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Kultur

Vom Blog zum Buch: Geheimes Berlin

Verlassene Orte, verfallende Gebäude, verrottende Parkanlagen: Von solchen Plätzen geht eine morbide Faszination aus. Die hat auch einen Berliner Blogger erfasst und zu einem ungewöhnlichen Reiseführer inspiriert.

Von den einst bunten Fahrgeschäften des alten Berliner Vergnügungsparks

"Spreepark"

blättert die Farbe ab. Die Gerüste sind mit Rost überzogen, die alte Wildwasserbahn hat Moos angesetzt. Auf dem Gelände verstreut liegen die Überreste von Dinosaurier-Atrappen, über allem ragt das alte Riesenrad auf. Eine fast postapokalyptische Landschaft ist hier entstanden, schaurig-schön, abstoßend und anziehend zugleich.

Der einzige Freizeitpark der früheren DDR wurde nach der Wende zwar weitergeführt, machte aber immer mehr Verluste und wurde 2001 schließlich aufgegeben. Das riesige Gelände harrt eines ungewissen Schicksals - wie viele andere "verlassene Orte" in und um Berlin.

Als der Ire Ciarán Fahey den Spreepark 2009 entdeckte, war er sofort Feuer und Flamme: "Ich habe meinen Augen nicht getraut. Ich war einfach so begeistert, dass ich darüber schreiben musste", sagt er.

Unter den Pseudonymen "Spudnik Ó Fathaigh" oder "Der Irische Berliner" begann der in Berlin wohnende Sportjournalist einen Blog über seine Entdeckungen verlassener Gebäude und Plätze zu schreiben. Der Titel:

"Abandoned Berlin"

(Verlassenes Berlin). Er stellt darin über 40 dieser vergessenen Orte vor, vom Honecker-Bunker bis zu Saddam Husseins verlassener Botschaft.

Verlassene Orte von Ciarán Fahey: eine alte Schreibmaschine aus der irakischen Botschaft

Überbleibsel aus der irakischen Botschaft, die 1991 geschlossen wurde

Erst wenn es verboten ist, ist es richtig lustig

Viele Orte, die Fahey beschreibt, klingen nach Gänsehautfaktor: alte Krankenhäuser, Sanatorien, Schwimmbäder oder eine verlassene Chemiefabrik. Der besondere Kick liegt darin, dass man diese Gebäude eigentlich nicht betreten darf. Doch das macht die Sache erst richtig spannend.

Fahey ist ein talentierter Geschichtenerzähler: In jeder seiner Stories vermittelt er glaubhaft die Aufregung, die er verspürt, wenn er einen Ort ohne eine Menschenseele weit und breit, aber mit einer langen Geschichte entdeckt. Seine Fantasie macht diese Orte wieder lebendig und lässt den Leser leicht erschauern: Das Kichern, das er in dem verlassenen Vergnügungspark hört, muss von dem Geist eines verrückten Clowns stammen. In einem Bunker aus den Zeiten des Kalten Krieges befürchtet er, über einen versteckten Auslöser zu stolpern und damit Atomraketen in den Himmel zu schicken. Während er ein verlassenes Militärcamp der Sowjets durchstreift, glaubt er für einen Moment, über den leblosen Körper eines Soldaten zu stolpern.

Doch der Autor schreibt nicht nur über den Kick, diese verbotenen Orte zu betreten. Er erzählt auch von den vielen Geschichten, die diese Plätze umgeben. Schon allein der Spreepark bietet eine Fülle an skurrilen Anekdoten, unter anderem die über den Parkdirektor, der 181 Kilo Kokain in einem Fahrgeschäft mit dem Namen "Fliegender Teppich" schmuggeln wollte.

Riesenrad und Tretboot im Berliner Spreepark

Immer noch treiben Tretboote auf den Teichanlagen des Spreeparks

Weltweite Popularität

Mittlerweile lesen Zehntausende Faheys Blog und teilen seine Beiträge in den sozialen Netzwerken. Die britische Tageszeitung "The Guardian" setzte ihn auf die Liste der weltweit besten City-Blogs. "Ich bin selbst überrascht, dass so viele Leute ihn mögen. Ich schätze mal, weil für jeden etwas dabei ist", sagt Fahey. Der "Irish Berliner" erzählt nicht nur Geschichten, er gibt auch praktische Tipps für Leser, die gerne einmal selbst Berlin besuchen würden. Selbst Leser aus China sagen, dass sie wegen seines Blogs nach Berlin kommen möchten.

Nicht allen gefällt diese Aufmerksamkeit. Denn eigentlich sollen diese Orte geheimbleiben. "Es ist eine Art Tabu. Die Leute, die die geheimen Orte kennen, wollen nicht, dass zu viele davon erfahren. Sie regen sich darüber auf, wenn du ihre Geheimnisse verrätst", sagt Fahey.

Den Kick gibt's nicht mehr umsonst

Früher konnten abenteuerlustige Leute noch allein an diesen Orten umherstreifen oder heimlich Partys feiern. Das hat sich mit der steigenden Popularität geändert. Die meisten dieser Plätze haben immer noch Besitzer, die eine Chance wittern, aus den Ruinen noch Kapital zu schlagen. "Wenn sie merken, dass plötzlich alle diese Leute kommen, wollen sie damit Geld verdienen. Sie engagieren Sicherheitsleute, verlangen Eintritt und bieten kostenpflichtige Führungen an", sagt Fahey. Mit den zwei beliebtesten der verlassenen Orte ist das bereits passiert: dem Spreepark und der ehemaligen streng geheimen US-Abhörstation auf dem Teufelsberg.

Ehemalige Abhöranlage auf dem Berliner Teufelsberg

Die Sprayer waren auch schon da: die alte NSA-Abhöranlage auf dem Teufelsberg

Auch wenn Faheys Blog wahrscheinlich zur eher unwillkommenen Popularität dieser Orte beigetragen hat und er dafür Kritik einstecken musste, nutzen die Leute seine Seite doch, um sich untereinander Tipps zu geben und sich über den aktuellen Zustand der Orte auf dem Laufenden zu halten. So gibt es allein auf der Seite zum Teufelsberg 150 Kommentare, zurück bis ins Jahr 2010. Fahey antwortet darauf und dankt seinen Usern regelmäßig für die Updates.

Vom Netz ins Bücherregal

Der Erfolg von Faheys Blog blieb auch den Mitarbeitern des be.bra-Verlags nicht verborgen. Selbst große Fans des Blogs, nahmen sie Kontakt zu Fahey auf, um über ein Buchprojekt zum Blog zu sprechen. Das Ergebnis ist ein zweisprachiger Fotoband mit dem Titel "Verlassene Orte/Abandoned Berlin".

Buchcover Verlassene Orte von Ciarán Fahey

Das Buch will Erinnerungen bewahren - in zwei Sprachen

Obwohl Verlag und Autor von Anfang an wussten, dass sie sich mit der Veröffentlichung in einer rechtlichen Grauzone befinden würden - das Betreten der meisten der beschriebenen Orte ist nach wie vor verboten -, wollten sie dieses Buch machen. Sie wollten die Vergänglichkeit dieser Plätze in den Vordergrund stellen: "Diese Orte werden über kurz oder lang verschwinden", sagt Lektor und Programmleiter Robert Zagolla und fügt hinzu: "Allerdings weisen wir darauf hin, dass dieses Buch nicht für Nachahmer geeignet ist und geben auch keine Anleitungen dafür, wie man Löcher in Zäune scheiden kann oder Ähnliches."

Im Gegensatz zur immer wieder aktualisierten Webseite gibt das Buch eher einen liebevollen Blick auf die Geschichte Berlins wieder. Ciarán Faheys Texte und Fotografien dokumentieren und bewahren die Relikte einer geheimnisvollen, fast vergessenen Welt zwischen früher und heute. Das Buch ist ab sofort im Handel und kostet 22 Euro.

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