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Welt

Vom Leid der Flüchtlinge und kleinen Geschäfte

An der syrischen Grenze in Jordanien spitzt sich die Lage zu. Händler und Taxifahrer warten auf Kunden, Flüchtlinge aus Syrien suchen Schutz. Geschäftsleute leben vom Schmuggel.

Kaffeehausbesitzer warten auf Kunden am Grenzübergang Jaber Border (Foto: Doris Bulau)

Der Übergang Jaber Border an der syrisch-jordanischen Grenze

Jaber Border, der Grenzübergang nach Syrien, liegt 90 Kilomter nördlich der jordanischen Hauptstadt Amman. Bisher war dies ein reger Ort, an dem Kilometer lange Schlangen das tägliche Bild bestimmten. Ein Ausflug nach Damaskus von Amman war kein Problem. Drei Stunden und Jordanier konnten Freunde oder Angehörige besuchen und preiswert einkaufen. Syrien war ein beliebtes Ziel für viele Jordanier für einen Kurztrip am Wochenende. Doch seit mehr als neun Monaten ist die Grenze zu einem Angst besetzten Nadelöhr geworden. Der Übergang in Jaber ist verwaist. Taxifahrer warten heutzutage vergeblich auf Kunden, die kleinen Kaffeebuden im Ort sind leer. Frustrierte und gelangweilte Grenzbeamte freuen sich über jede Abwechslung. Aber "bitte keine Fotos!". Sie haben Angst und der eindeutige Griff mit der Hand zum Hals zeigt, der Arm des syrischen Militärs reicht offenbar weit. "Nein", sagt ein Grenzbeamter, "Flüchtlinge kommen hier nicht rüber, sie kommen durch die Wälder, wir lassen sie natürlich durch, denn sie brauchen Schutz." Der Grenzbeamte sagt uns, wir sollten nach Ramtha Border gehen, dort soll es einfacher sein, für die Händler und für die Flüchtlinge.

Ramtha hat schon immer vom Schmuggel gelebt

Überladene Autos am Übergang Ramtha Border (Foto. Doris Bulau)

Überladene Autos am Übergang Ramtha Border

Ramtha ist ein kleines quirliges Städtchen. Gemüsestände, Haushaltsläden und kleine Imbissbuden. Doch auch hier ist es sehr ruhig. Wo sind die Kunden? Der Schmuggel läuft noch, aber er vollzieht sich eher begrenzt und im privaten Bereich. Davon zeugen die überfüllten Autos an der Grenze. Die Dachgepäckträger sind mit Gemüse und Obst bedeckt, aus den Kofferräumen quillen Süßigkeiten hervor. Die Händler in Ramtha warten auf ihre Waren. Die Grenzbeamten auf beiden Seiten drücken hin und wieder ihre Augen zu. Denn mal ist die Grenze auf, dann wieder zu, nur um wenig später wieder geöffnet zu sein. Die günstige Gelegenheit gilt es zu nutzen. Die billigen syrischen Waren sind in Jordanien heiß begehrt.

Schutz für syrische Flüchtlingsfamilien

Eine syrische Flüchtlingsfrau in Mafraq, Nordjordanien (Foto: Doris Bulau)

Eine syrische Flüchtlingsfrau in Mafraq, Nordjordanien

Sie kommen aus Dera, nur drei Kilometer von der jordanischen Grenze entfernt. In Dera begann der Aufstand gegen Baschir al-Assad im März. Von dort aus kam auch die erste Flüchtlingswelle nach Ramtha. Mittlerweile sind selbst aus dem Norden Syriens ganze Familien nach Ramtha geflohen. Zum Beispiel aus Jisr al-Shorour, an der türkischen Grenze. Drei Familien haben hier in Ramtha Unterschlupf gefunden, bei Verwandten. 18 Familienmitglieder teilen sich eine schlichte Vierzimmerwohnung. "Als wir drei Nachbarn beerdigen wollten, hat die syrische Armee auf uns geschossen. Es gab Tote. Deshalb sind wir hier in Jordanien, in Ramtha". Abu Achmed spricht über seine Situation. Er ist froh, dass er in Ramtha arbeiten kann. Als Bauarbeiter. Seine Schwester Mariam wirkt dagegen nervös. Sie hat Angst, denn noch immer sind Verwandte von ihr in Syrien. Ein Cousin, der in die Türkei geflohen war und wieder zurückkam, wurde sofort verhaftet und gefoltert. "Danach ist er stumm geworden", erzählt die junge Frau.

Flüchtlingshaus in Mafraq, Nordjordanien (Foto: Doris Bulau)

Ein Flüchtlingshaus in Mafraq, Nordjordanien

Ein anderer Verwandter, Mustafa, berichtet: "Wir hatten einen Streik, aber die Sicherheitsbehörden haben alles zusammengeschlagen. Unsere kleinen Läden, unsere Wohnungen. Überall waren Soldaten, nach halb vier traute sich keiner mehr auf die Straße. Fast drei viertel der sunnitischen Bewohner sind geflüchtet." Ihre richtigen Namen nennen die Flüchtlinge nicht, sie haben zu viel Angst. Immer wieder werden wir aufgefordert keine Fotos zu machen.

Abu Achmed spricht bei einer Tassen arabischen Kaffees über seine Hoffnungen. "Es wird eine neue Zeit geben, eine, in der wir wieder in Freiheit leben können, aber nur wenn Assad nicht mehr an der Macht ist." Er möchte mit seiner Familie wieder zurück in sein Haus, zu seiner Arbeit. Und doch ist er froh, dass seine Kinder in Ramtha zur Schule gehen können und jetzt friedlicher leben. "Sie waren so verängstigt und konnten nicht mehr schlafen, aber wir wollen die Rebellen von hier aus moralisch unterstützen", sagt er. Vom bewaffneten Widerstand hält er nichts, denn "Gewalt sollten wir nicht mit Gewalt beantworten."

Umm Moussam möchte gewaltfreien Widerstand

''Die 51-jährige Witwe lebt mit ihrer neunköpfigen Familie in zwei kargen Zimmerchen und einer Küche. In Mafraq, 13 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, einem gesichtlosem Kleinstädtchen. Das Haus ist noch im Rohbau befindlich. Das Mobiliar besteht lediglich aus einem halben Dutzend Matratzen."Bitte keine Fotos", sagt auch sie immer wieder. Was Umm Moussam aus ihrer Heimatstadt Homs berichtet, ist beängstigend. "Sie haben unser Viertel abgeschottet, es gab keine Lebensmittel mehr, es wurde nur noch geschossen. Wir wurden kollektiv bestraft. Sie haben uns Wasser und Strom abgeschaltet, es gab kein Benzin mehr, kein Gas." Ein Sohn und ihre Tochter sind noch dort, sie telefonieren, wann immer es geht. Oft schalten die syrischen Behörden das Internet ab, dann geht gar nichts mehr. Ein Sohn von ihr ist gerade aus Homs geflüchtet. Er wurde regulär aus der Armee entlassen. Für ihn war es der blanke Schrecken. "Wir haben einfach in die Luft geschossen, denn die Armee hat anschließend unsere Waffen kontrolliert, ob daraus geschossen wurde. Viele meiner Kameraden wussten überhaupt nicht, was sie tun mussten. Wir verfügten in der Armee über keinerlei Informationen. Es hieß nur, das sind alles Terroristen, haltet drauf!"

Für seine Mutter Umm Moussam ist vor allem eines wichtig: "Es muss endlich Pressefreiheit her, aber mit Gewalt ist nichts zu lösen". Lieber will sie noch ein Jahr in ihrer Flüchtlingsbehausung leben, als weitere Jahrzehnte unter Assads Schreckensregime. "Wir wollen, dass die Weltöffentlichkeit von unserem Schicksal mehr erfährt", sagt sie und dass sie alle zurück nach Homs wollen. "Aber erst dann, wenn das Assad-Regime weg ist."

Autorin: Doris Bulau
Redaktion: Daniel Scheschkewitz