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Deutschlehrer-Info

Vom Flüchtlingsheim ins „Elitegymnasium“

Ein Privatgymnasium im Bonner Villenviertel hat Neuland betreten und eine Flüchtlingsklasse eingeführt. Die Schüler dieser Klasse sind meist ohne Eltern nach Deutschland gekommen. Dunja Dragojevic hat sie besucht.

Lässige Klamotten, coole Frisuren, modische Brillen – auf den ersten Blick könnte es eine ganz gewöhnliche Klasse an einer weiterführenden Schule sein. Aber dass die Schüler einen Migrationshintergrund haben, ist nicht zu übersehen. „Hallo, kann ich dir helfen?“ – „Guten Tag, ich suche einen Basketball.“ Deutschunterricht in einer deutschen Teenagerklasse gestaltet sich normalerweise etwas anders. Auf der Tafel in der Klasse steht: „Einkaufen und Verkaufen“ – der Titel der heutigen Lektion an der traditionsreichen Otto-Kühne-Schule.

Der „Verkäufer“ ist Yazdan, ein 17 Jahre alter afghanischer Junge. Seine „Kunden“ sind Fahimi, Nadeem, Mohammed, Sarah – alle sind sie Schüler der Internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) auf dem privaten, staatlich anerkannten Gymnasium im Bonner Stadtteil Bad Godesberg, das als „Elitegymnasium“ gilt. „Ich mag den Ausdruck nicht“, sagt der Schulleiter Willi Mirgartz. Es sei einfach dieses Viertel hier, in dem viele wohlhabende und bildungsstarke Familien leben.

Ansicht der Schule (Foto: DW/D. Dragojevic)

Die Otto-Kühne-Schule in Bad Godesberg hat eine Klasse für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge eingerichtet

Die Schule besuchen die jungen Flüchtlinge der IVK seit November 2015, sie sind in der Regel zwischen 15 und 17 Jahren alt und kommen aus Syrien, Afghanistan, Iran und anderen Krisenländern. Eines haben sie fast alle gemeinsam: Sie bestritten die gefährliche Flucht nach Deutschland ohne Begleitung ihrer Eltern und wohnen in Bonner Flüchtlingsheimen.

Odyssee auf der „Balkanroute“

„Meine Schüler haben schon sehr viel erlebt“, meint die Klassenlehrerin Ursula Coester. So wie der „Verkäufer“ Yazdan. Er flüchtete mit seiner Familie aus Afghanistan nach Pakistan, erzählt er der DW-Reporterin. Alleine reiste er in den Iran weiter. Ein Jahr lang lebte er dort, arbeitete auf Baustellen und verdiente sich so das Geld für die Flucht nach Europa. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich kam er schließlich nach drei Monaten Odyssee in Deutschland an. Hatte er unterwegs Angst um sein Leben? „Ja, sehr viel Angst, in Griechenland“, sagt er, „auf dem Meer.“ Und in den Wäldern von Mazedonien und Serbien.

Schülerin vor einer Tafel (Foto: DW/D. Dragojevic)

Auch Verhaltensregeln sind wichtig

Über die „Balkanroute“ kam auch der 16-jährige Syrer Mohammed nach Deutschland. Er war ein guter Schüler in seiner Heimat, sagt er. In Deutschland ist er jetzt seit fünf Monaten und spricht schon sehr gut Deutsch. Davor lebte er zwei Jahre in einem Flüchtlingsheim in der Türkei.

In der „Flüchtlingsklasse" sind momentan nur zwei Mädchen. „Es gibt viel weniger Mädchen, weil sie in der Regel nicht ohne Begleitung reisen“, erklärt die Klassenlehrerin. Eins von ihnen ist die 15 Jahre alte Sarah. Ihr blieb der Marsch über die „Balkanroute“ erspart. Sie ist mit ihrem Onkel und ihrem Bruder mit dem Flugzeug aus dem Iran zuerst nach Griechenland und fünf Jahre später nach Deutschland geflogen. Ihre Mutter sei immer noch im Iran: „In Griechenland war ich traurig. Hier nicht. Wenn meine Mutter kommt, werde ich richtig glücklich sein.“

Der Weg zum Schulabschluss

Als großes Glück und große Chance sehen Yazdan, Mohammed und Sarah die Tatsache, dass sie an dieser Schule aufgenommen worden sind. Und sie betonen immer wieder, wie dankbar sie sind. Yazdan, Mohammed und Sarah gehören zu den Leistungsstärkeren in der Klasse und werden, so ihre Klassenlehrerin, teilweise schon nach den Sommerferien in die Regelklassen integriert werden können. Bei vielen anderen wird das wahrscheinlich nicht so schnell gehen, aber das angepeilte Ziel ist, alle IVK-Schüler an den mittleren Schulabschluss in der Klasse zehn heranzuführen. Mit diesem Abschluss können sie eine Lehre oder Ausbildung angehen.

Ihre Vorbildung war für diese Schüler auch kein Auswahlkriterium für die Aufnahme an der Traditionsschule. Der Kontakt zur Schule kam über das Flüchtlingsheim, in dem sie wohnen oder über Familien, die sie zur Pflege aufgenommen haben. Kosten entstehen für sie nicht, da die Schule als staatlich anerkannte Institution aus öffentlichen Geldern und über einen Trägerverein finanziert wird.

Mehr als ein Ort des Lernens

Für die neuen Schüler ist die Schule viel mehr als ein Ort des Lernens. Hier treffen sie andere Jugendliche, machen Ausflüge, spielen Fußball, schließen Freundschaften – für sie ist der Schulalltag ein Stück Normalität, die sie lange nicht hatten. In der Schule haben sie außerdem auch ihre „Paten“, deutsche Schülerinnen und Schüler, die mit ihnen nachmittags lernen, aber auch mal an Wochenenden Schlittschuh laufen oder joggen gehen.


Positive Resonanz in der Elternschaft

Schulleiter Willi Mirgartz

Schulleiter Willi Mirgartz

Schulleiter Willi Mirgartz ist stolz darauf, dass seine Schule das erste Bonner Privatgymnasium ist, das eine Internationale Vorbereitungsklasse aufgestellt hat. Und zwar nicht, weil sie das wie öffentliche Schulen musste, sondern weil sie es wollte. Dabei haben alle mitgezogen, betont er: Lehrer und Schulangestellte, die wochenlang ehrenamtlich gearbeitet haben. Keine besorgte oder gar böse Mail von Eltern? „Nein, definitiv nicht.“

Er sei sehr zuversichtlich, sagt Mirgartz, dass die IVK-Schüler ihren Weg machen werden. Mohammed und Yazdan haben klare Ziele vor Augen. Mohammed will Augenarzt werden, Yazdan Pilot. Zuerst wollen sie aber richtig gut Deutsch lernen.

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