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Bildung

Vom Ärzte-Latein zum Patienten-Deutsch

Der Arztbrief und das Röntgenbild sind für viele deutsche Patienten ein Buch mit sieben Siegeln. Damit jeder seine Diagnose versteht, haben Studenten aus Dresden im Internet ein kostenloses Portal gegründet.

Die Dresdner Studenten Anja Kersten, Johannes Bittner und Ansgar Jonietz, die das Internetportal 'washabich.de' gegründet haben. Der Onlinedienst übersetzt ärztliche Befunde in verständliches Deutsch (Foto: Amac Garbe. Copyright: washabich.de)

Anja Kersten, Johannes Bittner und Ansgar Jonietz

In diesem Wartezimmer gibt es keine Stühle und auch keine Zeitschriften. Dennoch warten dort regelmäßig rund 300 Patienten zwei Wochen lang auf einen Mediziner, der ihre Sprache spricht. Auch in der virtuellen Praxis "washabich.de" müssen die Patienten also Geduld haben. Doch das nehmen die meisten gerne in Kauf. Schließlich können sie darauf hoffen, bald genau zu verstehen, was ihnen medizinisch fehlt. Zum Beispiel, wenn es sich um eine "mäßig lumbosacral betonte Spondylathrose" handelt.

 "In unserem Internetportal übersetzen wir ärztliche Befunde, die meistens von lateinischen Fachbegriffen nur so wimmeln, in verständliches Deutsch", erklärt der Dresdner Medizinstudent Johannes Bittner. Weil das Umformulieren der Diagnose oft die zwei- bis dreifache Länge hat, sitzen er und seine Kommilitonen mindestens drei Stunden an einem Befund. Aus der "mäßig lumbosacral betonten Spondylathrose" wird dann der "mäßige Gelenkverschleiß der Wirbelkörper im Bereich des Kreuzbeins und der Lendenwirbelsäule."

Rasant gestiegene Nachfrage

Radiologische Aufnahmen in einem Krankhausraum (Foto: Arria Belli)

Ein Buch mit sieben Siegeln ...

Seit einem Jahr bietet Johannes Bittner zusammen mit seiner Dresdner Kommilitonin Anja Kersten und dem Informatikstudenten Ansgar Jonietz den kostenlosen Service für Patienten an. Das Team selbst kommt inzwischen nicht mehr zum Übersetzen, sondern koordiniert die vielen Patientenanfragen und Übersetzereinsätze von mittlerweile 323 Medizinstudenten aus 36 Fakultäten deutscher Hochschulen. Mehr als 4000 Befunde haben die Studenten im vergangenen Jahr in verständliches Deutsch übertragen, rund 150 pro Woche.

"Ich bin selbst erstaunt, wie rasant sich unser Portal entwickelt hat", meint Johannes Bittner. Die Idee des medizinischen Dolmetscherdienstes kam dem 27-jährigen Studenten, als Kommilitonin Anja Kersten von einer Freundin erzählte, die sie um die Umformulierung eines Krebsbefundes ihrer Mutter gebeten hatte. "Da haben wir überlegt, wie man Menschen helfen kann, die keinen Mediziner in ihrem Umfeld haben." Gemeinsam mit seinem Freund Ansgar Jonietz stellte Bittner einen ersten Prototypen von "washabich.de" ins Netz und war erstaunt, dass er keine zwei Stunden später bereits die erste Anfrage auf dem Computer hatte.

Ziel ist der mündige Patient

Schnell stellten Bittner und Kersten fest, dass sie die vielen Befunde nicht alleine übersetzen konnten und baten andere Kommilitonen um Hilfe. "Wir haben keine Probleme, dafür Medizinstudenten zu finden", sagt Bittner. "Die meisten machen es gerne, weil sie dabei viel für ihr Studium lernen." Patienten auf Augenhöhe zu behandeln und ihnen die Diagnose behutsam, aber vor allem gut verständlich zu erklären, sei den meisten Medizinstudenten heute wichtig. "Wir sind eine Ärztegeneration, die den mündigen Patienten möchte", erklärt Bittner.

Ein Arzt und eine Patientin besprechen vor dem Computer die Diagnose (Foto: dpa)

Gespräch auf Augenhöhe

Während deutsche Patienten begeistert auf den neuen Service reagierten, war die Landesärztekammer zunächst kritisch. "Es gab die Befürchtung, dass wir Befunde falsch übersetzen und auch Therapievorschläge machen", erzählt der Dresdner Medizinstudent. Also erarbeitete das Team mit der Landesärztekammer bestimmte Leitlinien. So dürfen nur Medizinstudenten ab dem 8. Fachsemester die Befunde übersetzen. 57 Ärzte und zwei Psychologen stehen "washabich.de" zur Seite, um bei schwierigeren Diagnosen zu helfen. Auf eine Therapieempfehlung wird grundsätzlich verzichtet, auch wenn Patienten danach fragen.

Kein Ersatz für den Arztbesuch

"Unser Portal ersetzt auf keinen Fall den Arztbesuch", betont Bittner. "Wir helfen dem Patienten nur dabei, seine Diagnose zu verstehen und deshalb besser mit seinem Arzt reden zu können." Die meisten Patienten geben den Studenten ein positives Feedback. Jeder dritte spendet sogar einen kleinen Beitrag, mit dem das Portal finanziert wird. "Auch viele Ärzte unterstützen unseren Service", sagt Bittner.

Mittlerweile kommen sogar ausländische Patienten ins virtuelle Wartezimmer. Ihnen können die Studenten noch nicht helfen. "Wir würden unseren Service gerne ausweiten und auch fremdsprachige Diagnosen übersetzen", meint Bittner. Doch das muss zunächst Zukunftsmusik bleiben. "Schon jetzt ist das Portal für mich fast zum Vollzeitjob geworden", erzählt der 27-jährige Student. "Mehr schaffe ich neben meinem Studium einfach nicht."

Autorin: Sabine Damaschke
Redaktion: Gaby Reucher

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