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Sport

Vollkontakt voraus - Rugby in Deutschland

Deutschland ist zwar Fußball-Weltmeister, für die aktuelle Rugby-WM ist die Nationalmannschaft aber nicht qualifiziert. Dabei waren die Deutschen vor 1945 vorne mit dabei und da wollen Rugby-Fans sie auch wieder sehen.

"Die Leute sind immer ganz erstaunt, wenn ich ihnen erzähle, dass es Rugby in Deutschland schon seit 150 Jahren gibt", so Ian Rawcliffe, Brite und Präsident des Deutschen Rugby-Verbands (DRV) gegenüber der Deutschen Welle. Rawcliffe ist einer der Ehrengäste bei der Präsentation des offiziellen Rugby-WM-Pokal - der Webb Ellis Trophy - in Bonn.

Es ist schon ein besonderer Leckerbissen für Rugby-Fans, den berühmten Pokal, der im Vorfeld der WM im September und Oktober auf Welttournee ist, in Deutschland aus nächster Nähe betrachten zu können. Denn wer im Land der runden Bälle Rugby spielt oder verfolgt, muss schon mit viel Herzblut dabei sein.

Vor dem 2. Weltkrieg war Rugby noch beliebter, Deutschland "war unter den Top-Nationen", so Rawcliffe. Obwohl der Ligabetrieb schon 1954 wieder aufgenommen wurde, spielten immer weniger Leute mit dem Rugby-Ei.

Trotz der langen Tradition des ovalen Ballsports in Deutschland ist Rugby heute also eine absolute Randsportart. In den letzten Jahren ist zwar die Zahl der registrierten Spieler um die Hälfte angestiegen, aber "von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau", erklärt Rawcliffe.

Inzwischen gibt es 12.000 Mitglieder in 125 Vereinen. Wenn man das mit den fast 26.000 Fußballklubs in Deutschland vergleicht, kann man getrost von einem Nischensport sprechen.

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Kinder begeistern

Sean Armstrong, Kapitän der deutschen Herren-Nationalmannschaft, sieht das auch als Chance für den Nachwuchs. Anders als im Fußball - oder in seinem Rugby-verrückten Heimatland Australien - könne man "schon mit ein paar Jahren Training die Chance bekommen, auf Bundesliganiveau zu spielen und auch auf Nationalebene", sagte er im DW-Interview.

Damit das auch klappt, sollte man natürlich jung anfangen. Armstrong ist daher auch einer der Spieler und Spielerinnen, die mithilfe des DRV in deutschen Schulen für den Sport werben.

"Vor 20 Jahren wäre das noch unmöglich gewesen", erinnert sich Rawcliffe. Als er Präsident wurde, musste er Schulleitern noch erklären, warum Rugby nicht "zu brutal" ist und daher an Schulen auch nicht verboten sein sollte.

Steffen Liebig, der auch für die Nationalmannschaft spielt, muss auch heute noch oft Überzeugungsarbeit leisten, aber wenn die Leute dann mal zu einem Spiel mitkommen, fangen sie oft gleich Feuer. "Sie fragen dann oft: 'Warum ist der Sport hier nicht populärer, ist doch super."

Deutschland ist zur Zeit auf Platz 28 der Weltrangliste, weit abgeschlagen hinter den kontinentaleuropäischen Rugby-Größen Frankreich und Italien, aber auch weit hinter Rumänien und Georgien zum Beispiel. Sie alle sind für eines der weltweit größten Sportereignisse - die Rugby-WM - qualifiziert, Deutschland hat das noch nie geschafft.

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Frischer Wind aus Olympia

Obwohl zahlreiche Spiele der WM diesmal im deutschen Fernsehen übertragen werden sollen, tun sich viele Deutsche immer noch schwer, dem Spiel zu folgen. Tackeln sieht so anders aus als im Fußball, dazu gibt es noch so seltsam klingende Dinge wie Gedränge, Gassen und Rucks. Gekickt wird auch ab und zu, und es liegen ständig Leute scheinbar unkoordiniert übereinander.

"Da hat uns das 7er-Rugby sehr geholfen", sagt Rawcliffe vom DRV. Dabei stehen statt 15 nur sieben Spieler pro Mannschaft auf dem Spielfeld, das sowohl im 15er als auch im 7er-Rugby so groß wie ein Fußballfeld ist.

7er-Rugby ist sehr viel schneller, es gibt mehr Versuche - das Rugby-Äquivalent zum Tor - und es wird nur zweimal sieben Minuten gespielt. Außerdem gibt es weniger für manche chaotisch anmutende Rucks und Gedränge. Perfekt für Zuschauer also.

Da diese Version nächstes Jahr in Rio de Janeiro erstmals zur Olympischen Disziplin wird, gibt es auch mehr Fördergelder und Leistungszentren, auch für Frauen. Zur Zeit sind nur rund ein Viertel der Spieler in Deutschland weiblich. Viele spielen 7er-Rugby - Tendenz steigend.

"Es geht um Beweglichkeit, und man muss gut mit dem Ball umgehen können - es ist einfach ein schneller Sport, der sehr viel Spaß macht. Jede Frau oder Mädchen kann spielen - egal ob klein, groß, dünn oder dick", so Alysha Stone, Kapitänin des Frauen-Nationalteams. Stone spielt wie Armstrong und Liebig in Heidelberg, der Hochburg des deutschen Rugbys.

Rawcliffe kann dem nur zustimmen. Er glaubt, dass junge Deutsche "gut geeignet" sind für den Sport. Denn: "Wenn Sie einem Kind einen Ball geben, was macht es damit? Es nimmt den Ball in die Hand und läuft", sagt er. "Kommt dann noch ein anderes Kind hinzu, ringen beide um den Ball und schon hat man zwei angehende Rugby-Spieler", so Rawcliffe.

Außerdem geht es im Rugby auch um Disziplin: während Top-Fußballer ständig lautstark die Entscheidungen des Schiedsrichters anzweifeln, ist sowas im Rugby völlig verpönt. Wer zuviel lamentiert "fliegt vom Platz" erklärt Rawcliffe.

Wer weiß, das könnte doch so einige Eltern dazu bewegen, ihre Kinder mal zum Rugby-Training zu animieren. Oder zumindest das eine oder andere WM-Spiel zu Hause oder in der Kneipe zu gucken. Dort findet sich sicher ein Fan, der die Regeln erklären kann.