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Politik & Gesellschaft

Volkszählung - so arbeitet ein Interviewer

Welchen Beruf üben sie aus, welcher Religion gehören sie an? Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland müssen in diesen Tagen auch persönliche Fragen beantworten. Die Auswahl war zufällig, die Teilnahme ist Pflicht.

'Zensus 2011'-Fragebogen mit Lupe (Foto: dpa)

Deutschland im Fragenrausch

In Jeans und T-Shirt und mit einem braunen Umschlag unter dem Arm steht Jens Gerhardt pünktlich um 13.00 Uhr vor dem Haus von Susanne Karawek*. Die Personalchefin gehört zu den rund 63.000 Hamburgern, die in den kommenden Wochen an der Volkszählung 2011 teilnehmen müssen.

Interviewer Jens Gerhardt hat vor seiner Pensionierung 37 Jahre für das Statistische Landesamt gearbeitet, Zahlen sind seine Leidenschaft. Sein Auftreten ist das eines durch und durch korrekten und aufrechten Mitarbeiters. Freundlich zeigt er Susanne Karawek seinen Ausweis und bittet dann um einen Sitzplatz.

Fragen zu Religion und Religiosität

Die ersten Fragen drehen sich um persönliche Angaben zur Person: "Die werden jedoch sofort nach der Befragung von den anderen Daten getrennt", erklärt Interviewer Gerhardt, um jeden Zweifel an mangelndem Datenschutz aus dem Weg zu räumen. "Alles wird anonymisiert". Etwas irritiert ist seine Interviewpartnerin dennoch von den Fragen sieben und acht:

Interviewer Jens Gerhardt beim Ausfüllen des Fragebogens (Foto: Kathrin Erdmann)

Interviewer Jens Gerhardt fragt und trägt die Antworten in den Vordruck ein

Da wird nach der Religionszughörigkeit gefragt, in der folgenden geht es um die Weltanschauung. Susanne Karawek zieht die Augenbrauen hoch. Schon Frage sieben findet sie sehr persönlich, und auf Frage acht will sie gleich gar nicht antworten. Doch da hat sie Glück, denn die Frage nach der Weltanschauung ist die einzige der insgesamt 46, die nicht beantwortet werden muss - alle anderen sind verpflichtend. Wer sich verweigert, muss mit einem Bußgeld von bis zu 700 Euro rechnen.

Auf alle Gegenfragen vorbereitet

Jens Gerhardt insistiert nicht weiter, sondern wendet sich wieder dem Fragebogen zu. Aber auch die Angaben zum Beruf stoßen bei Susanne Karawek auf Misstrauen.

Jens Gerhardt während der Befragung (Foto: Kathrin Erdmann)

Während der Befragung

Warum der Staat das alles so genau wissen will, fragt sie nach. Für den ehrenamtlichen Helfer Gerhardt typische Fragen, die er wie gedruckt erläutern kann. "Wenn ich erst einmal alles richtig erklärt habe, dann verstehen die Menschen auch worum es geht, und das Misstrauen verschwindet", sagt er fast ein wenig stolz. Pro Woche führt er etwa 30 Interviews. Die zufällig ausgewählten Menschen für den Zensus müssen ihn nicht ins Haus lassen, aber verweigert habe sich bisher noch keiner.

Anders als damals

Manchmal kommt es vor, dass die Befragten nicht ausreichend Deutsch sprechen, um auf alle Fragen zu antworten. "Dann springen meistens die Kinder ein, aber zur Not hätte ich auch einen Übersetzer".

Gerhardt hat bereits mehrmals an Volkszählungen teilgenommen. Anders als heute wurde damals nicht nach dem Migrationshintergrund gefragt. "Offensichtlich will die Politik mehr darüber wissen, um möglicherweise bestimmte Programme auf den Weg zu bringen", mutmaßt der 66-Jährige.

Gereihtes Haus oder Reihenhaus

Dass am Ende der Volkszählung wirklich praktische Ergebnisse stehen, hofft Charlotte Drews-Bernstein. Sie beugt sich etwas ratlos über den vor ihr liegenden Fragebogen. Die 75 Jahre alte Freiberuflerin gehört zu den 17,5 Millionen Wohn- und Hauseigentümern, die selbständig einen Fragebogen zum Zensus ausfüllen müssen.

Ein Blick auf den Befragungsbogen (Foto: Kathrin Erdmann)

Manche Fragen sind knifflig

"Was um Himmels willen ist denn bloß ein gereihtes Haus?", fragt sie sich. Sollte damit vielleicht ein "Reihenhaus" gemeint sein?. Falls ja, warum steht das Wort dann nicht so in der Frage, meint sie kopfschüttelnd. Und ist ihr Haus jetzt freistehend und zählt schon zu einem Gewerbehaus, weil sich im Erdgeschoss Geschäfte befinden?

Sie kreuzt nach Gefühl an, wenn sie unsicher ist. Dann schickt sie den Bogen per Internet ab. Bedenken wegen des Datenschutzes hat sie aber nicht.

Bei Susanne Karawek ist das anders. Sie hat Sorge, dass ihre Daten in falsche Hände kommen könnten. Interviewer Gerhardt versichert eilig, dass Datenpannen wie jüngst bei Facebook oder bei Sony ausgeschlossen seien. Die gesamten Daten der Volkszählung würden auf einem externen Rechner gesammelt und dieser sei gar nicht mit dem Internet verbunden.

Nach der Erfassung der Daten wird dann ausgewertet, und die ersten Ergebnisse aus der Volkszählung 2011 sollen im Herbst 2012 vorliegen.

Autorin: Kathrin Erdmann
Redaktion: Hartmut Lüning

(*Der Name der Interviewten wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert.)

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