1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Gastkommentar zur Bundestagswahl

Vladimir Flórez: Jemand muss ja die Drecksarbeit machen

Obwohl sie die Aura einer Gymnasiallehrerin versprüht, ist Angela Merkel die einzige europäische Regierungschefin, die Donald Trump Paroli bieten kann, meint der kolumbianische Karikaturist Vladdo.

Die Worte Demagogie und Demokratie schienen bisher allein im Wörterbuch in relativer Nähe zueinander zu stehen. Doch nun rücken sie auch in der politischen Realität immer näher zusammen. Nach so vielen Verwüstungen und Tragödien, für die Demagogen die Verantwortung tragen, scheint die Menschheit ihre Lektion noch immer nicht gelernt zu haben. Schlimmer noch: Die Demagogie ist in den zeitgenössischen Demokratien nicht etwa ausgerottet - sie nutzt sie als Nährboden und breitet sich entlang der Ohnmacht von Bürgern aus, die nicht wissen wie ihnen geschieht.

Fast scheint es so, als würde ein bereits bekannter Film erneut anlaufen und das Böse - wie schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts - abermals Länder aller Größen und politischer Tendenzen infizieren.

Demagogie, das Übel unserer Zeit

In Lateinamerika gibt es einen weit verbreiteten Typus Politiker: Zunächst wird er aufgrund seiner Popularität gewählt, um sich dann mit Hilfe von Demagogie an der Macht zu halten. Dabei verletzt er dann die elementarsten Prinzipien der Demokratie, die seinen Aufstieg erst möglich gemacht hat. Aber in unseren unterentwickelten Breitengraden ist das keine Neuigkeit. Demagogie ist hier Teil der politischen Landschaft.

Wirklich besorgniserregend ist dagegen, dass sich dieses Virus nun auch in Ländern breitmacht, die eine entwickelte politische Kultur, zuverlässige Institutionen und eine lange, traditionsreiche demokratische Geschichte haben.

Wir haben es in Großbritannien mit dem Brexit-Referendum gesehen und in den Vereinigten Staaten mit dem Erfolg von Donald Trump. In beiden Fällen hat sich der gesunde Menschenverstand zugunsten allgemeiner Verwirrung verabschiedet. Zu verdanken ist all das einer Demagogie, die sich speist aus der Unzufriedenheit der Bevölkerung und dem Unvermögen des Establishments.

Vor den Wahlen in Deutschland war es hingegen geradezu erfrischend zu sehen, dass die beiden Kanzlerkandidaten nicht der Versuchung verfallen sind, die Menschen mit zugkräftigen Themen wie Nationalismus und Migration zu umschmeicheln, so wie man es im Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton beobachten konnte. Eine Kampagne die in dem absurden Vorschlag des inzwischen gewählten Präsidenten gipfelte, eine Mauer an der südlichen Grenze der USA zu bauen.

Merkel erwachsener als Trump

Auch vor dem Hintergrund des Beinahe-Schocks in Frankreich, wo es die rechtsextreme Marine LePen in Stichwahl um die Präsidentschaft schaffte, strahlt die Auseinandersetzung zwischen Angela Merkel und Martin Schulz eine wohltuende Ruhe aus. Sehr wahrscheinlich wird die amtierende Kanzlerin ein Mandat für ihre vierte Amtszeit bekommen. Aber selbst wenn am Ende völlig überraschend der Gewinner doch der ehemalige Präsident des Europaparlaments wäre, würden niemand die Haare zu Berge stehen.

In einer Zeit, in der Trump durch sein unberechenbares Verhalten die halbe Welt verwirrt, ist es eine gute Nachricht zu wissen, dass die wichtigste Macht Europas weiterhin in den Händen eines erwachsenen Menschen mit Verantwortungsbewusstsein liegt - etwas, was man derzeit von den Vereinigten Staaten nicht behaupten kann.

Zwölf Jahre im Amt sind zwölf Jahre Erfahrung

Trotz ihrer Ausstrahlung einer Gymnasiallehrerin und der Stimmlage einer Nonne, hat sich Angela Merkel auch das Image einer standfesten Frau erworben, die nicht gleich die Nerven verliert, wenn sie eine kontroverse Entscheidung treffen muss - wie beispielsweise im Spätsommer 2015 die Öffnung der Grenzen für rund eine Million Menschen, die um Schutz nachsuchten. Obwohl dies vor zwei Jahren wie eine selbstmörderische Entscheidung erschien, vertrauen ihr nun laut den Umfragen doch wieder viele ihrer Landsleute. Zwölf Jahre Verschleiß im Amt sind letztlich auch zwölf Jahre Erfahrung.

Und außerhalb Deutschland genießt Angela Merkel als Dank für ihre maßvolle Politik großen Respekt. Sie hat bewiesen, dass sie die einzige Regierungschefin in Europa ist, die Trump Paroli bieten kann. Jemand muss ja die Drecksarbeit machen.

 

Vladimir Flórez, auch bekannt als Vladdo, ist ein kolumbianischer Karikaturist und Satiriker. Für seine Arbeit wurde er bereits von der Inter American Press Association in der Kategorie "Cartoon" ausgezeichnet.

Die Redaktion empfiehlt