1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

"Vom Blick auf die Erde kann man nie genug kriegen"

Als erster Bundesbürger flog Ulf Merbold vor 25 Jahren an Bord der Raumfähre "Columbia" ins All. DW-WORLD hat mit dem pensionierten Astronauten gesprochen.

Ulf Merbold (Quelle: dpa)

Dreimal Weltall und zurück: Der ehemalige Astronaut Ulf Merbold

DW-WORLD.DE: Herr Merbold, 25 Jahre ist es nun her, dass Sie ins All geflogen sind. Gibt es eine Party?

Ulf Merbold: Es gibt sogar zwei Partys. Am Wochenende wird es in Bremen eine Feier geben. Am 6. Dezember holen wir bei der Europäischen Weltraumbehörde ESA alle damals beteiligten Wissenschaftler zusammen, zum Gedenken an den Flug.

Sie waren nicht nur einmal im All, sondern drei Mal. War die erste Reise die aufregendste?

Für mich war die erste die spannendste Reise. Das liegt natürlich zum einen daran, dass es die Premiere war, aber auch daran, dass das wissenschaftliche Programm dieses Flugs besonders faszinierend und farbig war. Die ESA hatte nämlich ganz gezielt Experimente aus verschiedenen Disziplinen ausgewählt: Atmosphärenphysik, Erdbeobachtung, Materialforschung und Medizin.

Ans Astronauten-Essen haben Sie sich schnell gewöhnt? Es hat ja einen furchtbaren Ruf.

Darüber wird viel Falsches erzählt. Natürlich gibt es dort oben keine frischen Salate, aber so schlecht ist es eigentlich nicht. Man kann das schon mal zehn Tage essen, ohne daran Schaden zu nehmen.

Was ist Ihnen bei allen Reisen am meisten im Gedächtnis geblieben?

Am nachhaltigsten ist tatsächlich der Blick auf die Erde, davon kann man eigentlich nie genug kriegen. Wenn schönes Wetter ist, sehen die Astronauten die Strukturen der Landschaften in allen Einzelheiten: Die Küstenlinien, die Täler der Alpen. Hinzu kommt die Erfahrung, in 90 Minuten die Erde umrunden zu können. Das verändert auch die Wahrnehmung der Erde. Plötzlich ist die Erde nicht mehr der unvorstellbar große Himmelskörper, der unzerstörbar ist. Man betrachtet die Erde vielmehr als ein Raumschiff für alle, die hier leben.

Erinnert ein bisschen an den Schlager "Über den Wolken". Sind denn die Sorgen da oben tatsächlich kleiner?

Manche Dinge werden dort schon etwas albern. Aber die meisten meiner Kollegen würden sicher sagen, dass die Lebensqualität auf der Erde am besten ist - deshalb müssen wir uns um die Probleme hier unten kümmern.

Was hat Ihr Einsatz im All auf der Erde bewirkt?

Wir haben zum Beispiel an Siliziumkristallen geforscht. Die Ergebnisse sind heute wichtig für die Halbleiter-Industrie. Einige Instrumente, die wir für die Weltraumtechnik entwickelt haben, werden heute in der Medizin eingesetzt, zum Beispiel um den Augeninnendruck zu messen. Das ist interessant für Menschen mit Grauem Star.

Aber die wichtigsten Dinge für die Erde sind nicht die technischen Errungenschaften, sondern die Erkenntnis, dass wir bei mittlerweile sechs Milliarden Erdenbürgern doch mehr dafür tun sollten, diesen Erdball zu beschützen und die Natur zu bewahren. Damit unsere Nachfahren ähnlich gute Bedingungen haben wie wir heute.

Während Ihrer Zeit als Astronaut gab es für die Raumfahrt auch Rückschläge - unter anderem die Explosion der Raumfähre "Challenger". Hat Sie das abgeschreckt?

Es hat mir sehr zu denken gegeben, insbesondere weil ich jeden kannte, der damals mit seinem Leben für diesen Versuch bezahlt hat. Es wäre aber falsch gewesen, mit der Raumfahrt aufzuhören - dann hätte sich der hohe Preis ja überhaupt nicht gelohnt.

Sie waren zwar der erste Bundesbürger, der ins All geflogen ist, aber Sigmund Jähn aus der DDR war schneller: Schon fünf Jahre vor Ihnen reiste er als erster Deutscher im Weltraum. Sie wuchsen beide im Vogtland auf, nur ungefähr 40 Kilometer voneinander entfernt. Gehen Sie denn heute mit Jähn ab und zu ein Bier trinken?

Ich habe Sigmund geholfen, in der westlichen Raumfahrt Fuß zu fassen, als er sich nach dem Mauerfall im politischen Nirwana wiederfand. Wenn wir uns begegnen, das passiert jedes Jahr mehrfach, trinken wir meist nicht nur ein Bier zusammen, sondern oft auch ein paar mehr.

Sie sind in diesem Jahr 67 Jahre alt geworden, da könnten Sie sich eigentlich zur Ruhe setzen. Aber bisher ist von Rentnerdasein noch keine Spur, oder?

Ich bin von der ESA als Astronaut in Rente geschickt. Aber ich arbeite dort noch als Fluglehrer für andere Astronauten. Außerdem habe ich etliche Ehrenämter übernommen. Für wohltätige Zwecke bin ich soviel unterwegs, dass ich langsam denke, ich könnte das ein bisschen zurückfahren. Schließlich will ich noch ein paar Dinge realisieren, die ich mir schon lange vorgenommen habe.

Zum Beispiel?

Ein paar Vorlesungen hören, nochmal in die Uni gehen und reisen. Als Astronaut ist man zwar ständig unterwegs, aber eben zu Trainingszwecken. Meist hat man dann keine Zeit, sich umzusehen.

Was glauben Sie, wird in der Raumfahrt innerhalb der nächsten 25 Jahre passieren?

Für die nächsten 25 Jahre kann ich das natürlich nicht exakt vorhersehen. Aber bis 2050 werden wir bestimmt erleben, wie sich die ersten Astronauten auf die Reise zum Mars machen und das Planetensystem mit bemannten Flügen erforschen.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema