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Deutschland

Vom Banker zum Bergpilger

Millionengehalt, Villa, Motoryacht: Rudolf Wötzel führte das Leben, von dem andere träumen. Bis Körper und Seele rebellierten. Lange vor der großen Finanzkrise stieg er aus und begab sich auf eine einzigartige Reise.

Alpenpanorama (Foto: Catrin Möderler)

Über die Berge zum wahren Ich

Tiefbrauner Teint, strahlendes Lächeln mit schneeweißen Zähnen, das wellige Haar mit der schicken weißen Locke über der Stirn präzise kurz geschnitten. Ein Banker, wie ihn Hollywood nicht schöner erfinden könnte. Vor Zuhörern spricht er über den Aufstieg. Allerdings trägt Rudolf Wötzel Jeans statt Maßanzug. Und seine Aufstiege finden nicht mehr in Vorstandsetagen, sondern im Hochgebirge statt. Von Salzburg bis Nizza hat er zu Fuß alle Hochgebirgskämme der Alpen überquert. Ein halbes Jahr lang war er unterwegs, fast 2000 km hat er zurückgelegt. Weit über hundert Gipfel hat er genommen, darunter über dreißig Viertausender.

Rudolf W�tzel wurde vom Banker zum Bergpilger (Foto: Catrin M�derler)

Vor seinem Ausstieg organisierte er Firmenfusionen und Übernahmen. Für die USB, die Deutsche Bank und Lehman Brothers, als die noch zur Top-Elite gehörten. Zu seiner Zeit herrschte Euphorie am Aktienmarkt, Kursverdopplung alle zwei Jahre war normale Zielvorgabe, 100-Stunden-Wochen. Für Top-Banker keine Seltenheit. Irgendwann streikten Körper und Seele. Lange vor der großen Finanzkrise kehrte Wötzel der Bankenwelt den Rücken. Und er wanderte, um sich selbst zu finden.

Ich habe das Gefühl, ich kann Menschen Mut machen

Seit seiner Alpenüberquerung im Jahr 2007 ist Rudolf Wötzel als Vortragsreisender unterwegs. Mehrmals die Woche berichtet er vor vollen Sälen von seinem radikalen Neubeginn. Er sagt: "Jetzt habe ich das Gefühl, ich kann die Menschen mitnehmen, ich kann denen was vermitteln, ich kann ihnen Mut machen. Und das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl."

Signierte Bücher von Rudolf Wötzel sind begehrt (Foto: Catrin M�derler)

Motivations-Coaching für Führungskräfte ist eines der neuen Tätigkeitsfelder, die Rudolf Wötzel nach seinem Abschied von der Finanzwelt für sich erschlossen hat. Anfang 2009 hat er ein Buch veröffentlicht. Über seine große Wanderung, sein Leben davor und seinen Neubeginn. Aus dem Stand landete er damit in den deutschen Bestseller-Listen. Finanziell blieb sein neues Leben somit ohne Einbußen. Als er mit 44 Jahren dem Bankenwesen den Rücken kehrte, war er sowieso längst finanziell unabhängig. Die Vorzüge seiner alten Welt leugnet er daher auch nicht. Er wirbt vielmehr um viel größeres Verantwortungsbewußtsein bei denen, die in der Welt der Wirtschaft und der Banken agieren. Um Krisen, global wie persönlich, möglichst gar nicht erst zuzulassen.

Ich hab's keine Sekunde bereut

Seine Umwelt nahm Rudolf Wötzel auf dem Höhepunkt seiner Bank-Karriere nach seinen Worten nur noch wie durch eine Milchglasscheibe wahr. Sein "Hannibal-Projekt", wie er seine Alpenüberquerung liebevoll nennt, öffnete ihm im wahrsten Sinne die Augen. Die körperlichen Beschwerden ließen nach, der Leistungsdruck fiel ab. Der Banker wurde zum Bergpilger. Er beschreibt: "Was der Schritt aus dieser Welt heraus zunächst einmal bewirkte, war, dass ich diese Fähigkeit, meine Sinne einzusetzen und auch zu genießen, wieder erlangt habe. Ich habe wieder gelernt, zu schmecken, zu riechen, zu sehen, innezuhalten, wahrzunehmen." Inzwischen lebt Rudolf Wötzel in der Nähe von Klosters in der Schweiz. Das Alpenland ist dem Münchner schon während seiner Tätigkeit für die Zürich-Niederlassung von Lehman Brothers zur zweiten Heimat geworden.

Die Bergwelt der Alpen - eine Inspiration zur Selbstfindung (Foto: Catrin M�derler)

Die Villa am Zürichsee hat er allerdings inzwischen gegen ein rustikales Chalet getauscht. Von seinem alten Leben vermisst er, wie er sagt, nichts. Vielmehr versichert er: "Ich hab's keine Sekunde bereut. Und ich hatte nie das Gefühl, hier einen falschen Schritt gemacht zu haben. Im Gegenteil, die Unsicherheit war eher vor dem Schritt, danach habe ich eigentlich permanent nur Bestätigung dafür bekommen, dass es das Richtige war. "

Bündner Gerstensuppe statt Blackberry

Ab Frühjahr 2010 stellt sich Rudolf Wötzel einer neuen Herausforderung. Diesmal als Gastronom. Unweit seines neuen Wohnortes, fast 2000 Meter hoch in den Schweizer Alpen, übernimmt er das "Berghaus Gemsli". Eine Herberge mit Gasthaus für Bergwanderer. Gut vorbereitet ist er jedenfalls schon. Denn, wie er sagt, kann er nicht nur Schnitzel machen, sondern inzwischen sogar Bündner Gerstensuppe für dreißig Leute kochen.

Gründlich und leistungsorientert ist Rudolf Wötzel eben auch in seinem neuen Leben. Das zweite Buch ist übrigens auch schon in Arbeit. Dynamik fast wie in Bankenzeiten. Nur, dass sie nicht mehr schadet, sondern gut tut.

Autorin: Catrin Möderler
Redaktion: Hartmut Lüning