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Fokus Osteuropa

Vom Leben mit der Vergangenheit

Srebrenica ist zum Symbol für die Grausamkeiten des Krieges in Bosnien und Herzegowina geworden. Die Spuren des Völkermordes haben die Stadt gezeichnet und sind allgegenwärtig.

Srebrenica 10.09, Bosnien (Foto: DW)

In Srebrenica sind viele Kriegsschäden auch heute noch sichtbar


Meva Salkic hat die Grausamkeiten, die Karadzic und seine Schergen den Menschen in Srebrenica angetan haben, miterlebt: “Man hat uns von Serbien aus mit Kanonen beschossen. Das Schlimmste war aber der Hunger, wenn Dein Kind vor Dir steht und möchte ein Stück Brot und Du kannst es ihm nicht geben.“

Am kommenden Montag (26.10.) wird mit Radovan Karadzic, einem der beiden Hauptverantwortlichen, vor dem Haager Tribunal der Prozess gemacht. Sein General Ratko Mladic ist noch flüchtig.

Was damals geschah

Srebrenica 10.2009, Bosnien

Meva Salkic ist Augenzeugin der Massaker von Srebrenica

Anfang Juli 1995 stürmten die Truppen der Armee der bosnischen Serben die UN-Sicherheitszone um die ostbosnische Stadt Srebrenica. Die Zivilbevölkerung war faktisch ohne Schutz. Der holländische Blauhelm-Korps, der die Schutzzone hätten schützen sollen, hatte zu wenig Soldaten und zu wenig Waffen. Ohne Widerstand eroberten die Soldaten der bosnischen Serben unter dem Kommando des Generals Ratko Mladic die Stadt. Der Oberbefehlshaber der Armee war der damalige Präsident der serbischen Republik Radovan Karadzic.

Innerhalb weniger Tage ermordeten die Soldaten etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen zwischen 12 und 77 Jahren - das schlimmste Massaker in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Ende Februar 2007 bewertete der Internationale Gerichtshof in Den Haag das Massaker als Völkermord. Auch der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag, vor dem nun die Kriegsverbrechen aufgearbeitet werden, hat in mehreren Urteilen von einem Genozid in Srebrenica gesprochen.

Die Frauen von Srebrenica

So wie Tausende anderer Frauen aus Srebrenica, verlor auch Meva im Krieg den Großteil ihrer Familie: “Ich habe meine Brüder verloren, meine Neffen und Onkel. Ich habe fast niemanden mehr. Aber am schlimmsten ist es für die Frauen, die ihre Kinder verloren haben. Sie hat es am schwersten getroffen.“

Nach dem Massaker an der männlichen Bevölkerung von Srebrenica wurde Meva Salkic zusammen mit anderen muslimischen Frauen aus der Stadt vertrieben. Mehrere Jahre war sie als Flüchtling in Bosnien unterwegs, bevor sie sich entschloss, nach Hause zurückzukehren. Keine leichte Entscheidung: Die Spuren der Zerstörung sind überall sichtbar, die Last der Vergangenheit ist bedrückend.

Meinungen zum Prozess gegen Karadzic

Srebrenica 10.09, Bosnien (Foto: DW)

Das Gebet für die Opfer des Völkermordes in Srebrenica

Die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag ändere daran wenig, sagt sie: “Ich erlebe dieses Gericht wie einen Basar, wo man um den Preis feilscht.“ Außerdem behandle das Tribunal Karadzic zu nachgiebig, glaubt Meva Salkic. “Er hat schon zu Beginn des Krieges angekündigt, dass die Muslime verschwinden werden. Er ist schuldig. Dafür muss er zur Verantwortung gezogen werden.“

Doch selbst wenn Karadzic verurteilt wird, kann das Meva Salkic nicht wirklich trösten: “Wer seine Kinder verloren hat, seinen Mann, für den gibt es keinen Trost. Für den gibt es im Leben keinen Ersatz.“

Viele Menschen, die heute in Srebrenica leben, reden ungern öffentlich über die Prozesse vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal. Wenn man die Menschen auf der Straße fragt, bekommt man zumeist ausweichende Antworten: “Es interessiert mich nicht, ich habe damit nichts zu tun.” - ”Es ist mir egal was die da dort machen.” - ”Ich denke darüber gar nichts!”

Wenn aber nach der bisherigen Arbeit des Haager Tribunals fragt, treten die unterschiedlichen Meinungen zwischen den Serben und Bosniaken deutlich zu Tage. Auch über den Karadzic-Prozess sind die Standpunkte mitunter extrem unterschiedlich: “Da braucht man gar keine Anklage. Ach, was für ein Völkermord? Das war doch ein Bürgerkrieg.“ - “Man soll ihn verbrennen für das, was er unseren Kindern angetan hat. Die Mütter von Srebrenica sollen ihn richten, man soll ihn uns überlassen.“

Besonnene Stimmen gibt es auch

Doch man trifft auch auf besonnene Stimmen: „Ich hätte ihn gar nicht vor Gericht gestellt. Gott wird ihn richten.“ - „Wenn er dort ist, heißt das, dass er schuldig ist, und dann soll er sich dort alleine verteidigen.“ - „Das Haager Tribunal ist langsam, ineffektiv, milde. Man sollte seine Kapazität vergrößern, man sollte alle Kriegsverbrecher vor Gericht stellen, und sie sollen höhere Strafen bekommen.“ - „Ach, das ist nur Politik...“

Obwohl heute in Srebrenica lebende Serben und Bosniaken in nur wenigen Fragen übereinstimmen, ist die Stimmung in der Stadt nicht gereizt, der Tonfall nicht übertrieben hitzig. Vor Prozessbeginn in Den Haag gibt es keinen lauten Streit und keine Exzesse. Bislang jedenfalls nicht. Für Srebrenica ein gutes Zeichen.

Autoren: Marinko Sekulic/Zoran Arbutina
Redaktion: Birgit Görtz