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Nahost

Volksmudschaheddin im Hungerstreik

In Berlin sind die marxistisch orientierten Volksmudschaheddin aus dem Iran jetzt in den Hungerstreik getreten. Die Exiliraner protestieren gegen das brutale Vorgehen gegen ihre Genossen im Irak.

Shokrane Taheri ist seit Anfang des Montas im Hungerstreik (Foto: DW/Heymach)

Shokrane Taheri ist seit Anfang des Montas im Hungerstreik

Es sind ungewohnte Töne, die in diesen Tagen vor dem Auswärtigen Amt in Berlin erschallen: kämpferische Widerstandslieder, entschlossen geschmettert wie aus einer Kehle. Ein paar Dutzend Exiliraner versammeln sich hier seit Anfang des Monats, schwenken Fahnen und zeigen Fotos, auf denen knüppelnde Soldaten und blutverschmierte Gesichter zu sehen sind. Die Bilder sollen belegen, wie brutal irakische Sicherheitskräfte nördlich von Bagdad gegen Exiliraner vorgehen. "Terroranschläge des Mullahregimes", klingt es verzerrt aus dem Lautsprecher, die "Banditen von Maliki" schimpft der Iraner und auf die "Söldner des Mullahregimes" in Bagdad.

Die Demonstranten protestieren gegen die Stürmung des Flüchtlingslagers Aschraf, 130 Kilometer nördlich der irakischen Hauptstadt. Sie fordern ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft, eine Protestnote der Bundesregierung – so lange wollen sie im Hungerstreik bleiben.

Protest vor dem Auswärtigen Amt - Exilmudschaheddins in Berlin (Foto: DW/Heymach)

Protest vor dem Auswärtigen Amt - Exilmudschaheddins in Berlin

Aus dem Iran in den Irak geflohen

Aschraf ist die Heimat von rund 3500 Anhängern der iranischen Volksmudschaheddin. Die Anfänge des Camps reichen zurück in die 1980er Jahre. Saddam Hussein nahm die militanten Marxisten aus dem verfeindeten Iran gerne auf, doch der schiitischen Regierung von Nuri al-Maliki sind sie ein Dorn im Auge. Vor zwei Wochen stürmten seine Soldaten das Lager. 13 Menschen wurden nach Angaben der Volksmudschaheddin dabei getötet, Hunderte verletzt, drei Dutzend verhaftet und verschleppt. Die Demonstranten in Berlin fürchten, ihre Genossen könnten in den Iran abgeschoben – und dort hingerichtet werden. Denn im Iran gelten sie als Staatsfeinde.

"Man weiß gar nichts von deren Schicksal", sagt der 38-jährige Mehran Ghadaskhah. "Im Iran ist ihr Todesurteil bereits gefällt", ist der Architekt aus Münster überzeugt. "Wir befürchten ein zweites Srebrenica, einen Massenmord ohnegleichen, und das darf nicht passieren." Ghadaskhah ist deshalb seit knapp zwei Wochen im Hungerstreik, zusammen mit 30 Männern und Frauen in Berlin und vielen anderen in insgesamt sieben europäischen Städten. Zehntausende aktive Anhänger zählen die Volksmudschaheddin nach eigenen Angaben in Europa, ein- bis zweitausend sollen es in Deutschland sein. Hier firmiert die Gruppe als Teil des Nationalen Widerstandsrats. Weil sie lange Zeit auch mit Bomben und Terror gegen die Machthaber im Iran vorgingen, standen die fast sektenartig straff organisierten Volksmudschaheddin bis Anfang des Jahres auf der Terrorliste der EU.

Unterkunft in einer Kirche

Mehran Ghadaskhah in seiner Unterkunft in einer Kreuzberger Kirche in Berlin (Foto: DW/Heymach)

Mehran Ghadaskhah (links) hat Angst davor, dass seine Genossen im Irak in den Iran abgeschoben werden

Unter sakralem Backsteingewölbe in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg sind zwei Matratzenlager eingerichtet, eines für Männer und eines für Frauen. Im Fernsehen läuft der Sender der iranischen Opposition. Um den Hals tragen die Iranerinnen und Iraner gelbe Schilder mit der Aufschrift "Hungerstreik". An den Wänden hängen gerahmte Fotos von den Toten aus Aschraf. Vergangene Woche nahm die evangelische Gemeinde, die sich seit Jahren für Verfolgte einsetzt, die Männer und Frauen auf. Sie will die Volksmudschaheddin "weder verteidigen noch verteufeln", wie Pfarrer Peter Storck sagt: "Für uns gilt, dass Menschenrechte unteilbar sind".

Auch Storck weiß, dass die Anhänger der Volksmudschaheddin im Bericht des Verfassungsschutzes angeführt werden, unter der Rubrik "sicherheitsgefährdende und extremistische Bestrebungen von Ausländern." Doch mit dem Anliegen der Exiliraner zeigt sich die evangelische Gemeinde solidarisch. "Wenn Menschen in einem von der Genfer Flüchtlingskonvention geschützten Lager so behandelt werden, dann muss das in die Öffentlichkeit", sagt Storck.

Zumal auch der Verfassungsschutzbericht zu dem Schluss kommt, dass die Zeit des Terrors für die Volksmudschaheddin seit Jahren vorbei sei. Nach der Invasion der Amerikaner 2003 gaben die Kämpfer im Irak ihre Waffen ab. In Europa konzentriert sich ihre Arbeit heute auf Lobbyismus und die Propagandaschlacht mit Teheran. Dabei soll auch der Hungerstreik helfen. "Uns ist völlig bewusst, dass das eines der drastischsten Mittel ist zu protestieren", sagt Ghadaskhah, "aber das haben wir bewusst gewählt, damit die Welt, damit die Presse, damit die Menschen nicht zulassen, dass ein zweites Srebrenica geschieht."

Autor: Klaus Heymach
Redaktion: Diana Hodali