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Kultur

Vom Hotspot zum Biotop

Die Baumwollspinnerei im Leipziger Westen hat sich vom Kunstmarkt-Mekka zum Arbeitsort für junge Künstler aus dem Ausland entwickelt. In diesem Jahr stellen Künstler aus Rumänien ihre Werke aus.

Blick auf das Gelände der Baumwollspnnerei (Foto: Thomas Riese)

Als die Arbeiter in den 90er Jahren die einst größte kontinentaleuropäische Baumwollspinnerei verließen, kamen die Künstler und mit ihnen der Hype um die Malerei der neuen Leipziger Schule. Der Boom ist vorbei, doch die Spinnerei ist vital geblieben. Immer mehr internationale Künstler ziehen in die einst größte Baumwollspinnerei auf dem europäischen Festland.

Reiseempfehlung

Die "New York Times" rief Leipzig vor ein paar Wochen zu einem der Orte in der Welt aus, die man dieses Jahr unbedingt besuchen sollte. Schließlich gäbe es dort die Geburtstage von Bach und Schumann zu feiern. Dass die sächsische Stadt als Reiseempfehlung für das globale Jetset neben Orten wie Seoul, Kopenhagen und Mumbai auftauchte, hat aber vor allem mit der Leipziger Malerei zu tun.

Exponat in der Leipziger Baumwollspinnerei: An das Gerät. Ein Kunstwerk, das an das Atomium in Brüssel erinnert (Foto: Marie Lachmann)

Kunst entdecken: "An das Gerät"

Vor wenigen Jahren holten die Künstler der neuen Leipziger Schule die Stadt auf die Bühne der globalen Kunsteliten. Und mit ihr eine alte Industrieruine: die Baumwollspinnerei, eine sechs Hektar große ziegelrote Stadt in der Stadt, einst die größte kontinentaleuropäische Fabrik ihrer Art. Von 1884 bis in die 1990er Jahre spannen hier tausende von Arbeitern im Dreischicht-Betrieb Baumwolle zu Garn. Als die Industrie nach der Wende verschwand, kamen die Künstler, unter ihnen Maler wie Neo Rauch oder Matthias Weischer. Als die um das Jahr 2004 zu Stars des Kunstmarkts aufstiegen, reisten Sammler in Privatjets nach Leipzig, und eine britische Tageszeitung dichtete über die Spinnerei, sie sei "the hottest place on earth", der heißeste Ort der Welt.

Nach dem Boom

Inzwischen ist der Boom vorbei, gemalt, ausgestellt und verkauft aber wird in der Spinnerei immer noch. Rund 100 Künstlerateliers gibt es auf dem Gelände, dazu ein Dutzend Galerien und nichtkommerzielle Kunsträume. Die Spinnerei ist vital geblieben und internationaler geworden.

Anna-Louise Kratzsch sitz vor einem Gemälde und schaut freundlich in die Kamera (Foto: Bertram Schultze)

Leitet eine Künstler-Residenz: Anna-Louise Kratzsch

Anna-Louise Kratzsch etwa, eine Kunsthistorikerin Anfang 30, hat auf dem Gelände eine Künstlerresidenz aufgebaut. Derzeit sind ein Israeli, zwei Japaner und eine Russin bei ihr zu Gast. So großzügige Ateliers wie bei ihr, sagt Kratzsch, hätten die Künstler sonst selten. Die vier Räume, in denen die Künstler auf Zeit wohnen und arbeiten, messen je 80 Quadratmeter, die Decken sind vier Meter hoch. Als sie ihre Residenz vor drei Jahren eröffnete, erzählt Kratzsch, sei es noch schwierig gewesen, junge Künstler aus dem Ausland nach Leipzig zu holen. Inzwischen habe sie keine Mühe mehr, Gäste zu finden: "Die Leipziger Malerei hat das Gelände international bekannt gemacht. Wir ernten jetzt den Rücklauf aus dem Ausland." Viel Platz für wenig Geld und ein Mythos locken die jungen Künstler an: "Leipzig löst etwas aus, eine Faszination, dass hier gerade ganz viel passiert in Sachen junge Kunst."

Geschredderte Stasi-Akten

Nicht weit entfernt von Kratzschs Räumen ist die Ausstellung "Romanian Cultural Resolution" zu sehen. Zwei Dutzend namhafte rumänische Gegenwartskünstler, unter ihnen der rumänische Biennale-Teilnehmer Dan Perjovschi, zeigen Arbeiten rund um das Thema Postkommunismus, Skulpturen aus geschredderten Akten der Staatssicherheit, ein frisch gemaltes Fresko im Stil des sozialistischen Realismus.

Alexandru Niculescu steht mit verschränkten Armen in der Werkschauhalle (Foto: Marie Lachmann)

Alexandru Niculescu in der Werkschauhalle

Der Künstler Alexandru Niculescu hat die Schau mitorganisiert. Seit einem Jahr lebt der Endzwanziger in der Baumwollspinnerei. Auch er sei dem Ruf der neuen Leipziger Schule gefolgt, sagt er, und führt noch einen ganz praktischen Grund dafür an, warum es ihm in der alten Fabrik gefällt: Um von der lebendigen, aber letztlich doch überschaubaren Spinnerei ins überbordende Berlin mit seinen hunderten von Kunsträumen zu fahren, braucht Niculescu mit dem Zug gerade mal eine Stunde. Für Niculescu ein handfester Vorteil: Berlin inspiriere ihn, aber es mache ihn auch verrückt. Zum Arbeiten ziehe er die Leipziger Ruhe vor, sagt er - und lacht. Gerade erst hat Niculescu mit Künstlerkollegen in seiner Heimatstadt Craiova einen Kunstraum gegründet. "Electro Club Putere" heißt er und befindet sich in einer ehemals volkseigenen Fabrik. Das Modell Baumwollspinnerei: "exportfähig", sagt Niculescu.

Autor: Robert Schimke

Redaktion: Conny Paul

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