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Kultur

Vom Elendsviertel zur unabhängigen Republik

Seit der Unabhängigkeit von 1991 entwickelt sich Litauen rasant. Beispielhaft dafür ist Užupis, ein Viertel der Hauptstadt Vilnius. Es mauserte sich vom Prostitutions- zum Künstlerviertel. Und hat noch eine Besonderheit.

Über dem Fluß Vilnia hängt eine Wäscheleine (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Das Flüsschen Vilnia - Lebensader von Užupis

Užupis bedeutet "jenseits des Flusses". Und dieser Fluss Vilnia oder Vilnale, wie es die Einwohner liebevoll nennen, spielt eine wichtige Rolle. Denn er trennt Užupis, einen Stadtteil im Osten von Vilnius, nicht nur geographisch vom Rest der litauischen Hauptstadt. Er bildet auch die Grenze der unabhängigen Republik Užupis. Unabhängig - denn die Einwohner von Užupis haben sich und ihren Fluss 1997 für unabhängig erklärt. Von Vilnius und von menschlicher Engstirnigkeit.

Die Fahne von Užupis zeigt eine weiße Hand in einem grünen Kreis. In der Hand ist ein Loch, als Symbol, dass niemand Užupis besitzen kann. (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Stolz weht die Fahne als Symbol der Unabhängigkeit

Jetzt haben sie alles, was dazu gehört. Ein eigenes Ortsschild, eine Flagge, eine Nationalhymne und sogar eine eigene Verfassung. Artikel 5 beispielsweise besagt: "Jeder hat das Recht einzigartig zu sein". Das gilt auch für den Präsidenten, Romas Lileikis: "Als Präsident bin ich für den Wind, die Flagge und für die Kreativität der Menschen zuständig."

Präsident von Volkes Gnaden

Gewählt wurde Lileikis mit dem hellbraunen wuscheligen Haar nie. Denn auf den Straßen und Plätzen von Užupis ist der Künstler und Filmemacher bekannt wie ein bunter Hund. Er grüßt jeden zweiten persönlich mit Handschlag. Irgendwann nannten ihn die Menschen von Užupis einfach "Präsident". Weder die Stadtoberen von Vilnius noch der litauische Präsident haben interveniert.

Romas Lileikis sitzt in einem Café am Flüsschen Vilnia (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Romas Lileikis, Künstler und "Präsident" der Republik Užupis

"Die Menschen vereinsamen immer mehr. Ich will, dass die Menschen wieder miteinander reden", sagt Präsident Lileikis, der selber in Užupis wohnt. So fand es sich auch, dass er Minister an die Seite bekam. Menschen, die sich genauso für das Wohl des Viertels interessieren. Ob es vier oder fünf Minister sind, weiß Romas Lileikis selber nicht. Ein offizielles Parlament gibt es auch nicht, aber eine Art Rathaus. Das ist das Café "Užupio" gleich hinter dem Grenzflüsschen Vilnia. Die Minister treffen sich hier, oder hundert Meter weiter im nächsten Café.

Nebenberuf: Geheimdienstchef

So wie heute. Unter einem gelben Sonnenschirm sitzen drei Männer, einer von ihnen streichelt einen kleinen Hund, der auf seinem Schoß sitzt. Kaffeetassen sind um einen Aschenbecher voller Zigarettenkippen arrangiert. Romas Lileikis hält ein Regierungstreffen ab. Sie debattieren darüber, ob Užupis einen eigenen Fernsehsender bekommen soll.

Der Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung: Saulius Pilinkus (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Gutmütiger Geheimdienstchef Saulius Pilinkus

Mit dabei ist Saulius Pilinkus, ein bärtiger Mittfünfziger. Er wirkt wie ein netter Onkel von nebenan, der Nachhilfeunterreicht in Mathematik gibt. "Ich bin Mitunterzeichner der unabhängigen Republik Užupis und der ehemalige Kommandeur der Užupiser Armee." Denn bei der Unabhängigkeitserklärung war er der einzige, der reiten konnte. "Jetzt habe ich mich selbst zum Chef des Geheimdienstes erklärt", sagt er geheimnisvoll.

Einen Geheimdienst benötigen die Užupiser eigentlich nicht mehr. Denn aus einem kriminellen Stadtviertel mit abgerissenen und eingefallenen Häusern, die man lieber mied, ist mittlerweile ein attraktives Örtchen geworden.

Ein Ort voller Kontraste

Ein rosafarbenes Haus hinter einem gläsernen Neubau (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Alt neben neu - Užupis ist voller Gegensätze

Somit ist Užupis voller Kontraste: Auf der Hauptstraße steht ein gläserner moderner Bau, gegenüber steht ein altes Haus, an dem der Putz bröckelt. Neue, blitzende Autos rasen über die Kopfsteinpflasterstraße, nur zehn Meter weiter liegt der alte Klosterfriedhof, auf dem die Vögel zwitschern. Früher hausten hier Prostituierte, heute ziert stattdessen eine große Engelsfigur, die erhaben auf einer Säule in eine Trompete bläst, einen zentralen Platz.

Im Café "Užupio" kam Romas Lileikis zusammen mit seinem Künstlerfreund, dem Skulpturenbauer Romas Vilchiauskas, die Idee für diese Engelsfigur. "Wir hatten beiden keinen Pfennig in der Tasche", sagt Lileikis und deutet auf die Tasche seiner Lederjacke. "Aber wir in Užupis haben alle zusammengelegt." Seither trägt das Viertel auch inoffiziell den Namen "Engelsrepublik".

Kreativität im Fluss

Das metallene Engelsdenkmal in Užupis (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Er steht symbolhaft für die künstlerische Freiheit in Užupis

Neben dem Engelskünstler Vilchiauskas tummeln sich noch viele weitere Künstler in Užupis. Am Flüsschen Vilnia hat sich die Kunstakademie angesiedelt und mit ihr eine große Anzahl Bildhauer, Maler und Graphiker. Studenten sitzen am Flussufer und trinken Kaffee aus Plastikbechern. Neben einigen liegen überdimensionierte Mappen mit ihren Werken. Andere hantieren an Bauzeichnungen herum.

Neben den Künstlern und Studenten kommen immer mehr Touristen in das Stadtviertel. Endlich ein Ort, an dem es nicht von den obligatorischen Souvenirhändlern mit Postkarten und Bernstein wimmelt. Dafür gibt es kreative Einzelhändler, die Stoffe, Blumen, Designerkleider, Schmuck oder Bücher verkaufen. Dazu gibt es in den Cafés dampfenden Kaffee, frische Luft und einen guten Ausblick auf die Hauptstadt.

Engelhafte Künstlerkolonie

Schaufensterschmuck in Form eines Stiefels, aus dem Blumen wachsen (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Kleinod eines Schuhverkäufers

Restaurierte rosarote, leuchtend gelbe oder grüne Häuser dominieren das Bild von Užupis. Es ist schick, hier zu wohnen. Die Mieten in dem ehemals verschrienen Viertel sind in den letzten Jahren um ein Vielfaches gestiegen. Künstler ohne festes Engagement haben sich deshalb ein baufälliges Haus als Rückzugsort für eine Künstlerkolonie gesucht. Es liegt hinter dem Café Užupio. Eine bunt bemalte Brücke führt über den Fluss vorm Haus. In ihm wohnen, diskutieren und arbeiten 12 bis 20 Künstler. Über eine überdachte Außentreppe mit abgetretenen Stufen geht es in eine Wohnung.

Der Künstler Darius Laumenis hält eines seiner Bilder in die Höhe (Quelle: Victoria von Gottberg, 15.5.2008)

Darius Laumenis in seinem Element

Hier wohnt und wirkt Darius Laumenis, dessen abstrakte Bilder an der Wand lehnen. Aber er malt nicht nur Bilder. "Ich sehe mich als Organisator, denn ich habe schon viele Festivals und internationale Sachen koordiniert", sagt der 36-jährige Künstler.

So organisiert er für diesen Sommer ein Künstlerfestival im Viertel. Die Pläne, Termine und Kostenvoranschläge hängen an der Wand. Nur sind bisher kaum Einladungen für das Festival verschickt worden. Doch das stört hier kaum jemanden. Denn Artikel 4 der Užupiser Verfassung besagt: "Jeder hat das Recht Fehler zu machen."

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