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Kultur

"Vogerlsalat" statt "Feldsalat"? Ja! Das Variantenwörterbuch der deutschen Sprache

Namibisches Deutsch, Rumänisches Deutsch, Mexikanisches Deutsch... Das Variantenwörterbuch des Deutschen zeigt, dass es verschiedene Standards der deutschen Sprache gibt - und alle sind richtig.

Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Und nicht alles, was anders als das Hochdeutsch klingt, das man im Raum Hannover spricht, ist gleich Dialekt. "Marille" zum Beispiel heißt in Österreich die Aprikose - und beide Bezeichnungen sind richtig. Es sind Varianten des Deutschen, die in den jeweiligen Ländern oder Regionen als Standard gelten - und nicht als Dialekt. Darauf legt das Variantenwörterbuch des Deutschen Wert. Die Varietäten - also die Sprachsysteme - in den verschiedenen Regionen, in denen Deutsch gesprochen wird, sollen gleichberechtigt neben dem Deutsch aus Deutschland stehen. Das Wörterbuch sieht sie als Standardsprachen mit ihren eigenen offiziell gültigen und richtigen Begriffen.

Als das Variantenwörterbuch im Jahr 2004 erschien, war es so erfolgreich, dass es sich längere Zeit auf der Schweizer Bestsellerliste für Sachliteratur behauptete. Nun gibt es eine Neuauflage, die neben Variationen aus Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Südtirol und Ostbelgien auch Wörter aus Rumänien, Namibia und den Mennoniten-Siedlungen in Mexiko umfasst.

Ideengeber und Initiator des Variantenwörterbuchs ist Ulrich Ammon, emeritierter Professor für Linguistik und Spezialist für Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen. Im Interview mit der Deutschen Welle verrät er, was ein Tüpferlischeißer ist und wie Erdäpfelsalat politisch werden kann.

DW: Herr Ammon, welche sind Ihre Lieblingswörter aus dem neuen Wörterbuch?

Prof. Dr. Ulrich Ammon: Mir gefallen natürlich solche Wörter, die recht vielfältig sind, wie zum Beispiel der Feldsalat, der heißt ja auch Rapunzel in Norddeutschland. Und der heißt Nüsslisalat in der Schweiz und Vogerlsalat in Österreich. Solche Sachen gefallen mir. Was auch sehr vielfältig ist, das ist die Bezeichnung des Gemeindevorstehers. Der heißt zum Beispiel bei den Mennoniten einfach der Älteste, der Bürgermeister. Bei den Schweizern heißt der meistens Ammann oder andernorts Gemeindepräsident. Bei uns ja Bürgermeister, in der Schweiz sogar auch Stadtpräsident. Und so gibt es eine ganze Menge von Wörtern, die in den verschiedenen Zentren des Deutschen unterschiedlich klingen.

Rosinen (Colourbox)

Rosinen verbinden nur die Deutschen mit kleinlichen Menschen, sogenannten "Korinthenkackern" - in der Schweiz und Österreich heißen sie "Tüpferlischeißer" oder "Tüpferlreiter"

So wie auch der Schweizer Tüpferlischeißer oder der österreichische Tüpferlreiter, beides Varianten des deutschen Korinthenkackers, also einer sehr kleinlichen Person...

Das ist so ein Fall eines doch recht saloppen Ausdrucks, der nicht unbeanstandet in allen Öffentlichkeiten gebraucht werden kann. Das ist ein Grenzfall des Standards. Das ist eine ganz wichtige Kategorie, die wir auch aufgenommen haben. Wie bei allen Größen in der Welt gibt es auch beim Übergang vom Standard zum Dialekt einen fließenden Übergang. Reiner Standard kann eigentlich unbeanstandet in der großen Öffentlichkeit gebraucht werden - und das ist hier eben nicht der Fall. Aber in bestimmten nicht ganz so förmlichen Situationen kann man Tüpferlischeißer, Tüpferlreiter und Korinthenkacker mit einem humoristischen Unterton benutzen.

Wenn ein Korinthenkacker keine Dialektform, aber auch kein reiner Standard ist, wo liegt denn dann der Unterschied zwischen Dialekt und Standardsprache?

Ganz generell kann er so gefasst werden, dass spezifische Dialektausdrücke regional begrenzt sind und in der großen Öffentlichkeit nicht unbeanstandet gebraucht werden. Also 'dat' und 'wat', wie man hier im Ruhrgebiet sagt, oder süddeutsch 'grauß' für 'groß' oder 'der Zwiebel' und 'der Schokolade' und so weiter - das alles ist nicht möglich, ohne dass man riskiert, dass man ausgelacht oder nicht mehr ernst genommen wird.

Der Standard kann unbeanstandet in der großen Öffentlichkeit gebraucht werden. Und da kann man durchaus noch einen leichten regionalen Akzent in der Aussprache hören, das beeinträchtigt das nicht. Ebenso im Schriftlichen, da kann Standard für öffentliche Texte gebraucht werden. Etwa für die überregionalen Zeitungen oder in der Sachliteratur. Noch ein wichtiger Unterschied ist der: Die standardsprachlichen Formen werden in der Schule unterrichtet. Und dafür gibt es als Grundlage die Kodifizierung des Standarddeutschs, nämlich die systematische Beschreibung in Wörterbüchern und Grammatiken – für Deutschland, Österreich und die Schweiz sind das jeweils verschiedene.

Deutschland Ulrich Ammon (U. Ammon)

Ulrich Ammon, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Duisburg-Essen, Initiator und Mitherausgeber des Variantenwörterbuchs des Deutschen

Können Sie denn die ganzen deutschen Varietäten verstehen?

Ja, man kann sich auf der standardsprachlichen Ebene überhaupt weitgehend verstehen. Alle können das. Wenn die Leute Standarddeutsch mit Ihnen sprechen, das österreichische oder Schweizer Standarddeutsch zum Beispiel, dann verstehen Sie es fast vollständig. Ab und zu kommt mal ein Wort vor, das Sie nicht verstehen. Wenn jemand in Österreich sagt: "Ich hab heute Mittag Karfiol gegessen", dann wüssten Sie wahrscheinlich nicht, dass das Blumenkohl ist. Das kann vorkommen. Aber im Großen und Ganzen versteht man das. Anders bei Dialekten, da hat man Schwierigkeiten, denn die weichen viel stärker vom Standarddeutschen ab - also zum Beispiel in einem Schweizer oder bayrischen Dorf.

Das heißt, dass es doch vielen schwerfällt, den Standard ohne Dialekt zu sprechen. Oder zumindest ist er nicht überall die natürliche Mundart. Wie können Sie also den Standard festlegen, wenn er im Alltag gar nicht immer gesprochen wird?

Der wird gesprochen. Der wird erstens in der Schule gelernt, er ist dort Unterrichtssprache. Und zweitens wird er auch in der größeren Öffentlichkeit gesprochen. Etwa im Großen Rat in Bern oder in den Nachrichten im Radio und Fernsehen und vor allen Dingen wird er auch geschrieben: Fast die gesamte Literatur ist in Standarddeutsch geschrieben, auch in der Schweiz.

Die Standardsprachen sind also die Sprachen der Eliten.

Ja, das gilt überall, wo noch viel Dialekt gesprochen wird. Auch in Süddeutschland ist es so, dass die weniger Gebildeten Schwierigkeiten mit dem Standarddeutsch haben. Standarddeutsch wurde in den Bildungsschichten entwickelt. Der Zweck war, über die Dialekte hinweg problemlos kommunizieren zu können. Die Kaufleute haben damit angefangen, dass sie sich überall verständigt haben, Luther hat versucht, die Wörter aufzugreifen für seine Bibel, die möglichst in großen Gebieten gebräuchlich waren. Und die späteren Autoren, Grammatik- und Wörterbuchschreiber haben alle in diese Richtung gearbeitet. Das war eine Arbeit in den Bildungsschichten. Und die damaligen Bauern, später dann auch die Arbeiter und Handwerker, sind da etwas zurückgeblieben. Das ist bis heute ein gewisses Problem.

Sie haben in der Neuauflage neben Variationen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Südtirol und Ostbelgien auch noch Rumänien, Namibia und die Mennonitensiedlungen in Mexiko mit in das Wörterbuch aufgenommen. Warum sind diese drei Sprachräume jetzt dazugekommen?

Buchcover Variantenwörterbuch des Deutschen

Die Neuauflage des Variantenwörterbuchs

Weil sie die Einzigen sind, die wir noch finden konnten, die standardsprachliche spezifische Formen haben. Es gibt ja vielleicht zwanzig deutschsprachige Minderheiten in der Welt – also in allen möglichen Gebieten, zum Beispiel in Australien, Brasilien oder Israel. Aber in all diesen Minderheitsgebieten haben sich keine spezifischen standardsprachlichen Formen entwickelt. In Rumänien, Namibia und den Mennonitensiedlungen haben wir aber eine ganze Menge von Wörtern und Wendungen gefunden, die nur dort gebräuchlich sind, zum Beispiel in Tageszeitungen. Und die die Lehrer auch im Aufsatz als korrekt akzeptieren.

Was denn zum Beispiel?

So etwas wie: "Die Kinder wollen sich einmal ausspringen", heißt es bei den Mennoniten anstelle von "sich mal austoben". Oder in Rumänien: da ist die Stachelbeere ein "Ägrisch". Und in Namibia sind die männlichen Schafe "Rammen", das ist vom Englischen "ram".

Wieviele Menschen sprechen denn in Rumänien, Namibia und Mexiko noch Deutsch?

In Rumänien sind es nur noch ungefähr 30.000 bis 40.000, aber dort gibt es in letzter Zeit einige Rückwanderer. Und noch viel wichtiger: eine ganze Reihe von Schulen mit Rumäniendeutsch als Unterrichtssprache. Bei den Mennoniten ist es ziemlich unklar, wie viele das insgesamt sind, vielleicht 100.000 bis 300.000. In Namibia sind es relativ wenige, annähernd 30.000. Aber es sind diejenigen, die eigentlich die Wirtschaft in der Hand haben. Wenn Sie in Windhuk sind, dann sehen Sie die Beschriftung an fast allen Geschäften auf Deutsch. Also das sind bedeutende, einflussreiche Gruppen.

Gerade bei Namibia steckt ja auch die Kolonialgeschichte dahinter...

Ja, der Massenmord an den Herrero ist ein großes Problem, das schon lange bekannt ist. Aber in letzer Zeit ist es mit der Geldforderung nochmal zugespitzt worden.

"Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Flotte", soll Max Weinreich gesagt haben, ein jiddischer Linguist. Das heißt, Sprachen können als politische Mittel dienen – zur nationalen Abgrenzung. Wie wirken die deutschen Sprachvariationen, die Sie in Ihrem Wörterbuch erfasst haben? Stiften sie Einigung oder Trennung?

Flash-Galerie Geschichte der Kartoffel (BilderBox)

"Kartoffel" und "Erdapfel", beides richtiges Deutsch

Das ist vor allem bei Österreich auffällig, dass die standardsprachlichen Besonderheiten als eine Art Nationalsymbol gesehen werden. Das hat sich auch beim Beitritt Österreichs zur Europäischen Union gezeigt. Damals hatte ich eine Gastprofessur in Wien, da konnte ich das schön beobachten. Da hat der damalige Bürgermeister Zilk überall ein Plakat aufhängen lassen, das hatte die Überschrift: "Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat". Kartoffeln sind in Österreich Erdäpfel. Die Österreicher haben dann bei ihren EU-Verhandlungen erreicht, dass die österreichischen Varianten in den offiziellen Texten der Europäischen Union mitaufgeführt werden.

Da wird ja viel über Landwirtschaft geredet. Wenn also etwas über Kartoffeln beschlossen wird, dann steht da mit einem Schrägstrich immer auch "Erdäpfel" daneben. Die Österreicher haben auch dagegen gekämpft, dass aus Deutschland allzu viele Ausdrücke übernommen werden. Zum Beispiel hat ein renommierter österreichischer Autor einen Aufsatz geschrieben "Der Kampf an der Sahnefront" und hat sich dafür eingesetzt, dass gegen das Eindringen der "Sahne" gekämpft wird - und die österreichischen Varianten "Rahm" und "Obers" verteidigt werden. Das ist ein Indiz dafür, dass die Österreicher ihre österreichische Nation durch sprachliche Ausdrücke symbolisch unterstützen möchten.

Bietet das Wörterbuch Zündstoff für Nationalismus?

Eigentlich nicht. Wir haben eigentlich genau die gegenteilige Zielrichtung im Auge. Das Problem war ja bisher, dass die Deutschen die anderen deutschen standardsprachlichen Besonderheiten aus Österreich, der Schweiz, Rumänien, Namibia nicht als Standard anerkannt, sondern als Dialekt bewertet haben. Wenn die Österreicher Marille oder Karfiol sagten, dann war das für die Deutschen Dialekt. Und wir legen Wert darauf, dass das kein Dialekt ist, also nichts "Minderwertiges", was man in der Öffentlichkeit nicht gebrauchen kann, sondern dass es "das richtige Deutsch" dort ist und dass die Deutschen das gefälligst auch so sehen sollen. Das Wörterbuch dient eher der Emanzipation der Kleinen, die in ihren Besonderheiten gestärkt werden sollen. Und so wird es auch in der Schweiz und Österreich aufgenommen. Da wurden besonders viele Exemplare des Wörterbuchs verkauft und die Neue Zürcher Zeitung hat einen großen Artikel geschrieben: "Endlich ein demokratisches Wörterbuch".

Sachertorte (BilderBox)

Mit "Rahm", "Obers" oder "Sahne" schmeckt die Sachertorte gleich noch besser