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Kultur

Vom Immunsystem des Glaubens

Im Mai 1934 beschlossen Vertreter der Kirche ein Papier, mit dem sie dem Einfluss der Nationalsozialisten widersprachen. Christoph Ehricht erinnert für die evangelische Kirche an die Barmer Erklärung und ihre Bedeutung.

Petra Bosse-Huber Skulptur Erinnerung Barmer Theologische Erklärung

Petra Bosse-Huber, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland neben einer Kopie der Skulptur, die an die Barmer Erklärung erinnert

Theologen gegen Hitler

In den nächsten Tagen jährt sich zum achtzigsten Mal die Wiederkehr der Barmer Bekenntnissynode. In den letzten Maitagen des Jahres 1934 versammelten sich in der kleinen Dorfkirche von Barmen-Gemarke am Rande von Wuppertal Delegierte aus fast allen evangelischen Landeskirchen Deutschlands. Sie diskutierten über die drohende Kirchenspaltung und über die Einflussnahme der nationalsozialistischen Machthaber auf die Gestalt der Kirche. Sie sahen die Gefahr der Verfälschung des Evangeliums durch die sogenannten Deutschen Christen. Am Ende verabschiedeten sie eine in ihrer Zeit folgenschwere und bis heute aktuelle Theologische Erklärung.

Im Bekenntnis zu Gott liegt Freiheit

Ganz uneingeschränkt können wir uns heute nicht mehr über diese erste Bekenntnissynode, wie sie genannt wird, freuen Sie fand kein Wort zur einsetzenden Judenverfolgung und war überhaupt keine Versammlung von Widerstandskämpfern gegen das Regime. Aber immerhin – sie wies an einer entscheidenden Stelle den Totalitätsanspruch des Staates und seiner Ideologie zurück. Die Gleichschaltung der Kirche konnte verhindert werden durch die Rückbesinnung auf ihr altes Bekenntnis. Kein Führerprinzip, dafür die gleichrangige Gemeinschaft aller Getauften. Keine Blut- und Bodenromantik und keine Rassenlehre, dafür Konzentration auf die Offenbarung der Wahrheit durch Jesus Christus.

Keine Vermischung von Politik und Religion und keine Staatsvergottung, statt dessen eine klare und nüchterne Zuweisung der unterschiedlichen Aufgaben von Staat und Kirche – diese damals sehr aktuellen Einsichten setzten sich bei den Delegierten der Synode durch. Sie entschieden sich damit bewusst gegen die Mehrheit von sehr vielen Verblendeten, die es leider auch in den Kirchen gab. Das beeindruckt mich immer noch, trotz aller Kritik an den unübersehbaren Defiziten der Synode. Und es regt mich immer wieder an, darüber nachzudenken, wo wir heute so ein aus dem alten Bekenntnis der Kirche genährtes Immunsystem brauchten, um nicht in neue Fallen zu tappen, so überzeugend sie scheinen und so verlockend sie sein mögen.

Die Botschaft der Bibel lässt sich nicht domestizieren

„Gottes Wort ist nicht gebunden“ - so lautet eines der biblischen Leitworte aus der am Ende der Synode verabschiedeten Erklärung. Wir können es nicht unseren Interessen oder unseren jeweiligen Einsichten unterwerfen. Das ist oft wenig populär und gelegentlich anstößig. Aber Beliebtheit und „hohe Einschaltquoten“ können ja eigentlich nicht zum Gradmesser der Verkündigung oder zum Qualitätsmerkmal der Angebote von Kirchengemeinden werden. Dann hätten sich die Barmer Synodalen damals vor achtzig Jahren ganz anders entscheiden müssen.

Immun müssen wir allerdings genauso gegenüber dem anderen Extrem bleiben, der Selbstisolierung des Glaubens und des Rückzugs aus der Verantwortung in der Welt. Es ist immer wieder eine Gratwanderung, zu der wir in der Nachfolge herausgefordert sind. Nicht um jeden Preis populär, aber lebensdienlich und lebensnah, vielleicht kann man unseren Auftrag so beschreiben. Fehler und schwere Defizite werden die Nachgeborenen gewiss auch in unseren heutigen Entscheidungen finden und kritisieren. Aber hoffentlich hier und da auch etwas von dem Geist, der vor achtzig Jahren in Barmen am Wirken war.

Zum Autor:Christoph Ehricht, Jahrgang 1950, studierte evangelische Theologie an der Universität Greifswald. Vier Jahre war er dann wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kirchengeschichte in Greifswald. Nach einigen Jahren als Gemeindepfarrer in Gützkow war er später theologischer Dezernent im Konsistorium der pommerschen Kirche - in Greifswald. Dann verließ er diese Stadt für 3 Jahre und war von 1999 - 2002 Propst in St.Petersburg. Nach seiner Rückkehr nach Greifswald ist er dort wieder im Dienst der pommerschen Kirche, und zwar als Landespfarrer für Diakonie. Christoph Ehricht ist verheiratet, hat zwei Töchter und einen Enkel.

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