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Startups

Vom Knast auf die 5th Avenue

Vor wenigen Jahren saß er noch als Anführer des größten Drogenrings Manhattans im Gefängnis, jetzt ist er ein Fitness-Guru. Das ist die Geschichte von Coss Marte. Anne Schwedt hat ihn in New York getroffen.

US Fitnesskette Conbody Coss Marte und Sultan Malik (Conbody)

US-Fitnesskonzept Conbody: Trainer Sultan Malik (l.) und Gründer Coss Marte

In T-Shirt und kurzer Sporthose steht Coss Marte an der Ecke Broome und Eldridge Street in der Lower East Side in Manhattan. Aus der Wandfassade ragt ein dickes Stahlrohr, daran ein Schild mit der Aufschrift "Conbody - Do the time". Der 31-Jährige wirkt stolz, ein kurzes Lächeln huscht über seine Mundwinkel. Er scheint angekommen.

Im nächsten Moment wendet sich sein Blick von dem großen Schild ab, er blickt in die Ferne. Nachdenklich. "Das ist die Ecke, an der ich früher Drogen verkauft habe", sagt er. Hier hat er seine Kindheit und Jugend verbracht. "Überall gab es Drogen, Heroin-Nadeln lagen rum, nachts hörte man Schüsse." Alles sei wie ein Film gewesen.

Bereits als Kind war Marte von den Jungs an den Straßenecken fasziniert. "Ich wollte immer reich sein", sagt er. "Wenn ich die Dealer gesehen hab, mit all dem Geld, dachte ich: Das will ich auch."

Im Alter von 12 Jahren begann Marte selbst Drogen zu verkaufen. Mit 19 war sein Drogenring so groß, dass er in guten Zeiten bis zu drei Millionen Dollar pro Jahr verdiente. Er leistete sich einen verschwenderischen Lebensstil, kaufte Autos und andere Statussymbole. Von den Kindern auf der Straße wurde er bewundert.

Conbody US-Fitness-Studio-Kette (DW/A.Schwedt)

Ein Conbody-Studio sieht aus wie ein Gefängnis: Zaun, Gitterstäbe und Betonboden.Trainiert wird ohne Geräte

"Ich wollte nicht im Gefängnis sterben"

Vor der Polizei hatte er keine Angst, häufig wurde er verhaftet, saß zwischendurch bis zu einem Jahr im Gefängnis. Das konnte ihn jedoch nicht davon abbringen, sein Drogengeschäft weiter auszubauen. Erst im Alter von 23, als sein komplettes Business aufflog und er zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, sollte sich sein Leben ändern.

"Im Gefängnis haben mir die Ärzte gesagt, ich könnte an meinen gesundheitlichen Problemen sterben", erzählt Marte. Er wog damals über 100 Kilo bei einer Größe von 1,72 Meter. "Ich lag im Bett, starrte die Decke an und sagte mir, ich will nicht im Gefängnis sterben."

Nach anfänglichen Versuchen in seiner Zelle Sport zu treiben, startete er bald auf dem Gefängnis-Gelände Jogging und Turnübungen. Er nahm in sechs Monaten dreißig Kilo ab. Von seinem Erfolg und seinen Fitnessübungen ließen sich schnell auch andere Insassen begeistern. Die Idee zu Conbody war geboren.

Conbody US-Fitness-Studio-Kette (DW/A.Schwedt)

Der Hashtag "dothetime" meint metaphorisch die Zeit im Gefängnis, übertragen auf das knallharte Training

"Ich beschloss, etwas aus meinem Leben zu machen", sagt Marte. Wegen guter Führung wurde er bereits nach vier Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Leicht wurde es für ihn danach jedoch nicht. Über Monate versuchte er erfolglos, einen Job zu finden. Niemand wollte ihm eine zweite Chance geben.

"Kriminelle sind gute Unternehmer"

Bald machte Marte seine im Gefängnis entwickelten Fitnessübungen in einem öffentlichen Park und sprach Leute an. Hilfe bekam er von Defy Ventures, einem Programm, das ehemalige Häftlinge und Kriminelle dabei unterstützt, aus ihren Ideen legale Geschäfte zu entwickeln. Die Organisation sah Potential in Martes Fitness-Konzept und stellte ihm Startkapital zur Verfügung.

In den USA werden statistisch gesehen 80 Prozent der ehemaligen Häftlinge nach spätestens fünf Jahren wieder straffällig. Bei Defy Ventures Teilnehmern liegt die Quote bei nur drei Prozent. "Ex-Sträflinge können super Unternehmer werden. Wenn sie Drogen-Geschäfte führen können, bringen sie schon mal die richtigen Eigenschaften mit, um ein legales Unternehmen zu gründen", sagt Defy Ventures Gründerin Catherine Hoke. "Von Investoren und Arbeitgebern werden sie nur meist wegen ihrer kriminellen Vergangenheit abgelehnt."

Fitness im Knast-Style

Ein Jahr nach seiner Entlassung eröffnet Coss Marte ein Studio in der Lower East Side - an der Ecke, an der er einst Drogen verkaufte. Es erinnert mit seinen Steinwänden, Gitterstäben und einem Zaun optisch an ein Gefängnis, der Ton ist rau. Chef-Trainer Sultan Malik scheucht die Teilnehmer, größtenteils Frauen, durch den Raum.

Conbody US-Fitness-Studio-Kette (DW/A.Schwedt)

Wer das Training erfolgreich überstanden hat, kann sich wie ein Sträfling fotografieren lassen

Das Fitnesskonzept setzt auf Übungen, die nur gegen den Widerstand des eigenen Körpergewichts ausgeführt werden. Geräte werde nicht benötigt. Wie alle der inzwischen fast 20 Trainer ist auch Malik ein ehemaliger Häftling. Nach 14 Jahren im Gefängnis wegen versuchten Mordes, Diebstahl und Drogen, wollte ihn kein Unternehmen einstellen. Conbody will Ex-Häftlingen eine zweite Chance zu geben.

Einer Studie der Stadt New York zufolge ist es für Arbeitsuchende mit kriminellem Hintergrund doppelt so schwer einen Job zu finden wie für "normale" Bewerber. "Ich habe durch Conbody eine neue Perspektive bekommen", sagt Malik. "Hier gibt es keine Vorurteile, hier kann ich neu anfangen."

Wie im Film…

Conbody hat neben dem Studio in der Lower East Side seit diesem Monat auch eine Filiale in dem Luxuskaufhaus Saks auf der 5th Avenue. Wenn es dort gut läuft, will Saks das Konzept in alle seine knapp 50 Standorte bringen. Zusätzlich gibt es eine Conbody-App, mit der bereits über 10.000 Kunden in 22 Ländern weltweit trainieren.

Conbody US-Fitness-Studio-Kette (DW/A.Schwedt)

Das neue Conbody-Studio im Luxuskaufhaus Saks auf der 5th Avenue - sieht fast so aus wie das in der Lower East Side

Gründer Coss Marte gibt Kurse in Gefängnissen und hält Vorträge in Schulen und ähnlichen Einrichtungen im ganzen Land. Nächstes Jahr will er ein Buch über sein Leben schreiben und im Jahr danach soll es einen Film geben.

Wenn Marte heute auf seiner Straße Drogendealern über den Weg läuft, schauen sie zu ihm auf, fragen ihn sogar nach Jobs. "Es fühlt sich wie im Kino, als sei alles erfunden. Doch es ist wirklich wahr", sagt er.