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Aktuell Deutschland

Vom Ende des Privaten

Wir stellen intime Fotos auf Facebook, und Amazon weiß schon, was wir kaufen wollen. Privatsphäre - gibt es die im Online-Zeitalter überhaupt noch? Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn geht dieser Frage nach.

Schlafende Menschen in der U-Bahn zeigen die unscharfen und grobpixeligen Fotos von Mark Wallinger in der Ausstellung Privat (Foto: dpa)

Frankfurt am Main Kunsthalle Schirn Ausstellung Privat

Ein zerwühltes Bett im Museum: leere Schnapsflaschen, eine verdrehte Strumpfhose, Tablettenpackungen, gebrauchte Kondome, ein Stofftier... Als die britische Künstlerin Tracey Emin 1999 ihr Bett zum Kunstwerk erklärte und in einer Londoner Galerie ausstellte, nahm sie ein heute viel diskutiertes Thema vorweg: Das Ende der Privatheit.

Noch verpackt ist ein von der Künstlerin Tracey Emin zur Kunst erklärtes Bett in der Ausstellung Privat in der Kunsthalle Schirn (Foto: dpa)

Hier noch verpackt: Das zur Kunst erklärte Bett Tracy Emins

Die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main stellt dieses Verschwinden der Privatsphäre in den Mittelpunkt einer Ausstellung. "Die öffentliche Inszenierung privater Ereignisse in Talkshows und Chatrooms oder das Anlegen von digitalen Fotoalben und Persönlichkeitsprofilen im Internet sind Hinweise auf ein neues Verständnis von Privatheit", sagte der Direktor Max Hollein zur Eröffnung der Schau. Die Ausstellung "privat" setze sich anhand der Arbeiten von 30 Künstlern der vergangenen 50 Jahre kritisch mit dem Konzept der Privatheit auseinander.

Sie zeichne den Weg in die Ära der "Post-Privacy" nach und zeige, wie die Kunst darauf reagiere, sagte die Kuratorin Martina Weinhart. Den Anstoß zur Auflösung der Privatsphäre hätten Feministinnen und Homosexuelle um 1960 gegeben, als sie ihr "privates" Leben im Protest gegen ein konservatives Rollen- und Gesellschaftsverständnis öffentlich machten. Mit der allgemeinen Verbreitung des Internets seit Ende der 90er Jahre sowie von Handys mit Foto- und Filmfunktion sei die Zeit der "Bilderfänger" angebrochen, die Privates anderer Leute öffentlich machten.

Der Schlaf des Liebhabers

Die Ausstellung zeigt Fotografien, Polaroids, Handyfotos, Objekte und Filme, die häusliche Szenen, Intimes und persönliche Geheimnisse öffentlich machen. Einen Umbruch markierte nach den Worten Weinharts der Film des US-Amerikaners Stan Brakhage "Window, Water, Baby, Moving", in dem er 1959 in schonungslosen Nahaufnahmen die Geburt seines Kindes dokumentiert. Brakhage habe berichtet, dass nach einer Vorführung seines Film aus Empörung sogar auf ihn geschossen worden sei. Das Video "Sleep" von Andy Warhol zeigt fünf Stunden lang in endlos scheinender Einstellung, wie sein damaliger Liebhaber John Giorno schläft.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei steuert seine Arbeit "258 Fake" bei, in der auf zwölf Bildschirmen 7.677 Fotos seines inzwischen von der chinesischen Regierung geschlossenen Internetblogs ablaufen. Indem er sein Privatleben in die Öffentlichkeit gebracht habe, sei er eine "politische Figur" geworden, schreibt Ai dazu.

Mark Wallinger stellte Handyfotos von in Zügen eingeschlafenen Menschen zusammen (siehe Artikelbild oben). Auf Kunstformen wie Malerei, Zeichnung oder Skulptur, die in der Kunstgeschichte private Szenen ebenfalls aufgreifen, verzichtet die Ausstellung. Sie ist noch bis zum 3. Februar zu sehen.

mm/sc (dpa, epd)

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