zuständige Mitarbeiterin freut sich über jeden Cent:"Kleinvieh macht auch Mist", so ihr Argument.

Viele Neugeborene müssen oft in den ersten drei Tagen an der Herzkammer operiert werden, um zu überleben. "Die Kinder können später keine Spitzensportler werden, sie können aber mit dem Herzfehler leben", sagt Froebe. Ihre Organisation setzt sich für eine frühzeitige und intensive Behandlung ein, um die Perspektiven für eine langfristige Lebensqualität der Kinder zu erhöhen.

Werner Kruse Badminton Club Beuel Sammelaktion

Werner Kruse "Wohin mit den Federbällen?"

Mit den Spenden werden Forschungsprojekte gefördert und herzchirurgische Zentren ausgebaut, speziell für die kleinen Patienten. Auch ausländische Kinder können durch die finanzielle Unterstützung in Deutschland behandelt werden.

Spenden-Akquisiteur Werner Kruse hat inzwischen andere Vereine angeschrieben, gebrauchte Schuhe zu Turnieren nach Bonn mitzubringen. Jetzt sucht er noch nach einer Möglichkeit, die Unmengen an Federbällen zu recyceln, die beim Spielen verschlissen werden. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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