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Afrika

Vom Kakaoboom zum Wirtschaftskollaps

Jahrzehntelang galt die Elfenbeinküste als Vorzeigeland. Doch Mitte der 90er Jahre begann sich die politische Lage zu verschlechtern und die Wirtschaft brach schließlich zusammen. Doch die Krise hat auch ihre Profiteure.

Kakaobohnen (Foto: DW/Ute Schaeffer)

Die Elfenbeinküste war lange Zeit führendes Exportland von Kakaobohnen

Auf der Straße vor uns versperrt ein scharfkantiges Metallband den Weg. Um das Auto herum stehen kleine Gruppen bewaffneter Männer. Wir erreichen das von den Rebellen kontrollierte Gebiet, 250 Kilometer nördlich der ehemaligen Hauptstadt Abidjan. Bis nach Bouaké, dem Hauptquartier der Forces Nouvelles, sind es noch knapp 30 Kilometer. Die Rebellen an der Straßensperre sind jung und alle tragen unterschiedliche Uniformen. Jeder hat ein altes Gewehr über der Schulter.

"Das Passieren der Sperre kostet eine Gebühr", informiert uns der junge Mann und taxiert dabei meinen ivorischen Kollegen. "Auf dem Rückweg!" antwortet Ibrahim. Der junge Mann wirft einen prüfenden Blick ins Auto, führt wie in Zeitlupe seine Hand an die Mütze und lässt uns passieren.

Straßensperren als Geldquellen

Ute Schaeffer im Gespräch mit Oberst Bamba von der Forces Nouvelles (Foto: DW/Ute Schaeffer)

Ute Schaeffer im Gespräch mit Oberst Bamba von der Forces Nouvelles

Die Chefriege der Rebellen sieht solche Szenen gelassen. "Von irgendetwas müssen sich unsere 20.000 Mitstreiter ja finanzieren", sagt der Rebellen-Oberst Sinima Bamba im Hauptquartier nüchtern. Für ihn ist es keine Erpressung, wenn die Rebellen auf den Straßen im Norden des Landes willkürlich Passiergebühren fordern, sondern Teil eines funktionierenden Abgabensystems. Es gehe schließlich um Waren wie zum Beispiel Benzin und andere Produkte, die aus Mali kämen oder aus Burkina Faso. "Auf diese Güter erheben die Forces Nouvelles hier und da eine kleine Steuer. Aber das ist nichts weiter als eine Form finanzieller Organisation, nichts weiter!", sagt Sinima Bamba.

Wir sind in Bouaké, der zweitgrößten Stadt des Landes und dem Hauptquartier der Forces Nouvelles, was soviel heißt wie "Neue Kräfte". Den gesamten Norden der Elfenbeinküste halten die Rebellen besetzt. 2002 begannen sie von hier aus auch den Rest des Landes zu erobern. Stück für Stück kämpften sie sich in Richtung des südlich gelegenen Abidjan vor. Eigentlich ein Militärputsch, der jedoch auf halber Strecke endete. Heute kontrollieren die Rebellen den Norden des Landes, die Regierungstruppen den Süden.

Verheerende Folgen für die Wirtschaft

Für die Wirtschaft hat diese Teilung des Landes verheerende Folgen, berichtet Kangouté. Er arbeitet für die halbstaatliche Kakao- und Kaffeebörse. Kakao ist der wichtigste Exportartikel der Elfenbeinküste, denn das Land ist immer noch Nummer eins unter den Exporteuren. Doch längst seien die negativen Folgen der politischen Krise auch bei den Ernten und den Einnahmen aus dem Kakaogeschäft spürbar. So ist die Ernte in den letzten Jahren von 1,4 Millionen Tonnen auf rund eine Million Tonnen zurückgegangen. "Durch die Krise wird ein großer Teil unserer Ernte in Richtung Norden ausgeführt. Er verlässt das Land nicht über die Häfen in San Pedro oder Abidjan, sondern wird über die Grenze ausgeführt und geht so dem Steuersystem verloren", sagt Kangouté.

Kakao Bohnen beim Trocknen (Foto:DW/Ute Schaeffer)

Plantagenarbeiter trocknen Kakaobohnen. Noch vor rund 20 Jahren boomte der Handel mit Kakao in der Elfenbeinküste und machte das Land zum führenden Exporteur innerhalb Westafrikas. Dann verschlechterte sich die politische Lage und führte zum wirtschaftlichen Kollaps.

Das betreffe nicht nur den gesamten Norden mit seinen kostbaren Bodenschätzen, sondern auch auch den Handel mit Gütern. "Zum Beispiel Bouaké: dort befindet sich ein Großhandelsmarkt für Rohstoffe, der eigentlich von der Handelskammer hier im Land gemanagt wird", sagt Billon. Seit Beginn der Krise gebe es aber dort überhaupt keinen Zugang mehr, da Bouaké von den Forces Nouvelles kontrolliert werde. Das seien die Folgen politischer Untätigkeit, schlechter Regierungsführung und der überall grassierenden Korruption, sagt Jean-Louis Billon. Auch wenn der Kakao-Anbau noch immer hochprofitabel ist, so steht doch fest: Geht dieser Trend so weiter, dann wird das Land eines Tages nicht mehr die Nummer Eins unter den Kakao-Exporteuren sein.

Lukrative Kriegswirtschaft

Im Zuge der faktischen Teilung des Landes ist allerdings eine lukrative informelle Kriegswirtschaft entstanden. Dabei wird mit allem gehandelt, was die Böden in der Elfenbeinküste hergeben. Von dem Gewinn profitieren jedoch nur wenige, empört sich Salima Porquet, Vertreterin der Zivilgesellschaft. "Sie haben sogar Diamanten in der Region um Séguéla, und was passiert mit denen? Die Steine werden einfach über die nördlichen Grenzen außer Landes gebracht. Und die Menschen in der Region? Die leben weiter in Armut!" Darauf angesprochen, weicht mir Rebellen-Chef Oberst Bamba aus. Dabei ist bekannt, dass selbst Multis, die ihre Lizenzen von der Regierung erhalten, einen Teil ihrer Gewinne an die Forces Nouvelles weitergeben. "Ich weiß, dass der Staat einigen Unternehmen entsprechende Lizenzen gegeben hat. Wir haben allerdings nicht einen Teil unserer Kräfte abgestellt, um die Minen auszubeuten, nein."

Keine Renten, keine Gehälter

Ehemaliger Plantagenarbeiter (Foto: DW/Ute Schaeffer)

Die meisten Plantagenarbeiter arbeiten monatelang ohne bezahlt zu werden

Vor allem die Menschen der Mittelklasse und die Armen, die bisher von schlecht bezahlten Jobs gelebt haben, sind Opfer der politischen und der wirtschaftlichen Krise geworden. Seit 2002 hat die Krise auch die Arbeiter in den staatlichen und halbstaatlichen Plantagen erreicht. Idrissa Ilboudou und seine vierköpfige Familie haben es in den Monaten Mai bis Oktober immer schwer: "Man bezahlt uns nicht in diesen Monaten. Wir ernähren uns und unsere Familien mit der kleinen Landwirtschaft, die wir betreiben. Wir bauen Yams und Mais an."

Auch Abdulrahman, der Rentner, der sein ganzes Leben in den staatlichen Plantagen bei Yamassoukrou gearbeitet hat, kann sich nur noch einmal am Tag etwas zu essen leisten. Ich treffe ihn unweit von Yamassoukrou, 200 Kilometer vom Regierungssitz Abidjan entfernt. "Es ist wirklich nicht zu fassen!! Seit Monaten schon bekomme ich keine Rente. Sie zahlen einfach nicht. Wir sind arm, arm, arm!!".

Autorin: Ute Schaeffer

Redaktion: Michaela Paul