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Asien

Vom Jäger zum Gejagten

In Afghanistan werden immer mehr NATO-Soldaten von einheimischen Verbündeten getötet. Experten machen dafür unter anderem antiwestliche Propaganda und das Desinteresse der NATO-Staaten verantwortlich.

An Afghan policeman stands guard near the site where a suspected suicide bomber was shot dead near a major elders' meeting in Kabul on November 14, 2011. A suspected suicide bomber carrying a bag of explosives was shot dead in Afghanistan on November 14 near the site of a major elders' meeting set to discuss relations with the US, officials said. The man was gunned down in Kabul hours after the Taliban claimed to have published a top-secret security plan for the loya jirga, which starts on November 16 and will bring together over 2,000 elders from around the country. AFP PHOTO/SHAH Marai (Photo credit should read SHAH MARAI/AFP/Getty Images)

Symbolbild Afghanistan Anschlag Militär

Wer sind unsere Feinde und wer unsere Freunde? Diese Frage scheint sich zurzeit jeder NATO-Stratege in Afghanistan zu stellen. Im laufenden Jahr ist fast jede Woche ein Soldat der internationalen Truppen von einem Angreifer in afghanischer Polizei- oder Armeeuniform getötet worden, 45 waren es bis Ende August. Die USA reagierten und setzten die Ausbildung von weiteren 1000 Rekruten erst einmal aus, so lange bis alle Polizei-Anwärter auf mögliche Verbindungen zu den Taliban überprüft worden sind.

Afghanische Soldaten in Uniform mit Gewehr (Foto: dpa)

Freund oder Feind: afghanische Soldaten

Seit etwa drei Jahren infiltrieren die radikalislamischen Taliban und ihre Helfer gezielt eigene Leute in die afghanische Armee und Polizei, sagt Conrad Schetter, Südasien-Experte am Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung. "Ziel der Taliban ist, die Kommunikation und Interaktion zwischen NATO-Vertretern und den Afghanen zu zerstören. Damit zerstören sie auch das Vertrauensverhältnis. Und sie verhindern die Entstehung eines stabilen Sicherheitsapparates am Hindukusch."

Ausbildung mit Holzwaffen

Noch befinden sich Armee und Polizei in Afghanistan im Aufbau. Sie sollen ab 2014, wenn die internationalen Truppen Afghanistan verlassen haben, die Sicherheit im ganzen Land garantieren. Bis es aber so weit ist, werden die afghanischen Sicherheitskräfte von ihren NATO-Partnern intensiv ausgebildet - auch durch gemeinsame Einsätze gegen Aufständische. Doch diese sogenannte Partnering-Strategie sei inzwischen kaum noch durchführbar, so Schetter. Denn aus Sicherheitsgründen findet die Ausbildung an Holzgewehren statt: "Man versucht, die afghanischen Soldaten während der Ausbildung zu entwaffnen. Einen Ernstfall kann man aber mit Holzgewehren weitaus schwieriger proben als mit echten Waffen und echter Munition."

Gegenseitiges Misstrauen

Conrad Schetter sieht die NATO-Staaten vor einem großen Dilemma: "Sie wissen, dass sie die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden und aufbauen müssen, aber sie haben bislang keine Strategie, wie sie den Einfluss der Aufständischen auf die afghanischen Sicherheitskräfte minimieren können."

Bundeskanzlerin Merkel beim Training der Afghanischen Polizei (AP Photo/Michael Kappeler, Pool)

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Training der Afghanischen Polizei

Erschwerend komme hinzu, dass die afghanische Regierung unter Präsident Hamid Karsai kein Verständnis zeige für das momentane Problem der internationalen Truppen in Afghanistan. "Der Präsident macht seit einigen Jahren die USA und die NATO-Truppen für alle Übel im Land verantwortlich", erklärt der afghanische Militär-Experte Assadullah Walwalgi. "Damit hilft er seinen Partnern nicht. Im Gegenteil: er schürt damit antiwestliche Gefühle unter den Sicherheitskräften und der Bevölkerung." Präsident Karsai bezeichnet gern die radikalislamischen Taliban als seine Brüder. Er fühlt sich vor allem von der Obama-Administration allein gelassen und gedemütigt. Umgekehrt war die Freude in Washington nach seiner Wiederwahl im Jahr 2009 auch nur sehr verhalten. Dieser Streit, sagt Walwalgi, sei das größte Kapital für die Aufständischen in Afghanistan: "Sie wissen, dass die Bürger der NATO-Staaten keinesfalls bereit sind, ihre Soldaten und Unmengen von Geld für einen Staat zu opfern, der es ihnen nicht mit Dankbarkeit zurückzahlt."

"Ignorantes Verhalten im Westen"

Ein weiterer Faktor, der immer wieder zu Missverständnissen und Fehleinschätzungen führe, sei das mangelnde Interesse bei Vertretern der westlichen Regierungen, kritisiert der afghanische Militärexperte. Er berichtet, dass er amerikanischen Generälen Bücher schenken wollte, in denen es um die Kriegserfahrungen der afghanischen und der sowjetischen Armee in den achtziger Jahren im Kampf gegen die damaligen Aufständischen ging. "Sie lehnten mein Geschenk mit der Begründung ab, dass sie nicht in der Lage seien afghanisch zu lesen."

Portrait des afghanischen Militär-Experten Assadullah Walwalgi (Foto: DW)

Der afghanische Militär-Experte Assadullah Walwalgi

Wer nicht aus der Geschichte Afghanistans lernen wolle, der solle sich nicht wundern, wenn er scheitert, meint Walwalgi. "Viele Vertreter der westlichen Regierungen benehmen sich auch nach mehr als zehn Jahren noch wie Anfänger und wollen immer noch nicht verstehen, dass der Afghanistan-Konflikt nationale, regionale und internationale Ebenen hat."  Seiner Ansicht nach kann nur ein für alle Seiten akzeptabler Konsens einen lang haltenden Frieden in Afghanistan sichern.

Auch Südasien-Experte Schetter wirft den NATO-Staaten ignorantes Verhalten vor: "In vielen Punkten schaut man nicht in die afghanische Geschichte zurück, sondern zieht Beispiele aus dem Kosovo heran. Das zeigt, wie wenig sich die NATO und die gesamte internationale Intervention auf Afghanistan einlässt." Die NATO müsse sich endlich tiefgehend mit der Geschichte des Afghanistan-Konflikts beschäftigen, darin sind sich die Experten einig. Nur so könne sie nachhaltige Lösungen finden. Andernfalls würde sie in Afghanistan immer mehr vom Jäger zum Gejagten.