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Nahost

Vom Leben der Palästinenser im Libanon

Ein Großteil der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon lebt in einem der zwölf Lager - es herrscht Armut und Perspektivlosigkeit. Doch es tut sich was: Künftig erhalten sie eine Arbeitserlaubnis für alle Berufszweige.

Wohnhaus im Flüchtlingslager Shatila in Beirut (Foto: Diana Hodali)

Jassir Arafat wird in Shatila hoch verehrt

Sabra und Shatila - die Namen stehen für ein Massaker im September 1982. Christlich-libanesische Milizen dringen in die Flüchtlingslager ein und töten palästinensische Flüchtlinge. Milizen-Anführer und Präsident Bashir Gemayel war zuvor bei einem Bombenattentat ums Leben gekommen. Die Palästinenser sollen dafür verantwortlich gewesen sein. Im Libanon tobte seit 1975 ein Bürgerkrieg, mittendrin unter anderem die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) von Jassir Arafat. Die war 1970 aus Jordanien vertrieben worden und kämpfte von da an vor allem von Beirut aus im bewaffneten Untergrund. 1982 kamen die Israelis ins Land; Verteidigungsminister Ariel Sharon wollte vor allem die PLO im Libanon vernichten.

Für den 30-jährigen Hisham Ghuzlan sind die Folgen des Shatila Massakers immer gegenwärtig und Realität. Hisham wohnt in Shatila: "Shatila geht es nicht gut. Das, was damals passiert ist, hat seine Spuren hinterlassen. Wer kann, versucht hier rauszukommen."

Hisham Ghuzlan in den engen Gassen von Shatila (Foto: Diana Hodali)

Hisham Ghuzlan in den engen Gassen von Shatila

Hisham wurde 1980 im Flüchtlingslager Shatila geboren. Sein Vater kam im Alter von elf Jahren, nach der Staatsgründung Israels 1948, mit seinen Eltern als Flüchtlinge in den Libanon. Er wurde im sogenannten Gaza-Krankenhaus geboren, hat acht Geschwister und sechs Halbgeschwister. Ein Großteil lebe aber bereits im Ausland – in Dänemark und auch in Russland, fügt er hinzu.

Aus dem Gaza-Krankenhaus, einem großen grauen Betonklotz, ist mittlerweile ein Wohnhaus nahe dem Wochenmarkt von Shatila geworden. Die Fenster und Balkons sind von außen mit bunten Gardinen verhängt. Die Häuser in Shatila stehen so eng beieinander, dass sich die Bewohner nur mithilfe von Vorhängen ein bisschen Privatsphäre verschaffen können. Hisham grüßt fast jeden Bewohner, den er auf dem Markt trifft. In einer zwei Meter breiten Gasse bleibt er stehen: "Hier ist die breiteste Stelle im ganzen Camp. Die Straßen werden zum Glück gerade gepflastert. Es gibt keinen Platz zum Spielen für die Kinder. Das ist ein großes Problem hier im Lager."

Schwierige Lebensumstände

Die Bewohner von Shatila hatten in den letzten Jahren eine schlechte Kanalisation. Wenn es in Shatila regnete, dann standen die Straßen komplett unter Wasser. Jetzt wird mit deutscher Entwicklungshilfe ein Abwassersystem gebaut. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn auch die Stromversorgung lässt zu wünschen übrig: Lose baumeln Stromdrähte von Haus zu Haus in den engen Gassen von Shatila. Die Situation der Palästinenser in den Flüchtlingslagern im Libanon sei besonders hart, erzählt die ehemalige Leiterin des UN-Flüchtlingshilfswerkes für die Palästinenser (UNRWA), Karen Koning Abu Zayd. In Syrien zum Beispiel seien sie gleichberechtigte Bürger, wenn auch ohne syrische Staatsangehörigkeit. "Im Libanon war es schon immer anders, und auch sehr schwer für die Flüchtlinge", sagt Koning Abu Zayd. "Ihre Lebensumstände in den Lagern sind schlecht. Aber das hat sich seit 2005 verändert."

Kabelgewirr in den Straßen des Flüchtlingslagers (Foto: Diana Hodali)

Kabelgewirr in den Straßen des Flüchtlingslagers

Seit 2005 gibt es das sogenannte "Libanesisch-palästinensische Dialog Komitee", das sich um die Verbesserung der Lebenssituation der Palästinenser im Libanon kümmern soll. Khalil Makkawi war vier Jahre lang der Präsident des Komitees: "Wenn man die Flüchtlingslager besucht, dann sieht man, in was für einem schlechten Zustand sie sind. Es herrscht viel Elend, und es gibt viele gesundheitliche Probleme. Die Libanesen haben immer die Sorge, dass, wenn man die Lebensbedingungen der Palästinenser verbessert, ihnen mehr Rechte einräumt, sie sich für immer hier niederlassen." Außerdem seien sich viele Libanesen einig, dass sie nicht die Staatsangehörigkeit erhalten sollten.

Keinen Einfluss nehmen

Das politische System Libanons ist geprägt vom religiösen Proporz und dem daraus resultierenden Einfluss der Religionen auf die Politik. Da die knapp 400.000 palästinensischen Flüchtlinge fast alle Sunniten sind, würden sie das konfessionelle Machtgefüge zwischen Christen, Sunniten und Schiiten im Libanon durcheinander bringen. Außerdem machten viele Libanesen die Palästinenser für den Konflikt mit Israel verantwortlich, sagt Makkawi. Hisham ist schon mehrfach Vorurteilen gegenüber Palästinensern begegnet. Aber das sei natürlich nicht die Regel, erzählt er.

Orangfarbenes Wohnhaus in Shatila (Foto: Diana Hodali)

Ein bisschen Farbe im grauen Alltag in Shatila

Endlich mehr Berufe ausüben

Seit 2005 dürfen die palästinensischen Flüchtlinge im Libanon in etwa 70 Berufen arbeiten - überwiegend handwerklicher Natur oder als Verkäufer oder Taxi-Fahrer. Berufe mit Bildungsabschluss waren bislang für sie tabu. Die libanesische Regierung begründete dies mit dem sogenannten "Grundsatz der Gegenseitigkeit": Ein Libanese könne im Ausland arbeiten, ein Ausländer auch im Libanon. Da die Palästinenser keinen eigenen Staat haben, könnten diese nichts zurückgeben. Jetzt, am Dienstag (17.08.2010), stimmte das libanesische Parlament einem Gesetz zu, den Palästinensern künftig eine Arbeitserlaubnis für alle Berufszweige zu geben. Damit stehen den palästinensischen Flüchtlingen im Libanon zum ersten Mal alle Jobs offen.

Kein Flüchtling darf sich ein Stück Land kaufen oder sich selbstständig machen. Vor 2001 war das noch anders, sagt Makkawi: "Seit 2001 gibt es ein Gesetz, das es Menschen aus Ländern, die international nicht anerkannt sind, verbietet, Eigentum zu erwerben. Und das galt natürlich den Palästinensern."

Zukunft ungewiss

Hisham und seine Mutter im Wohnzimmer (Foto: Diana Hodali)

Hisham und seine Mutter: Sie wünscht sich, ihre Verwandten in Palästina besuchen zu dürfen

Hisham hat an der libanesischen Universität in Beirut Arabisch studiert, will aber eigentlich lieber als Fotograf arbeiten. Ein Mitarbeiter einer italienischen Organisation hatte ihm einmal eine Kamera in die Hand gedrückt und ihn gebeten, das Lager aus seiner Perspektive zu fotografieren. Durch Kontakte hat er einen Aushilfsjob in einer Werbeagentur in Beirut bekommen. Er werde allerdings schlechter bezahlt als seine Kollegen, sagt er. Von seinem und vom Geld seiner jüngeren Schwester Aisha muss er die Familie ernähren. Sein Vater verstarb vor zehn Jahren.

Wenige Straßen weiter wohnt Hisham mit seiner Familie in sehr bescheidenen Verhältnissen. Der 1,80 Meter große junge Mann muss sich ducken, um durch die Tür zu gehen. Im Flur steht ein Wäscheständer und rechts gehen zwei kleine Zimmer ab – ein Schlafraum für seine drei Geschwister, ihn und seine Mutter. Der Putz bröckelt an der Wand. Auf dem Boden liegen Matratzen, links steht ein kleiner Schrank. Im Wohnzimmer stehen zwei alte Sofas und ein kleiner Schreibtisch. Es ist dunkel, denn der Strom ist mal wieder ausgefallen – wie so oft am Tag. Wasser ist gerade auch nicht vorhanden.

Hisham zeigt stolz einen Kalender mit Fotos, die er selber gemacht hat - überwiegend Porträts von Kindern im Flüchtlingslager. Auch wenn Khalil Makkawi fest daran glaubt, dass die palästinensischen Flüchtlinge einmal zurückkehren wollen, für Hisham ist das nicht so klar: "Ich träume von Palästina, obwohl ich noch nie da war. Es muss das Paradies sein. Wenn ich könnte, würde ich es sofort bereisen. Aber mein Leben findet hier statt, und ich würde nicht in ein anderes Land flüchten wollen. Das will ich nicht."


Autorin: Diana Hodali

Redaktion: Anne Allmeling