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Kultur

Vom Bahnhof zum Musentempel

Ein Jugendstil-Bahnhof, ein Museum voller Kunst, eine bezaubernde Landschaft, ein Musikfestival: Das sind die Zutaten für sommerlichen Kulturgenuss in Rolandseck am Rhein südlich von Bonn.

Guy Braunstein probt mit anderen Musikern im Festsaal des Bahnhofs Rolandseck

Probe im noblen Ambiente

Wer sich in diesen Sommertagen dem Arp-Museum nähert, wird Ungewöhnliches wahrnehmen: Im Park geht ein Mann in Shorts umher und übt Tonleitern auf einem Horn. Aus der Bibliothek erklingen Geigentöne. Auf der Terrasse sitzt ein Musiker mit einem Computer und Stapeln von Notenpapier. Und irgendwo in den Tiefen des Gebäudes probt ein Ensemble mit verschiedenen Instrumenten. Die Kunst, die in diesem Museum zu Hause ist, hat sich in Musik verpackt. Es ist wieder Festivalzeit in Rolandseck - intensive Tage auch für Guy Braunstein, den künstlerischen Leiter: "Wir proben 14 Stunden am Tag, abends dann Konzert, das ist anstrengend, aber es macht eben auch einen Riesenspaß, und so tanken wir hier Energie für die ganze Saison danach", sagt er.

Rolandseck Arp Museum

Kunstidyll mit Rheinblick: Bahnhof Rolandseck und Arp-Museum

Musik liebende Sommergäste...

Nach Rolandseck kommt vor allem Stammpublikum. Es soll darunter Leute geben, die ihren Urlaub so planen, dass sie erst verreisen, wenn das Festival vorbei ist. Die Atmosphäre ist familiär, vor den Konzerten herrscht großes Hallo, und viele Besucher kennen "ihre" Musiker schon seit Jahren. Guy Braunstein erzählt, dass er hier fast aufgewachsen ist. Als Zwölfjähriger kam er zum ersten Mal – heute ist er 39 und schon seit zehn Jahren Erster Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern. Die lockere Atmosphäre in Rolandseck schätzt er immer noch. Trotzdem gilt für ihn nur ein Maßstab: die künstlerische Qualität. "Wir machen da überhaupt keine Kompromisse".

Meisterkurs mit Chaim Taub beim letztjährigen Festival von Giovanni Ausserhofer

Der Meister und seine Schüler: Workshop mit Chaim Taub

... Musiker aus aller Welt

Die Musiker, die hier mit Guy Braunstein auftreten, stammen aus den verschiedensten Ländern, vorzugsweise des Nahen Ostens, aber auch aus Frankreich, Brasilien oder natürlich Deutschland. Viele junge Leute sind darunter, die zusätzlich an einem Workshop teilnehmen. Auf dem Programm steht traditionell Kammermusik in den unterschiedlichsten Variationen, Klassisches und Modernes, manchmal auch witzige Bearbeitungen. "Wir spielen Stücke für Besetzungen, die man nur hier, nur zu dieser Zeit hören kann", sagt Braunstein. Und manchmal wird auch extra für das Festival komponiert – Uraufführung ist dann im Festsaal oder im Museum. Im heißen Sommer 2010 ist der wunderschöne, aber unklimatisierte Saal freilich weniger gefragt. Musiziert wird bei angenehmer Kühle auf einer Bühne vor zeitgenössischen Gemälden – ein Ambiente, das die unterschiedlichen Künste aufs Schönste verbindet.

Guy Braunstein mit der Pianistin Elena Baschkirowa und der Cellistin Sol Gabetta

Trio: Guy Braunstein, Elena Baschkirowa, Sol Gabetta

...dazu Dichter, Denker, Diplomaten

Der Bahnhof in Rolandseck war schon immer beliebtes Ausflugsziel und kultureller Treffpunkt. "Rheinisches Nizza" nannte man den Flecken. Im 19. Jahrhundert reisten hier Industrielle aus Köln mit Familien und Bediensteten an, um in den umliegenden Villen ihre Sommerfrische zu verbringen. Königin Viktoria von England ließ sich sehen, Kaiser Wilhelm II. – aber zu allen Zeiten auch Dichter und Denker: Von den Märchen sammelnden Gebrüdern Grimm bis zu Martin Walser, von Friedrich Nietzsche bis zum Dalai Lama. Johannes Brahms konzertierte hier, und dann kamen die Granden des Konzertbetriebs im 20. Jahrhundert, unter ihnen die Pianistin Martha Argerich und die Geiger Yehudi Menuhin und Pinchas Zukerman. Immer auch Maler und Künstler. Und die politische Prominenz – Kanzler, Minister und Ministerpräsidenten, Michail Gorbatschow erschien zur Einweihung einer Ausstellung russischer Kunst. Dichter dichteten, Maler malten, Literaten lasen. Es gab, vor allem in den 1960er Jahren, spektakuläre Feste und rauschende Partys, man tanzte buchstäblich auf den Tischen. Seit gut einem halben Jahrhundert werden Konzerte veranstaltet – nicht immer war es so bequem wie heute. Früher probte man aus Platzmangel gelegentlich sogar auf den Toiletten und im Treppenhaus.

...die Mischung macht's: Gesamtkunstwerk!

Und immer fuhren auch Züge. Noch heute rumpelt ein Regionalexpress durch den Bahnhof und kümmert sich nicht darum, ob gerade Konzert ist oder nicht. Erreichen kann man Rolandseck inzwischen mit allen Verkehrsmitteln, mit der Rheinfähre, per Rad, Auto, Bus – und sogar mit dem Hubschrauber, für den es eigens einen Landeplatz gibt. Viele haben sich im Laufe der Zeit für Restaurierung und Erhalt des Baudenkmals eingesetzt, Stillstand und Rückschläge erleben müssen – neuen Schwung gab es mit der Eröffnung des Arp-Museums und dem spektakulären Neubau des Architekten Richard Meier. Zur Einweihung 2007 kam Kanzlerin Angela Merkel.

Blick auf den Neubau des Arp-Museums

Moderne am Hang: das Arp-Museum

Inzwischen ist "der Bahnhof" ein Gesamtkunstwerk, eine kulturelle Landmarke in der Obhut einer Stiftung, ein Ort für interessante Ausstellungsprojekte, Lesungen und Konzerte. Ein wenig gesitteter als in den wilden Sechzigern geht es dabei schon zu! Museumsdirektor Oliver Kornhoff findet seinen Arbeitsplatz mit zauberhaftem Rheinblick umwerfend: "Wir knüpfen an eine reiche Tradition an und bringen hier die Künste in einen fruchtbaren Dialog. Das ist ein Ort der Begegnung im besten Sinne." Festivalleiter Guy Braunstein formuliert es so: "Das ist das Schöne: Wir sind hier mittendrin in der Kunst."

Autorin: Cornelia Rabitz
Redaktion: Aya Bach

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