Volkswagen: ″Zurück in die Zukunft″ | Wirtschaft | DW | 13.04.2018
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Automobilbranche

Volkswagen: "Zurück in die Zukunft"

Der neue Chef muss den VW-Konzern verschlanken und zukunftsfähig machen, sagt der Autoexperte Frank Schwope im DW-Gespräch. Manche Beschlüsse des Aufsichtsrats erinnern aber an vergangene Zeiten.

Deutsche Welle: Der Aufsichtsrat von VW hat tiefgreifende Veränderungen für den Konzern beschlossen. Welche Entscheidungen haben Sie am meisten beeindruckt?

Frank Schwope: Grundsätzlich kam natürlich die Demission von Matthias Müller, die sich ja schon seit zwei, drei Tagen angekündigt hat, sehr, sehr überraschend. Was darüber hinaus auch noch etwas überraschend ist, ist der massive Umbau im Vorstand. Den hätte man vielleicht schon 2015 nach dem Dieselskandal beginnen können, jetzt findet er aber wirklich statt und soll das Unternehmen sicherlich zukunftsfähig machen.

Der neue Konzernchef Herbert Diess hat als gleichzeitiger Markenchef eine wesentlich größere Machtfülle erhalten als sein Vorgänger. Bringt diese Machtfülle wirklich Vorteile für das Unternehmen?

Frank Schwope (NordLB)

Autoanalyst Frank Schwope

Das kann man nicht wirklich sagen. Ein bisschen ist es natürlich so wie ein 'zurück in die Zukunft'. Das ist ja wie beim vorletzten Vorstandschef Martin Winterkorn, dass der Konzernchef auch der Markenchef der wichtigsten Marke ist. Es kann natürlich ein Vorteil sein, wenn man Dinge schnell durchsetzen will. Aber wenn man einen starken ersten Mann hat, kann das natürlich auch in die Hose gehen. Wenn sich beispielsweise niemand traut zu widersprechen, wie man es ja gesehen hat im Rahmen des Dieselskandals bei Herrn Winterkorn.

Künftig soll es drei Markengruppen, sechs Geschäftsfelder sowie die Region China bei VW geben. Ist das sinnvoll?

Das  gehört auch wieder in die Rubrik 'zurück in die Zukunft'. Markengruppen gab es schon einmal unter Bernd Pischetsrieder, dem Vorgänger von Herrn Winterkorn, damals etwas anders strukturiert. Das wurde zwar verkündet seinerzeit, aber nie richtig gelebt. Man hat auch nicht mehr viel davon gehört. Jetzt wurde das Modell etwas abgeändert wieder ausgegraben. Man weiß immer erst hinterher, ob es funktioniert. Aber einen Versuch ist es sicherlich allemal wert.

Meinen Sie, bei der Umstrukturierung handelt es sich zumindest zum Teil lediglich um Kosmetik?

Es ist sicherlich eine Art Kosmetik. Ein neuer Chef, neue Besen kehren gut. Ein neuer Chef muss natürlich etwas Neues machen. Er muss versuchen, diesen sehr komplexen Konzern unter Kontrolle zu bringen, dass nicht all zu viel aus dem Ruder läuft. Mit zwölf Marken ist das natürlich sehr umfangreich. Und da ist es  schon geboten, diese Marken zu bündeln. Ob das funktioniert, weiß man natürlich erst hinterher.

Und welche Aufgaben soll der neue Konzernchef aus Sicht der Aktionäre zuerst angehen?

Es gibt sehr viele Randbereiche, von denen man sich trennen könnte. Das ist zum Beispiel Ducati, die Motorradmarke, die schon mal in der Diskussion war. Aber auch die Dieselmotorensparte von MAN. Es gibt sicherlich noch sehr viel mehr Bereiche. Eigentlich geht es darum, den Konzern zukunftsfähig zu machen, zu verschlanken. Und es geht natürlich darum, ihn hin zu neuen Technologien zu führen: Elektromobilität und autonomes Fahren sind einfach die wichtigsten Zukunftsthemen.

Welche Rolle werden geplante Börsengänge spielen?

Es wird ja diskutiert die Marken MAN und Scania gebündelt an die Börse zu bringen. Wobei es für mich eigentlich noch zu früh ist. MAN und Scania sind zwei LKW-Hersteller, die noch keine Modulstrategie haben, wie die PKW-Marken bei Volkswagen. Da ist es sicherlich geboten, erstmal dafür die Voraussetzungen zu schaffen, sprich: Gleiche Motoren, gleiche Getriebe, gleiche Achsen für MAN und Scania und möglicherweise auch für die VW-Trucks in Südamerika. Und dann kann man immer noch einen Börsengang in Angriff nehmen. Ansonsten würde man, meiner Meinung nach, Aktionärsvermögen verschleudern oder verschenken, weil man sicherlich hohe Abschläge hinnehmen müsste, so lange diese beiden Marken noch nicht wirklich als Modulstrategie funktionieren.

Wird Herbert Diess die Auswirkungen des Dieselskandals unter Kontrolle halten können?

Die Auswirkungen des Dieselskandals hat sein Vorgänger Matthias Müller schon unter Kontrolle gehalten. Es wird sicherlich noch die eine oder andere Milliarde an zusätzlichen Kosten kommen. Wir sind jetzt schon bei rund 26 Milliarden Euro angekommen. Aber ich glaube, die Auswirkungen sind durchaus unter Kontrolle zu halten.

Was wäre in diesem Zusammenhang das schlimmste noch denkbare Szenario für den VW-Konzern?

Das schlimmste denkbare Szenario für Volkswagen wären sicherlich zusätzliche erfolgreiche Klagen von Aktionären oder von europäischen Eigentümern von Dieselfahrzeugen sowie Klagen von Eigentümern im Rest der Welt, außerhalb der USA, wo eigentlich das Wesentliche schon stattgefunden hat. Wenn da in Zukunft Kläger erfolgreich wären und Volkswagen diese entschädigen müsste, würde es natürlich noch einmal sehr viel Geld kosten.

Das Gespräch führte Klaus Ulrich.

Frank Schwope ist Autoexperte und Analyst bei der NordLB/Norddeutsche Landesbank.

 

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