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Politik

Vive le europäische book!

Das Ende des denkenden Europas ist nahe, wetterte der Präsident der französischen Nationalbibliothek Jean-Noel Jeanneney in der Tageszeitung Le Monde. Warum?

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Bernd Riegert

Jeanneney, Hüter der französisch-sprachigen Literatur, fürchtet, dass die in seinen Augen kulturimperialistischen Amerikaner ihre Sprache dem Rest der Welt aufpfropfen wollen, um schließlich den jahrhundertealten Wissensschatz Europas unzugänglich zu machen.

Der Grund: Das amerikanische Unternehmen Google ist seit Dezember letzten Jahres dabei, für seine Internet-Suchmaschine den Bibliotheksbestand der vier führenden englisch-sprachigen Universitäten Harvard, Stanford, Michigan State und Oxford zu digitalisieren. Google-Nutzer sollen so kostenlos Zugriff auf 4,5 Milliarden Buchseiten bekommen. Diese gigantische Menge wird jungen Internet-Nutzern vorgaukeln, es gäbe keine anderen Bücher als diese, glaubt Jean-Noel Jeanneney.

Mäßiges Interesse bei den Nachbarn

Er ruft seine europäischen Kulturgenossen zum Kampf gegen das übermächtige Englisch auf und fordert ein europäisches Digitalisierungsprojekt ähnlichen Umfangs. Doch der Schlachtruf des Franzosen findet bei europäischen Kollegen nur gedämpften Widerhall: Der Chef der Internetabteilung der königlichen Bibliothek der Niederlande, Johan Steebakkers, sagte achselzuckend, Englisch sei nun einmal die lingua franca der Welt und längst nicht mehr nur die Sprache von Briten und Amerikanern. Ute Schwens von der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main glaubt, dass die Europäer sich zusammenschließen sollten, nur sieht sie arge Finanzierungsprobleme. Der Staat könne wohl kaum mit der privaten Firma Google konkurrieren. Wirklich nicht?

"Europäische Bibliothek" fast fertig

Der wortgewaltige Präsident der französischen Nationalbibliothek und andere Kulturpessimisten haben wohl übersehen, dass die Europäische Kommission zusammen mit Nationalbibliotheken aus Finnland, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Portugal, Slowenien, der Schweiz und Großbritannien bereits daran arbeitet, deren digitale Bestände in einem Internetprojekt zusammen zu führen. Diese "Europäische Bibliothek" soll in diesen Tagen offiziell ihren Betrieb aufnehmen. Es werden zwar nicht wie bei Google 5000 Bücher täglich durch den Scanner gejagt, aber immerhin ist ein Anfang gemacht. Vielleicht sollte sich Direktor Jeanneney mit seiner französischen Nationalbibliothek dem Projekt schleunigst anschließen.

Die "Europäische Bibliothek" mit Sitz in Den Haag verhandelt übrigens bereits mit ...na, raten Sie mal!.... Genau! ... mit Google über eine Kooperation. Dann könnten auch europäische Bücher in der gigantischen Online-Bibliothek landen. Ein Google-Sprecher versicherte, man habe nie ausgeschlossen, auch nicht-englische Texte zu scannen. Also kein Grund für französischen Kulturpessimismus, auch wenn die Internetseite der "Europäischen Bibliothek" zurzeit nur in Englisch abzurufen ist. Mon dieu! Kleiner Schönheitsfehler.

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