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Staunen und Wundern

Vogel - Raupe? Raupe - Vogel?

Das Verhältnis von Raupe und Vogel ist eigentlich das von Beute und Jäger. Für einen Vogel im Amazonasgebiet stellt eine Raupenart hingegen ein überlebenswichtiges Vorbild dar.

Ein orangenes, haariges Etwas windet sich auf dem mit Blättern übersäten Boden. Die langen Haare mit schwarzen Ansätzen lassen das Wesen giftig und abstoßend wirken. Die Botschaft ist klar: Nicht berühren! Die Taktik, die sich dahinter verbirgt, ist nicht neu. Extravaganz und bunte Farben kommen in der Natur häufig vor. Bei einigen Arten sind sie Schönheitsideal. Je bunter und verrückter die Männchen, desto höher stehen die Fortpflanzungschancen. Andere Lebewesen schrecken damit Fressfeinde ab - intensive Farben als Signal für Ungenießbarkeit oder gefährliches Gift. Insekten, Reptilien, Amphibien oder auch Fische setzen die zweite Variante häufig ein. In diesem Fall ist das angesprochene Etwas allerdings ein Vogel!

Raupe des Tropischen Nachtfalters Megalopygidae

Haariges Vorbild: Die Raupe der Mottenart Megalopygidae

Geschütztes Heranwachsen

Der Graue Tropfenflügeltyrann ist in Regenwäldern des Amazonasbeckens heimisch. Hier leben auch Schlangen und Affen, die kleine Vogelküken zum Fressen gern haben. Etwa 80 Prozent der Küken in dieser Regenwaldregion fliegen niemals - sie werden vorher gefressen. Die Eltern verbringen viel Zeit abseits vom Nest und füttern den Nachwuchs nur einmal pro Stunde, weshalb die Küken nur langsam wachsen. Die ersten 18 Tage nach dem Schlüpfen lebt der Nachwuchs des Tropfenflügeltyranns besonders gefährlich. Erst dann entwickelt er die Flugfähigkeit. Die ausgewachsenen Vögel haben - wie der Name schon sagt - ein langweiliges, graues Gefieder. Das Orange der Jungen ist dagegen eine echte Signalfarbe!

Küken des grauen Tropfenflügeltyrann

"Friss mich nicht!" - scheint die orangene Signalfarbe zu sagen

Sie ahmen damit die zwölf Zentimeter großen Raupen der Mottenart Megalopygidae nach. Die Küken sind fast genauso groß. Die Raupen leben in der Nähe der Vogelnester. Ihr Gift verursacht starke Schmerzen und mehrere Tage anhaltendes Brennen - eine Erfahrung, die Raubtiere kein zweites Mal machen möchten.

Nicht nur Orange

Die Taktik, sich der Warnsignale giftiger Arten zu bemächtigen, heißt Batessche Mimikry, benannt nach dem englischen Naturforscher Henry Walter Bates. Für Vögel ist sie extrem ungewöhnlich. Bei den Küken des Grauen Tropfenflügeltyranns geht die Nachahmung sogar über das bloße, orangene Gefieder hinaus. Selbst die Fortbewegung der jungen Vögel gleicht der einer Raupe. Mit Kopf nach unten kriechen sie über den Boden, der Körper wippt dabei hin und her. Diese Entdeckung machte ein internationales Forscherteam. Die Wissenschaftler um Gustavo Londoño von der University of California stellten dazu Kameras zur Beobachtung der Vögel auf.

Grauer Tropfenflügeltyrann

Langweilige Eltern: Die ausgewachsenen Vögel haben ein graues Gefieder

Selbst wenn die Eltern mit Futter zum Nest kommen, bleiben die Küken in der Raupen-Rolle. Erst nach einem speziellen Ruf geben sich die Kleinen als Vögel zu erkennen. Orange ist eigentlich eine sehr auffällige Farbe. Vom Laub in den Nestern hebt sie sich allerdings kaum ab. Die Forscher gehen davon aus, dass die Farbe nicht nur zur Nachahmung, sondern auch zur Tarnung dient.

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