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Deutschland

Vom Bombodrom zum Naturparadies

Jahrzehntelang probte die Rote Armee im Norden Brandenburgs den heißen Krieg - im sogenannten Bombodrom. Künftig soll das Areal zivil genutzt werde. Doch das Gelände ist stark munitionsbelastet.

Standortkommandant Thomas Hering mit Militärschrott (Foto: DW)

Standortkommandant Thomas Hering mit Militärschrott

Kiefern auf Sandboden säumen die holprigen Feldwege, auf Warnschildern rechts und links steht "Betreten verboten". Thomas Hering, der Wittstocker Standortkommandant, fährt täglich mit dem Bundeswehr-Geländewagen durch das Bombodrom-Gelände. Im Boden wimmelt es nur so von Militärschrott aus dem Kalten Krieg. Der Oberstleutnant erspäht sofort einen gefährlichen Blindgänger am Wegesrand: "Sehen Sie? Das ist eine Granate, die ist angesetzt worden, aber nicht explodiert!" Hering leitet ein Team von Munitionsentschärfern. Sie werden den Blindgänger nun genau untersuchen und, falls er eine Gefahr darstellt, bei der nächsten Räumungsaktion wegsprengen.

Blick aus dem Geländewagen im Norden des Bombodroms: Kiefern auf Sandboden, so weit das Auge reicht (Foto: DW)

Kiefern auf Sandboden, so weit das Auge reicht

Die Rote Armee testete hier jahrzehntelang fast ihr gesamtes Waffen- und Bombenarsenal. Schätzungsweise 1,5 Millionen Kampfmittel stecken in der Erde. Schon jetzt steht fest: Ihre komplette Räumung wird nicht zu finanzieren sein. Die am schwersten belasteten Gebiete werden künftig sich selbst überlassen. Obwohl es streng verboten ist, durchstreifen immer wieder Pilz- oder Schrottsammler die Wildnis. Noch ist niemand zu Schaden gekommen. Die Bundeswehr beschäftigt einen Sicherheitsdienst, der alle paar Wochen einen erschöpften Wanderer aufgreift. Für die Zeit nach ihrem Abzug im Herbst 2011 hat die Bundeswehr deshalb Wegweiser angebracht. Rote oder weiße Fähnchen stecken da und dort zwischen den Kiefern in der Erde. "Rot bedeutet eine Gefahrenzone, und der weiße Pfeil zeigt in die Richtung, wo verirrte Spaziergänger wieder gefahrlos herausfinden", erklärt Thomas Hering.

Geschützte Heidelandschaft

Große Teile des Bombodroms bestehen aus der seltenen dunkelrot blühenden Calluna-Heide. Damit sie nicht von Kiefern überwuchert wird, grast in einem wenig munitionsbelasteten Teil eine große Herde Heidschnucken. Die geschützte Schafsrasse ist wichtig für die Landschaftspflege, erklärt Förster Christoph Licht: "Mit der Schafbeweidung gelingt es uns, die Wiederbewaldung zumindest zu verlangsamen. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Offenhaltung dieser Heidelandschaft."

Christoph Licht (Foto: DW)

Für den Förster Christoph Licht ist das Bombodrom ein Traumrevier

Die Schafherde muss nachts in ein Gatter mit Elektrozaun. Denn seit einigen Jahren streifen Wölfe auf dem Gelände. Es ist nicht die einzige seltene Tierart, die sich angesiedelt hat. Auch Seeadler, Kraniche, Sumpfohreulen oder Heidelerchen sind hier inzwischen beheimatet. Der Bund will das Gelände daher zum Nationalen Naturerbe erklären. Die brandenburgische Umweltministerin Anita Tack von den Linken protestiert. Sie möchte die Fläche gerne für die Gewinnung regenerativer Energien nutzen. Doch in einem Naturerbe-Gebiet sind 30 Meter hohe Windräder nicht erlaubt. Anita Tack wirbt dennoch für ihre Idee bei Bundesumweltminister Norbert Röttgen: "Ein gutes Konzept wäre, mit den Gewinnen der erneuerbaren Energien die Altlasten zu sanieren. Windkraft ist in einem Naturerbe-Gebiet ausgeschlossen", sagt sie. "Machbar ist vielleicht, dass auf versiegelten Flächen, wo Kasernen und Panzer standen, Solarenergie produziert wird." Anita Tack hofft auf einen Kompromiss. Der größte Teil des Geländes bliebe Naturerbe, daneben könnten aber Randgebiete wirtschaftlich und touristisch genutzt werden.

Gemischte Nutzung

Eigentlich hätte die Bundeswehr das 12.000 Hektar große Gelände weiterhin als Luftbodenschießplatz genutzt. Doch Proteste und zahlreiche Klagen von Anwohnern konnten dies verhindern; seit April 2010 steht fest, dass das Areal zivil genutzt werden soll. Unter den Gegnern der Bundeswehr-Nutzung war auch Christian Gilde – 17 Jahre lang hat er sich engagiert. Heute leitet der 65-Jährige die kommunale Arbeitsgemeinschaft, die sich mit der Zukunft des Bombodroms beschäftigt. Christian Gilde wünscht sich Heide-Erlebnisse wie Kutschfahrten und dazu ein bisschen politische Bildung - das Bombodrom als Mahnmal des Kalten Krieges: "Wir müssen die Geschichte auch nachvollziehbar machen. Wir wollen zeigen, wie da Krieg gespielt wurde und was die Protestbewegung schließlich erreicht hat."

Heidschnucken-Herde (Foto: DW)

Heidschnucken sind für die Landschaftspflege wichtig

Vorbild für die Überlegungen ist ein früherer Truppenübungsplatz bei Stuttgart-Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Mehr als hundert Jahre wurde das 6700 Hektar große Gebiet militärisch genutzt. Heute gibt es dort ein 45 Kilometer langes Wanderwegenetz und ein Biosphärenreservat, das jedes Jahr mehr Besucher anzieht.

Doch bis die ersten Touristen durch das Brandenburger Bombodrom spazieren, dürften noch Jahre vergehen. Wanderwege müssen metertief geräumt und ein ausgeklügeltes Brandschutzkonzept installiert werden. Die verbliebenen Bewohner der Straßendörfer am Rand des früheren Truppenübungsplatzes hoffen, dass eines Tages gestresste Großstädter zur Erholung hierher kommen. "Die ganzen Berliner könnten hier Radwege nutzen, nichts ist schöner als die Natur", erklärt eine Landwirtin aus Gadow optimistisch. "Klar, ist noch etwas Munition im Boden", räumt sie ein. Aber die Wanderer müssten eben auf den vorgeschriebenen Wegen bleiben.

Autor: Claudia Hennen

Redaktion: Dеnnis Stutе

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