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Gedanken zur Woche

Vom Elend der Gottesferne

„Das gefährlichste Elend ist die Gottesferne“: Pater Eberhard von Gemmingen SJ stellt sich im Beitrag der katholischen Kirche den Worten von Papst Franziskus und der Frage nach fehlender Gottesnähe.

Papst Franziskus hat kurz vor Weihnachten gesagt: „Das gefährlichste Elend ist die Gottesferne“. Ich möchte versuchen, mit Ihnen über diesen Satz nachzudenken. Er sollte uns in der Fastenzeit begleiten.

Zunächst einmal darf man kritische Fragen an den Satz stellen: „Das gefährlichste Elend ist die Gottesferne“. Warum wird dies von den allermeisten Menschen in Mitteleuropa heute so nicht wahrgenommen? Sehr, sehr viele Menschen fühlen kein Elend, obwohl sie mit Gott offenbar kaum etwas zu tun haben, kaum mal an ihn denken, zu ihm beten. Vielleicht betet die Mehrheit der Deutschen sogar? Aber nur eine winzige Minderheit, meistens mit grauen Haaren, kommt sonntags zum Gebet zusammen. Evangelische Christen noch weniger als Katholiken. Sehr viele Menschen in Deutschland sind auch hilfsbereit gegen Flüchtlinge und sonstige Arme, tun ehrenamtlich Dienst, zahlen ihre Steuer, betrügen wenig im Vergleich zu anderen Gesellschaften, in denen viel gebetet wird.

Gefahr der Intoleranz?

Ist es im Grunde genommen eine Ideologie, zu behaupten „Das gefährlichste Elend ist die Gottesferne“? Kann das nur einer sagen, dem eingebläut wurde, dass er an Gott glauben und zu ihm beten muss? Ja – birgt nicht sogar Gottesglauben die Gefahr der Intoleranz in sich? Wer sein Leben fest macht in Gott, hält dies für unabdingbar für alle. Alle aber wollen nicht unter Druck kommen, sich auch von Gott abhängig zu machen. Es lebe die Freiheit. Ist denn der Glaube an Gott das Ende der Freiheit? Oder haben wir eine falsche Vorstellung von Freiheit? Bedeutet Freiheit, alles tun und lassen zu dürfen, was man mag?

Und was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Gott“ sprechen? Ich versuche eine kurze Antwort: Wenn wir „Gott“ sagen, dann weisen wir mit dem Wort auf etwas hin, was hinter und über der ganzen Welt ist. Ein Geheimnis, ein Mysterium. Wir wissen eigentlich von Gott gar nichts, denn wenn wir meinten, etwas über Gott zu wissen, dann ist es nicht Gott. Freilich muss man sagen: für Christen gilt das nicht mehr. Denn dieser Mann aus Nazareth, der sehr selbstbewusst und überzeugend aufgetreten ist, hat gelehrt, dieses Geheimnis Gott „Vater“ zu nennen. Man könnte ihm vorhalten: das kann ja jeder behaupten, dass dieses Geheimnis wie ein Vater ist. Aber dieser Jesus Christus war sehr glaubwürdig. Er ist für seine Ansichten in den Tod gegangen. Er hat nichts zurückgezogen, als er merkte, man will ihn aufhängen. Er ist zu dem gestanden, was er immer gepredigt hatte.

Gottesnähe birgt Gottvertrauen

Papst Franziskus meint also „Das gefährlichste Elend ist die Ferne zu diesem Vater und dass man ihn nicht kennt“. Franziskus meint damit, dass wir niemand haben, auf den wir absolut vertrauen können. Unser Leben ist ja manchmal ein Drama, es geht auf und ab, mit Konflikt und Streit. Wer an den Vater glaubt, bekommt dadurch einen Halt, um in Stürmen des Lebens standzuhalten. Und wenn man dieses Vertrauen in den Vater nicht hat, dann kann man manchmal an den Rand der Verzweiflung oder sogar des Selbstmordes kommen. Vor allem aber auch, um wirklich Großes zu leisten, ist es sehr gut, an diesen Vater zu glauben. Dann weiß man, dass er uns begleitet, dass er in schwierigen Lebenssituationen auch bei uns ist, dass er einen Plan für uns hat, dass er uns an der Hand hält. Franziskus weiß wohl genau, wovon er spricht, denn Provinzoberer der Jesuiten zur Zeit einer Diktatur zu sein, ist eine Hölle, Erzbischof in Argentinien zu sein unter den Kirchners, ist Fegefeuer. Papst zu werden ist eigentlich unerträglich. Er spricht aus Erfahrung: Ohne Gott geht das meiste sehr, sehr schwer, oder gar nicht. Mit Gott ist Unmögliches möglich.

Zitat: „Das gefährlichste Elend ist die Gottesferne“, Papst Franziskus, 20.12.2014, Radio Vatikan

Pater Eberhard von Gemmingen Radio Vatikan

P. Eberhard von Gemmingen SJ

Zum Autor: Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.

Redaktionelle Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte, und Alfred Herrmann

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