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Kultur

Vom Liebesorakel zum Massengeschäft

Was verbindet Süßwarenindustrie, Floristen und Bischofskonferenz? Sie alle freuen sich auf den Valentinstag. Die roten Rosen, die deutsche Männer an diesem Tag ihrer Liebsten schenken, sind ein verblüffend junger Brauch.

Liebesgrüße aus Eis: Ein Herz wurde auf die zugefrorene Seitenscheibe eines Autos gezeichnet (Foto: AP)

Spontane Liebesgrüße aus Eis

Seit den 1950er Jahren wird der 14. Februar in Deutschland als Tag der Liebenden gefeiert. Amerikanische Soldaten etablierten neben Kaugummis und Rock 'n' Roll den Valentinstag in Deutschland. Dank massiver Werbung von Floristen und Süßwarenindustrie entwickelte sich der vergessene Liebes- und Fruchtbarkeitskult zum beliebten Feiertag im Wirtschaftswunderland.

Die Legende von St. Valentin

Der Tag verdankt seinen heutigen Namen einem italienischen Bischof. Der Legende nach soll Valentin im dritten Jahrhundert Verliebte getraut haben. Den frisch Vermählten schenkte er Blumen aus seinem Garten und die so geschlossenen Ehen standen – so die Überlieferung – unter einem guten Stern. Doch Valentin handelte gegen den Willen Roms: Soldaten sollten unverheiratet bleiben und der christliche Glaube war noch nicht Staatsreligion. So wurde er am 14. Februar 269 enthauptet – aber das ist nur die christliche Version des archaischen Kultes.

Ein leuchtendes Herz auf der Fassade eines Hochhauses in Seattle (Foto: AP)

Lichtkunst und Liebesgruß: Eine Fassade in Seattle

Der Krimi um die Gebeine des Heiligen

Heute behaupten Gemeinden in Deutschland, Irland, Frankreich und Italien, die Gebeine Valentins zu besitzen. Kein Wunder, im Mittelalter waren Reliquien begehrte Schätze, die den Kirchen Scharen von Pilgern bescherten. Der Streit um den "echten" Valentin deutet auf die schwierige Quellenlage. Nur eines ist klar: Den einen Valentin gibt es nicht. Seine Legende ist das Ergebnis einer Fusion von Christentum, Mythologie und Brauchtum.

Unmoralische Liebesgesten und Fruchtbarkeitsrituale

Es ist kein Zufall, dass Valentin parallel zum römischen Fest "Lupercalia" gefeiert wird. An diesem Tag wurden Fruchtbarkeit und Schöpfung gefeiert: ein sinnliches Fest zu Ehren der Göttin Juno, der Patronin der Ehe. Liebesorakel gaben Hinweise für die Partnerwahl, was den Kirchenvätern ein Dorn im Auge war. Doch der Kult war so beliebt, dass man sich für die Integration ins Christentum entscheiden musste. Seitdem gilt Valentin als Schutzheiliger der Liebenden und die vorchristlichen Wurzeln sind bis heute wirksam.

Andere Länder, andere Sitten

So wie römische Jungfrauen ihre Namen auf Papyrusstreifen notierten, die von Männern gelost wurden, werden noch heute in England und den USA anonyme Liebeskarten versandt. Der Tag der Liebe wurde zum Tag der Freundschaft, was die Absatzmöglichkeiten erhöhte: Allein in den USA werden jährlich über eine Milliarde Grußkarten verschickt. Während deutsche Männer überteuerte Rosen verschenken, sind es in Japan die Frauen, die Ehemänner mit süßer Schokolade verführen. Einen Monat später erhalten die Damen am "White Day" weiße Schokolade zurück. Ein Brauch der inzwischen auch in China um sich greift und der Süßwarenindustrie fette Umsätze beschert.

Schlösser mit den Namen von Liebespaaren finden sich an den Gittern der Hohenzollernbrücke in Köln (Foto: AP)

Schlösser mit den Namen von Liebespaaren zieren die Kölner Hohenzollernbrücke

Ewige Liebe in Ketten

In Deutschland ist seit einigen Jahren ein Brauch aus Italien sehr beliebt. Liebespaare treffen sich auf Brücken und bringen an Geländern Schlösser mit Initialen, Daten oder auch Fotos an. Dann wird der Schlüssel ins Wasser geworfen und die Liebenden wünschen etwas. Das Schloss als Symbol ewiger Liebe ist global auf dem Vormarsch. Volkskundler haben den Brauch bereits in Osteuropa dokumentiert: In Riga, Vilnius und Kaliningrad werden Schlösser nach der Hochzeit fixiert. Auch in China platzieren frisch verliebte Paare Vorhängeschlösser und werfen den Schlüssel in tiefe Täler.

Globaler Tourismus und neue Mythen

In China berichten Reiseführer von alten Bräuchen. Doch Experten datieren das Aufkommen der Liebesschlösser auf das späte 20. Jahrhundert: Junge chinesische Paare übernahmen den Brauch wohl von europäischen Touristen. Auch die Kirche möchte die globale Beliebtheit des Liebeskultes nutzen: Nachdem sie St. Valentin 1972 aus dem Kalender tilgte, lädt sie heute Ehepaare und Verlobte ein, ihre Liebe durch göttlichen Segen am Valentinstag zu stärken.

Autor: Gerd Mörsch
Redaktion: Elena Singer